24.09.2001

Neue Bücher

BELLETRISTIK
UNTERGANG IN EISIGEN HÖHEN: Die Mullahs schüren Revolution, der Schah steht vor der Flucht. Persien, 1979. Hinein ins Chaos reist ein deutsches Schwulenpärchen, das mehr mit seinen Streitereien ("Weißt du was? Du bist mongoloid.") als mit dem Untergang der Monarchie beschäftigt ist. Der eine stirbt, und der andere wird der Spionage verdächtigt. Doch als es wirklich eng wird für diesen naiven Tropf, schickt ihn ein Rumäne urplötzlich nach Tibet, damit er einen heiligen Berg umwandere. Warum, verstehen nur Allah und der Autor. Der Ich-Erzähler aber gehorcht, er filzstiefelt fügsam hinauf in die eisigen Höhen. Schade: In Krachts Persien-Passage ist die Spannung so groß, die Stimmung so dicht, die Sprache so schier, dass man dem Autor den Sprung nach Tibet kaum verzeihen mag.
Christian Kracht: "1979". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 192 Seiten; 34,90 Mark. Erscheint am 1.10. % Nina Freydag
LEBENSLANG FALSCH: Manche Tragödien beginnen mit einer Umarmung. Als Hans Arbogast am 1. September 1953 eine junge, hübsche Flüchtlingsfrau in seinem Borgward Richtung Freiburg mitnimmt, ahnt er nicht, dass ihn die Anhalterin ins Gefängnis bringen wird. Während eines leidenschaftlichen Liebesaktes auf einer Wiese stirbt sie plötzlich in seinen Armen. Wenig später wird der vorbestrafte Vertreter für Billardtische auf Grund des Gutachtens eines anerkannten Professors als "Lustmörder" zu lebenslanger Haft verurteilt. Falsch und fahrlässig, wie sich 14 Jahre später durch Untersuchungen eines Anwalts, eines Schriftstellers und einer Ost-Berliner Gerichtsmedizinerin herausstellt. Thomas Hettche, 36, fesselt den Leser mit seiner Mischung aus Liebestragödie, Krimi und Gerichtsdrama und macht ihn Seite für Seite zum Komplizen auf der Suche nach der Wahrheit. Ein erschütternder Ausflug in die deutsche Justizgeschichte.
Thomas Hettche: "Der Fall Arbogast". DuMont Buchverlag, Köln; 352 Seiten; 44 Mark. % Martina Hinz
LICHT AM ENDE: Mit einem Dutzend trauriger Dramen um Menschen, die im Kampf um ihr tägliches Überleben resigniert haben, stürmte Jon Fosse Europas führende Theaterbühnen. Sein neuer Kurzroman dagegen liest sich wie das Produkt eines geläuterten Schwarzsehers, der ins Licht zurückgefunden hat. "Morgen und Abend" erzählt von den finalen Wahrnehmungen des eben verstorbenen Fischers Johannes. Die Gewichte seines alten, beschwerlichen Lebens sind von ihm gefallen. Und so blickt Fosses Held mit dem Gefühl heitererer Verwunderung zurück: auf seine Ehe, seine sieben Kinder und die Beziehungen zu denen, die ihm wichtig waren. In einer Sprache von stupender Klarheit entrollt sich die kurze Chronik eines glücklichen Todes, bei dem das Sterben zum verlockenden Kinderspiel mutiert.
Jon Fosse: "Morgen und Abend". Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Alexander Fest Verlag, Berlin; 120 Seiten; 29,14 Mark. % Peter Henning
NEW YORK, FRÜHER: Wie jedes Kind, das vom Land in die Großstadt zieht, bekommt auch Alexander Vine, jüdischer Vertretersohn aus New Jersey, von seinen Eltern gut gemeinte Ratschläge für den Sündenpfuhl New York. Doch statt strebsam aufs College zu gehen, jobbt er als Türsteher in einem In-Restaurant. Sein Trinkgeld verbraucht er für nächtliche Eskapaden, für die Huren, die er nachts im Park aufsucht - am liebsten Goldie, die dicke Schwarze, weil die ihm das Gefühl gibt, dass sie es gern tut. US-Autor und Zeitungs-Kolumnist Jonathan Ames, der mit "Flüchtig wie die Nacht" 1989 sein Debüt gab, hat die Sehnsüchte seines jugendlichen Antihelden wie ein Mosaik aus seinen Erlebnissen an der Lower East Side und Erinnerungen aus seiner Kindheit montiert. Sein Episodenroman ist mal drastisch im sexuellen Detail wie bei Philip Roth, mal nachdenklich-zart wie in dem Klassiker "Nenn es Schlaf" von Henry Roth.
Jonathan Ames: "Flüchtig wie die Nacht". Aus dem Amerikanischen von Friedhelm Rathjen. Europa Verlag, Hamburg; 224 Seiten; 34,50 Mark. Erscheint am 1.10. % Reinhard Helling
SACHBÜCHER
MONK IM OHR: "Er spielte jeden Ton so, als wäre er noch von dem vorangegangenen überrascht, als würde jede Berührung seiner Finger auf der Tastatur einen Fehler korrigieren." Gemeint ist Jazz-Legende Thelonius Monk. Geoff Dyer schafft es tatsächlich, sein Pianospiel mit Worten ins Ohr seiner Leser zu zaubern; und so erliegen auch jene, die noch von Monk, dem Saxofonisten Lester Young oder dem Trompeter Chet Baker gehört haben, der Faszination von Dyers Buch. Denn der Brite hat sich die Freiheit genommen, verbürgte Ereignisse aus dem Leben von Jazz-Größen wie Duke Ellington, Ben Webster und Art Pepper fiktiv aufzuarbeiten. Das Resultat sind acht anrührende Novellen über Rassismus, Drogensucht, Liebe und das Glück des Musizierens.
Geoff Dyer: "But Beautiful - ein Buch über Jazz". Aus dem Englischen von Matthias Müller. Argon Verlag, Berlin; 256 Seiten; 48,70 Mark. % Hans Hielscher
REDEKÜNSTE: Sprechen Sie Ainu? Dann sind Sie entweder uralt, ein Genie oder schlicht ein Lügner. Schon 1993 waren nur fünf Personen bekannt, die das Idiom der Ureinwohner Nordjapans noch fließend beherrschten. Heute ist es praktisch ausgestorben, wie weltweit Hunderte anderer "Zwergsprachen". Die bedrohten Arten bilden im neuen Buch des bienenfleißigen Harald Haarmann den Club der Exoten, der Stoff für Quizfragen liefert ("Wo redet man kymrisch?"). Aber auch wer nur bei "Deutsch" aufblättert, kann staunen, dass in Israel fast 100000 und in Sibirien über eine drei viertel Million Menschen Deutsch reden. Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Schrift, sogar literarische Leistungen - alles ist in diesem kompakten Meisterwerk so klar beschrieben, dass jede Entdeckung neugieriger macht. Übrigens: Kymrisch spricht und schreibt man bis heute in Wales. Nicht so weit weg eigentlich.
Harald Haarmann: "Kleines Lexikon der Sprachen". Verlag C.H. Beck, München; 456 Seiten; 36 Mark. %
Johannes Saltzwedel

KulturSPIEGEL 10/2001
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