31.12.2001

Kuck mal, ein Gedicht

Früher fotografierte er Jeans, jetzt macht er Werbung für Lyrik: In „Poem“ erzählt Regisseur Ralf Schmerberg das Drama des Menschseins - in Versen.
Greifswalder Straße 88, Ost-Berliner Plattenbau, 12. Stock. Ein Mann sitzt am Esstisch, neongrüner Jogginganzug, schlabbriges Unterhemd, Aldiletten an den Füßen. Es gab Buletten zum Mittag, Erbspüree und braune Soße. Die klebt jetzt auch auf seinem Hemd. "Ich bin doch nicht eure Waschfrau", brüllt seine Frau, Laufmasche in der Strumpfhose, ungeschminkt, fettiges Haar. Er sagt: "Wenn du so dünne Soßen kochst", lacht dreckig, kratzt sich im Schritt. Die Kinder zerren an ihren Windeln, quengeln, grapschen nach den Wellensittichen im Käfig.
Gleich wird die Frau explodieren. Einen blauen Ballon über den Kopf stülpen, der größer und größer wird, wegtauchen aus dem Alltag in eine schöne Welt. Sie wird ein Gedicht sprechen:
"Eine einzige Stunde frei sein!
Frei, fern!
Wie Nachtlieder in den Sphären.
Und hoch fliegen über den Tagen
möchte ich
und das Vergessen suchen -
über das dunkle Wasser gehen
nach weißen Rosen,
meiner Seele Flügel geben ..."
"Super Shot", sagt Ralf Schmerberg, Trekkinghose, Videokamera vor dem Gesicht, bunte Wollmütze. "Wir packen ein." Schmerberg, 36, ist Filmregisseur; er gab seiner Produktionsfirma den Namen Trigger Happy, schießwütig. Der Mann im Jogginganzug ist Jürgen Vogel, seine Filmfrau Anna Böttcher, bekannte Schauspieler beide. Das Gedicht ist von Ingeborg Bachmann. Es heißt "Nach grauen Tagen" und klingt verzweifelt.
Ein anderer Tisch. Ende der neunziger Jahre, als der Ost-Berliner Zionskirchplatz begann, schick zu werden. Schmerberg, gebürtiger Stuttgarter und soeben hierher gezogen, hatte sich in seinem Büro-Loft ein Zimmer ganz aus Büchern eingerichtet. Er las sich durch deutschsprachige Lyrik; Klassisches von Goethe, verirrte Sinnsuche von Hermann Hesse, Expressionistisches von Georg Trakl, Gültiges von Kurt Tucholsky, Paul Celan, Heiner Müller, Else Lasker-Schüler. Warum? "Ich bin auf der Suche nach Sprache, nach deutscher Identität im 21. Jahrhundert."
Schmerberg ist Werbefilmer, einer der erfolgreichsten in Deutschland. Er lebte in Indien, in Amerika und fast überall sonst auf der Welt. Mit Anfang zwanzig brachte er sich das Fotografieren bei. Machte Modeaufnahmen für Joop, Jeanswerbung für Mustang, drehte für die Agentur Wieden + Kennedy einen Nike-Spot mit Michael Jordan und Musikvideos für Die Toten Hosen und Die Fantastischen Vier. Schmerberg galt als einer, für den Werbung kein Ziel war, sondern Station, und der deshalb auch die besseren Einfälle hatte. "Hinsetzen und sehen, was geht", war sein Motto, im Job wie im Leben. Es ging viel damals. Nur irgendwann eben nicht mehr weiter.
Nach über zehn Jahren Reisen, nach fetten Aufträgen und Auszeichnungen für seine Arbeiten war Zeit für eine Welt jenseits der schnellen Schüsse. "Ich habe zu viele Texte gelesen", sagt Schmerberg. Sätze von Werbetextern, die geklaut waren und keine Verbindung mehr hatten mit den Produkten. Texte von Musikern, die sich für Poeten hielten. Verbrauchsprosa, die flach war und keine Bilder mehr vor Schmerbergs Augen rief. Man könnte vermuten, dass Schmerberg die Welt, für die er arbeitete und von der er gut lebte, mit dem Blick des Weitsichtigen betrachtete. Er sagt: "Sie ,touchte' mich nicht mehr."
Auf seinem Tisch in Berlin-Mitte lagen damals, Ende der neunziger Jahre, auch Angebote für Spielfilme: Drehbücher zum HipHop-Hype oder Berlin-Filme über "kranke Pärchen in einer kranken Stadt, die sich mit kranken Dialogen auf die Nerven gehen". Wenn schon Spielfilm, wenn schon Sprache, fand Schmerberg, "dann muss sie mir etwas geben". Also suchte er in seinem Bücherzimmer nach Gedichten, die etwas mit ihm anstellten, die Bestand hatten und den Blick wach werden ließen.
Nach zwei Jahren hatte Schmerberg 24 Gedichte ausgewählt, gemeinsam mit Antonia Keinz, selbst Autorin. Sie setzten sie zu einer Geschichte zusammen: das Drama des Menschseins - von der ersten Liebe, Kindern, Gott, Trauer bis zum Tod. Schmerberg schrieb kleine Drehbücher für jedes Gedicht, mal mit Handlung, mal dokumentarisch, mal ernst, mal verspielt, meist poetisch. Kein Kontakter redete ihm rein.
Was "toucht" Schmerberg an Paul Celan? Die Erkenntnis, dass deutsche Sprache nicht nur derbe sei, freudlos, sondern "voller Courage und Schönheit". In solcher Lyrik liegt die Herausforderung: dass seine Filme plötzlich nicht mehr nur laut sind, sondern ein Angebot von Assoziationen - ein Nebeneinander des literarischen Wortes und des Filmbilds.
"Poem - Aus Leidenschaft zur Sprache" nennt Schmerberg sein Projekt, an dem er nun im fünften Jahr arbeitet und in das er 2,5 Millionen Mark gesteckt hat. Keine davon kam von der Filmförderung. Schmerberg will mit seinem Film die deutsche Lyrik retten. Im deutschen Kino. Vielleicht auch ein bisschen sich selbst.
Mit Kameramännern wie dem gebürtigen Iraner Darius Khondji ("Delicatessen", "The Beach") und dem Niederländer Robby Müller reist Schmerberg nach Brasilien, Tibet, Island, zur Karwoche nach Spanien. Zum ersten Mal seit 15 Jahren stand David Bennent vor der Kamera, mit "Das Morgenlied" von Georg Trakl. Herman van Veen war dabei, Meret Becker, Hunderte von Statisten. Klaus Maria Brandauer gab "Der Schiffbrüchige" von Heinrich Heine; und Luise Rainer, zweifache Oscar-Preisträgerin und Hollywood-Star der dreißiger Jahre, stand in Island vor einem Wasserfall, Goethes "Gesang der Geister über den Wassern" rezitierend.
"Poem" sei ein merkwürdiges Projekt, sagt Schmerberg. Eines, das Kräfte freisetze. Mit Marcia Haydée drehte er in Brasilien zu Silvester, wenn weiß gewandete Brasilianerinnen Blumen in kleinen Booten aufs Meer schicken. Als die Primadonna zu Else Lasker-Schülers "An den Ritter aus Gold" durch die Wellen schritt, hielten die Statisten sie für eine Erscheinung, von Gott geschickt. Am Himalaya wartete das Team auf die Sonne, fünf Stunden lang blickten sie mit Graugläsern in den Wolken verhangenen Himmel. Plötzlich öffnete er sich, für wenige Sekunden. Schmerberg rief "Klappe" und begriff, was Rainer Maria Rilke mit "entatmete Himmel" meinte, dem Bild, das er vorher nie verstanden hatte.
Und dann brannte Babelsberg. Zu einem Gedicht von Heiner Müller sollte ein Laden voller Hochzeitskleider in Flammen aufgehen, das war der Regieeinfall. Doch dann ließ sich die elektrische Tür im Pyrotechnikstudio nicht mehr öffnen, der Rauch zog nicht ab. Schmerberg und neun seiner Leute wurden mit Verbrennungen und Vergiftungen in Krankenwagen vom Set gefahren.
"So sind Dichter", sagt Schmerberg heute, bescheiden und beinahe demütig. "Sie haben Worte gefunden, die uns das Geschaute fühlbar machen." In bedeutsame, bleibende Momente verwandelt. Momente, die Lyrik "voll echt" machen, sagt Schmerberg.
Jetzt ist "Poem" beinahe fertig, das Gedicht von Ingeborg Bachmann abgedreht, es wird geschnitten. Jürgen Vogel sagt: "Dies ist mein Beitrag zur kulturellen Erweiterung der deutschen Bildung", und grinst. Gage wolle er keine, dafür aber den neongrünen Jogginganzug.
Schmerberg will "Poem" im Sommer in die Kinos bringen, er träumt von Cannes. Einen Verleih hat er noch nicht. Aber genug Mut, große Namen und Talent, Zweifler zu überzeugen. Jetzt wird er wieder Werbung filmen, Aufträge mit Kontaktern abstimmen, die Storyboards anderer bebildern. Derweil läuft im Fernsehen "Goodbye D-Mark", Schmerbergs Spot für die HypoVereinsbank. Es ist sein Abgesang auf das Geld, mit dem "wir unsere Träume erfüllten". Geniale Imagewerbung. Und auch ein Film über das deutsche Wesen.
"Nun schreite herab, titanischer Bursche / Und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir!"
GEORG TRAKL
"Liebe / im atmenden Wald / wo Grasspitzen sich verneigen / weil / es nichts Schöneres gibt"
ROSE AUSLÄNDER "Seele des Menschen / Wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen / Wie gleichst du dem Wind!"
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Von FIONA EHLERS

KulturSPIEGEL 1/2002
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