31.12.2001

MusikNEUE CDS

POP
LEGENDÄR: Andre Young, der sich Dr. Dre nennt, ist 36, und man kann ihn bereits guten Gewissens als historische Figur des HipHop bezeichnen: Er war Mitglied der berüchtigten und legendären Niggers With Attitude, inzwischen ist er Produzent, Autor und Solo-Musiker. Er hat an die 40 Millionen Platten verkauft, Snoop Doggy Dogg und Eminem mit Bestsellern versehen und dem HipHop Melodie, Stil und ein gewaltiges Publikum gegeben. Als Nachhilfe für Nachzügler gibt es nun eine "Best of"-Sammlung mit vergangenen Großtaten. Fabelhafte Dr.-Dre-Streiche für die Gegenwart finden sich auf dem Soundtrack "The Wash". Respekt.
Dr. Dre: "The Chronicle" (Death Row Records/SPV) %
Diverse: "The Wash" (Interscope/Universal) %
LÄSSIG: Robbie Williams ist es gelungen, mit seiner Swing-Platte Frank Sinatra zum Hitparaden-Thema zu machen. Doch auch Dean Martin war ein As seiner Zunft. Mit einer Stimme, die so sanft war wie ein guter, alter Whiskey, konnte er Latin-Nummern genauso lässig singen wie Country. Viel davon ist nun in zwei luxuriös ausgestatteten Boxen gesammelt, die sich garantiert auch der Dean-Martin-Fan Robbie Williams anschaffen wird.
Dean Martin: "Everybody Loves Somebody" und "Lay Some Happiness On Me" (Bear Family Records). Erscheinen am 11.1. %
EXZELLENT: Die Brit-Pop-Band Gene bestand lange aus Jungs, die sich verzweifelt mühten, wie ihre Idole The Smiths zu klingen. Aber nun: Überraschung! Ihr neues Album ist exzellent. Gekonnt schwelgerischer Gitarren-Pop. Nun klingen Gene endlich wie Gene.
Gene: "Libertine" (Evangeline/Edel Contraire) %
LUXURIÖS: Eine von diesen Platten, die man auflegt, wenn man nachts nach Hause kommt. Der Brite Richard Hawley, der schon Gitarre für Pulp spielte, hat ein Album von spektakulärer Schönheit aufgenommen. Luxuriös instrumentierter Zeitlupen-Pop für Tag- und Nachtträumer.
Richard Hawley: "Late Night Final" (Setanta/EFA) % Christoph Dallach
JAZZ
SAKRAL: Mit sieben Jahren spielte er zum ersten Mal öffentlich Klavier - in einer Kirche seiner Heimatstadt Baltimore. Und obwohl er sich seit damals zum gefeierten Alleskönner entwickelte, fühlt sich Cyrus Chestnut nach wie vor sakraler Musik verpflichtet. So platzierte er auf dieser CD zwei Gospel-Standards als Solostücke neben Eigenkompositionen, die im Trio oder in größeren Besetzungen dargeboten werden. Christian McBride (Bass), Stefon Harris (Vibraphon), James Carter (Saxophon) und andere unterstützen Chestnut bei der Zubereitung seines Futters für die Seele.
Cyrus Chestnut: "Soul Food" (Atlantic/Warner) %
AFRO-NORDISCH: Kinder in Norwegen haben ihn auf Schulkonzerten erlebt; Musiker engagierten Miki N'Doye, der 1976 aus dem westafrikanischen Gambia einwanderte, für ihre Bands. Doch erst jetzt hat der "Masterdrummer" ein eigenes Album herausgebracht. Der stets neue Sounds suchende Keyboarder Bugge Wesseltoft ließ den singenden Perkussionisten ein Orchester aus Afrikanern und Skandinaviern zusammenstellen. Die Kommunikation klappt blendend.
Miki N'Doye Orchestra: "Joko" (Act/ Edel Contraire). Erscheint am 21.1. %
KÜHL: Der Trompeter Reiner Winterschladen bildet mit dem Bassisten und Keyboarder Dal Martino das Duo Nighthawks, dessen Musik an das gleichnamige Bild von Edward Hopper erinnert: melancholische Klänge von kühler Klarheit mit traurigen Trompetentönen über entspannt fließenden Grooves. Die laut Hülle unter "Lounge Jazz" einzuordnende CD fasziniert selbst Fans des handgemachten Straight Ahead Jazz.
Nighthawks: "Metro Bar" (Intuition/ SunnyMoon) %
MINIMALISTISCH: Die Kamerunerin aus Paris hat als Background-Sängerin hinter Salif Keita und Dee Dee Bridgewater gestanden. Nun singt Coco Mbassi eigene Lieder, die der klassisch ausgebildete Bassist Serge Ngando-Mpondo minimalistisch arrangiert hat. Ein überraschendes Album.
Coco Mbassi: "Sepia" (Tropical Music/ BMG Aris) % Hans Hielscher
KLASSIK
ROMANTISCH: Mancher Schuss im Leben geht daneben. Der Jägerbursche Max will das nicht wahrhaben und lässt sich deshalb mit dunklen Mächten ein. Bruno Weil und die Cappella Coloniensis des WDR musizieren Carl Maria von Webers romantisch-schaurigen Freischütz mit feinen Zwischentönen. Christoph Prégardien singt den Max mit weicher, doch kerniger Tenorstimme. Neue Texte von Steffen Kopetzky statt der alten Dialoge runden diese gelungene Aufnahme ab: "Durch die Wälder, durch die Auen".
Bruno Weil: "Der Freischütz" (Deutsche Harmonia Mundi 05472 77536 2 / BMG) %
KOLLEGIAL: Es ist immer aufschlussreich, Dirigenten bei Proben zuzuhören. Mancher Maestro markiert den Macho, und die Instrumentalisten leiden. Karl Böhm setzte 1974 beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart dagegen auf Überzeugungsarbeit und Kollegialität. Er unterbricht nicht oft, sondern ruft seine Kommentare, während die Musiker die 40. Sinfonie von Mozart spielen. Diesen liebenswerten Lauschangriff auf die Musik-Werkstatt gibt's jetzt auf CD. Nach der Probenarbeit hört man die gesamte Sinfonie mit anderen Ohren. Auch Beethovens 4. Klavierkonzert mit der Solistin Branka Musulin gelingt Böhm mit den Stuttgartern vortrefflich. Ein schönes Dokument.
Karl Böhm: "Karl Böhm conducts Mozart and Beethoven" (Hänssler 93014) %
GENÜSSLICH: Typisch Franzosen - der eine Sänger wünschte sich "im kalten Januar am Herd einen fetten Kapaun". Ein zweiter pries den vorzüglichen französischen Wein, ein dritter Barde schwärmte von der blonden Schönen. Seit vielen hundert Jahren werden Essen, Trinken und die Liebe in unzähligen Liedern variiert, was nun die vier Herren des Orlando Consort mit allerlei Chansons und Motetten beweisen, die zwischen 1220 und 1585 in Europa komponiert wurden: ferne Klänge aus uralten Zeiten, die im vorzüglichen Beiheft durch (überwiegend englischsprachige) mittelalterliche Rezepte ergänzt werden.
Orlando Consort: "Food, Wine & Song" (Harmonia Mundi HMU 907314/ Helikon) % Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 1/2002
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