30.03.2002

KULTURTIPP DES MONATSMartina Gedeck plant ihren April

„Unbedingt und gerne“ will die Schauspielerin die neue Zadek-Inszenierung „Bash“ in Berlin sehen - und den ewig schlecht gelaunten Bob Dylan, der „immer ein Ereignis ist“.
Ihr Traum vom Glück: Zeit zum Lesen. Die Schauspielerin hat gelernt, sich die Muße für die Lektüre zu nehmen. Dies funktioniert nur durch strikte Beschränkung des TV-Konsums. "Früher", sagt Gedeck, 37, "habe ich herumgezappt. Jetzt wähle ich gezielt aus. Meistens Filme, die in den Zeitungen empfohlen werden."
Das kommt den Büchern zugute. Die Charakterdarstellerin liest manchmal bis zu sechs Stunden am Stück. Zurzeit nimmt sie sich theoretisch angehauchte Themen vor wie Eugen Drewermanns "Tiefenpsychologie und Exegese: Die Wahrheit der Formen", ein Werk, in dem es um die Unterschiede zwischen Märchen, Mythen, Sagen und Legenden geht. "Ich hatte das wohl mal in der Schule, aber das ist längst vergessen." Gedeck weiß inzwischen, wie wichtig diese Begriffe für den Film sind. Dazu passt Sten Nadolnys Buch "Das Erzählen und die guten Ideen", das die Schauspielerin liest.
Gedeck arbeitet fast ausschließlich für Film und Fernsehen - ihr Film "Bel- la Martha" hat im April Premiere (s. Seite 45), in Köln dreht sie "Die Mutter" (Regie: Matti Geschonneck), der vom Verfall einer Familie handelt, nachdem die 15-jährige Tochter verschwunden ist. Dennoch gehört die Liebe der Darstellerin, die bis zu dessen Selbstmord mit Ulrich Wildgruber zusammenlebte, dem Theater. Die Peter-Zadek-Inszenierung "Bash - Stücke der letzten Tage" (Berliner Premiere: 17.4. am Deutschen Theater) will sie "unbedingt und gerne" sehen, hat sie noch Zadeks "Rosmersholm" noch in bester Erinnerung. Wenn Zeit wäre, würde sie sich anschauen, was ihr Filmpartner Bruno Cathomas in "Goldene Zeiten" (Premiere am 26.4. an der Schaubühne in Berlin) macht.
Das Kino nimmt Gedeck "undogmatisch" wahr, soll heißen: Sie hetzt nicht den Premieren hinterher, sondern arbeitet nach. Soderberghs "Traffic" steht auf ihrem Programm. In Nick Cassavetes' "John Q." (18.4.) will sie gehen, denn Denzel Washington, gerade mit einem Oscar geehrt, sei ein großartiger Schauspieler. Schon gesehen hat sie auf der Berlinale Dominik Grafs "Der Felsen", der noch in die Kinos kommt.
Als leidenschaftliche Chorsängerin liebt Gedeck Konzerte, zu denen sie allerdings viel zu selten gehe. Für die "Matthäuspassion" ("Mein jährlicher Gottesdienst") soll an Ostern Zeit sein. Und auch Bob Dylan (Berliner Konzert am 11.4.) würde sie gern wieder sehen. Sie ist ihm früher schon einmal begegnet. Damals allerdings war der 68er-Held, wie meistens, schlecht gelaunt. Egal. Gedeck sagt: "Der Mann ist immer ein Ereignis."
Und die bildende Kunst? Eine Besichtigung der Neuen Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel steht noch aus. Außerdem würde Gedeck sich gern im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung "Die griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" und im Haus der Kulturen der Welt "No Mad's Land - Zeitgenössische Kunst aus Zentralasien" ansehen.
Von der Kultur allein wird niemand satt. Wie schön, dass Gedeck den Markt in der Nähe ihrer Zehlendorfer Wohnung entdeckt hat: Im April wird es bei der restaurantmüden Schauspielerin viel Salat und Fisch geben.
Von NIKOLAUS VON FESTENBERG

KulturSPIEGEL 4/2002
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