25.11.2002

Von Mut und Glück und Größenwahn

Das Büro ist einsturzgefährdet, aber der Kölner Tropen Verlag wächst. Weil seine Gründer machen, was sie wollen.
Auf dem Buchtitel sind sechs Plastikflaschen abgebildet. Drei oben, drei unten. In der Mitte prangt die ISBN-Nummer. Der Name des Autors, Jonathan Lethem, der Titel seines Werks, "Als sie über den Tisch kletterte", stehen nicht größer da als der Strichcode. Kann man bei der Gestaltung eines Covers mehr falsch machen? Eigentlich nicht.
Die Bücher des Kölner Tropen Verlags gehören zu den auffälligsten Erscheinungen auf dem Buchmarkt. Wer sie in die Hand nimmt, merkt sofort: Hier sind Besessene am Werk. Menschen, die sich von ihrer Begeisterung leiten lassen, Verleger, deren wichtigstes Kriterium sie selbst sind. Christian Ruzicska, 32, und Michael Zöllner, 33, machen Bücher, an die sie glauben; in Druck geht nur, was ihnen gefällt.
Der Cover-Entwurf mit dem Strichcode vorn drauf gefiel ihnen so gut, dass alle gebundenen belletristischen Bücher aus ihrem Verlag nun so aussehen und auf den ersten Blick als Tropen-Bücher erkennbar sind: ein Einheitsdesign wie jenes für die Bände der Edition Suhrkamp, die der legendäre Grafiker Willy Fleckhaus entwarf. Kann man sich einen geschickteren Coup ausdenken für einen kleinen Verlag? Eigentlich nicht.
Gegründet wurde der Tropen Verlag 1998 bei einem Bratkartoffelessen. Ruzicska, der in fünf Minuten mehr Fremdwörter hervorsprudelt, als auf eine Duden-Seite passen, arbeitete Mitte der neunziger Jahre neben seinem Germanistik- und Philosophie-Studium in der Buchhandlung Müller in Düsseldorf. Zöllner studierte an der Kunstakademie. Er gab eine kleine Kunstbuchedition heraus, Auflage etwa 30 Stück, der Pförtner der Akademie war seine Sekretärin, unfreiwillig.
Hin und wieder ging Zöllner in die Buchhandlung Müller. "Christian ist ein begnadeter Verkäufer", sagt er, "er hat mir Bücher angedreht, die ich nicht haben wollte, weil ich aber wusste, dass er mich nächste Woche fragen würde, was ich davon halte, habe ich sie alle gelesen." Eines Tages sagte Ruzicska: "Du machst doch diesen Verlag. Ich will da mitmachen."
Bratkartoffeln und hochfliegende Ideen, viele Projekte fangen so an. Und scheitern. Ruzicska und Zöllner wollten Erfolg. Der Tropen Verlag sollte kein Liebhaber-Verlag werden, in dem die Hobby-Poesie begabter Studienkollegen verlegt wird. Stattdessen wollten sie mit internationaler Literatur den deutschen Buchmarkt erobern. Ruzicska war damals ein Student ohne Abschluss, und Zöllner versuchte den Absprung von der Kunstakademie. "Mit unseren Biografien wären wir nie in die Verlagsbranche gekommen", sagt Zöllner. Es ging ihnen auch darum, den eigenen Lebenslauf zu überlisten, und dafür mussten sie schnell professionell werden. Neben Zöllner und Ruzicska gehörte anfangs noch der Schriftsteller Leander Scholz zum Tropen Verlag. Er entschied sich bald fürs Schreiben, Ruzicska und Zöllner entschieden sich für ein Ziel: kommerziell erfolgreich zu sein, mit Büchern, die ihnen am Herzen liegen.
Nur, wie macht man das? Ohne Geld. Ohne Erfahrung. Ohne Autoren. Der Tropen Verlag residiert in der Beletage eines verwunschenen Hauses in der Kölner Innenstadt. Die drei Stockwerke über dem Verlag sind leer. Alle Stockwerke sind einsturzgefährdet.
"Die Einfachheit ist unser Stilmittel geworden", sagt Zöllner. Die Prospekte erscheinen in konzeptionellem Schwarzweiß, die Tropen-Cover entwerfen sie selbst. Zöllner und Ruzicska sind nicht nur ihre eigenen Verleger, Lektoren, Grafiker und Pressesprecher, sondern übersetzen auch aus dem Englischen und Französischen; Praktikanten übernehmen das Setzen der Manuskripte.
Im Tropen Verlag erscheinen nur außerordentliche Bücher. In fast allen von ihnen geht es um das Misstrauen gegenüber der Sprache. Um die Frage, ob man dem Leben mit der Sprache tatsächlich auf die Schliche kommen kann. Virtuos führt das Thomas Raab, 34, vor in seinem Roman "Verhalten" aus dem aktuellen Herbstprogramm. Raab erzählt die Geschichte eines Wiener Ehepaars, er ist Psychoanalytiker, sie ist seine Gattin. Als sie sich trennen, tötet die Frau die gemeinsamen Kinder. Von Kapitel zu Kapitel variiert Raab den Rhythmus und den Stil seiner Sprache, um die Lügen, das Scheitern, die Trauer bloßzulegen.
In "Op Oloop", dem wiederentdeckten Werk des argentinischen Autors Juan Filloy, der vor zwei Jahren im Alter von 105 Jahren starb, wird ein einziger Tag so erbarmungslos genau geschildert, dass sich die Wahrheit in keiner Nische mehr verstecken kann.
"Trojanische Pferde" nennen Ruzicska und Zöllner ihre gebundenen belletristischen Bücher (nebenher gibt es eine äußerst erfolgreiche Reihe mit Literatur über Hacker oder Skating oder Basketball). Weil sie glauben, dass jedes von ihnen mehr birgt als eine gute Geschichte. Das klingt nach bleischwerem Konzept. "Na und?"
Das Geheimnis des Tropen Verlags liegt in Ruzicskas und Zöllners Größenwahn. Sie nehmen sich und ihren literarischen Geschmack verdammt ernst. Und sie haben den Mut, ihrem Urteil konsequent zu folgen.
Ihr größter Erfolg bisher war "Inzest" von Christine Angot, Auflage 15000. Ruzicska war in Frankreich durch einen Freund zufällig an das Manuskript gekommen. Angots furioser und sprachgewaltiger Seelenstriptease begeisterte ihn so sehr, dass er sich sofort um die Rechte bewarb. Der französische Verlag wartete auf weitere Gebote aus Deutschland, aber da kam nichts. Für 3000 Mark ging das Buch an den Tropen Verlag, für 60000 Euro haben Ruzicska und Zöllner nun die Taschenbuchrechte verkauft.
Ein ähnlicher Coup gelang ihnen mit "Motherless Brooklyn" von Jonathan Lethem. Dem New Yorker Schriftsteller haftet das Wunderkind-Image an, zugleich gilt er als nahezu unübersetzbar, weshalb die großen Verlage nicht zugriffen. Der Verleger Zöllner war sich mit dem Übersetzer Zöllner einig, dass das zu schaffen ist. Für 5000 Mark gekauft, für über 50000 Euro als Taschenbuch verkauft. Das sind Rechenbeispiele, wie sie in der gebeutelten Verlagsbranche im Moment selten sind. Krise? "Auch wir haben im ersten Halbjahr weniger verkauft", sagt Ruzicska, "trotzdem stehen wir gut da. Und hey, wir haben unseren ersten Mitarbeiter eingestellt."
Sie sind stolz auf ihren Erfolg. Schließlich war er das Ziel. Nun können sie entspannt auf andere Mächte verweisen: "Es war natürlich viel Glück im Spiel", sagt Zöllner. Dass er 1998 in ein internationales Förderprogramm für junge Verlagsleute geriet, das die Buchmesse und der deutsche Börsenverein anboten. In vier Wochen hat er dort im Schnellverfahren die deutsche Verlagsbranche kennen gelernt und jede Menge Leute getroffen. Er könne jetzt jederzeit einen Brief an Arnulf Conradi oder Joachim Unseld schreiben, "Sie erinnern sich doch sicher ...".
Entscheidender aber seien die Kontakte zu den jungen Kollegen im Ausland. Denn ein gutes Manuskript kommt in den seltensten Fällen montags mit der Post. Weil sie sich keine teuren Literatur-Scouts leisten können, versuchen sie, ein internationales Geflecht von Beziehungen aufzubauen. "Rhizomartige Verbindungen" nennt Ruzicska das und schiebt seine Marcello-Mastroianni-Brille ins Haar. Nein, nicht Netzwerk, denn ein Netzwerk sei ein strategisches System, sie würden stattdessen an einem instinktiven System arbeiten. Aha. Manchmal steigt Ruzicska und Zöllner der Erfolg zu Kopf.
Und dann war da noch das Glück mit der GVA, mit der Gemeinsamen Verlagsauslieferung Göttingen. "Die meisten kleinen Verlage bleiben klein, weil sie sich keine Vertreter leisten können", sagt Ruzicska. Dass der Tropen Verlag mittlerweile ein großer kleiner Verlag ist, verdanke er letztlich Günter Grass, "ausgerechnet Grass".
Normalerweise fragen die Vertreter: "Wie, ihr habt keinen Auslieferer?", und die Auslieferer fragen: "Was, ihr habt keinen Vertreter?" Die GVA stellt für verschiedene kleine Verlage beides, unabhängige Vertreter und eine professionelle Auslieferung. Weil auch der Steidl Verlag, der Verlag von Günter Grass, bei der GVA mitmacht, wollen alle Buchhändler mit der GVA zu tun haben und trafen so auch auf den Tropen Verlag.
All das Kalkulieren und Organisieren - manchmal sei es schwer, sich die Leidenschaft für die Literatur nicht kaputtmachen zu lassen, sagt Zöllner. Mit jedem Tropen-Buch verbindet die Verleger eine Kennenlerngeschichte, fast so, als wenn es jedes Mal Liebe gewesen wäre. "Op Oloop" trug eine schüchterne Praktikantin mit sich herum, die argentinisches Spanisch sprach und fragte, ob Ruzicska und Zöllner nicht einen Verlag wüssten für dieses vergessene Buch. Wussten sie.
Jonathan Lethem dagegen begegnete Zöllner zweimal, bevor er neugierig wurde. Eine Freundin in Berlin schwärmte von Lethem, ein anderer Autor des Verlags zitierte ihn als Auftakt zu seinem Buch. Da erst begann Zöllner zu lesen. Heute zählt er Lethem zu den besten neuen Schriftstellern aus Amerika, neben Jonathan Franzen und Jonathan Safran Foer. Lethems nächster Roman sei Weltklasse.
Thomas Raab, den Autor von "Verhalten", hielten Ruzicska und Zöllner für den engen Freund eines Freundes, und bevor sie ihr Missverständnis bemerkten, war es schon Freundschaft.
Letzte Frage: Warum eigentlich einen Verlag gründen? "Gute Frage", sagt Zöllner. "Aber wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, werden wir verrückt." Allerletzte Frage: Warum Tropen Verlag? "Weil Trope ein so schönes vergessenes Wort ist", sagt Ruzicska. (Für alle, die weniger Fremdwörter kennen: Trope heißt "bildhafter Ausdruck".) "Und natürlich wegen der Tropen, weil es da heiß ist und stickig und dschungelig."
Von CLAUDIA VOIGT FOTOS: PETER RIGAUD

KulturSPIEGEL 12/2002
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