27.01.2003

Die perfekte Notlösung

Er sollte für eine Saison einspringen - doch nun ist Nicolas Ghesquière der Star des Modehauses Balenciaga.
Es könnte seine Masche sein, die Masche des Nicolas Ghesquière: Dann, wenn der Applaus anschwillt, die Modemeute ihre Agendas zuklappt und die Sonnenbrillen aufsetzt, wenn Gisele Bündchen und ihre Kolleginnen oben auf dem Laufsteg endlich lächeln dürfen - dann stolpert ein schmaler, schlaksiger Junge aus der Kulisse. Immer steckt eine Hand in der Hosentasche, die andere nestelt am Ärmel seines ausgebeulten Cashmere-Pullovers. Eine halbe Minute später - und die Kulisse hat ihn wieder.
Es könnte seine Masche sein. Aber Nicolas Ghesquière, 31, lebt sehr gut ohne Masche. Er ist Modedesigner, nicht einer, der Rockkonzerte gibt. Wenn er sich zeigt für eine halbe Minute, dann tut er das aus Höflichkeit und weil er glaubt, diese Anstrengung müsse er erdulden. Das Publikum der Pariser Schauen aber denkt in dieser halben Minute, wie wundervoll es ist, endlich wieder einen Mode-Kaiser zu haben, einen Franzosen.
Ende der fünfziger Jahre, als Paris Hauptstadt der Mode war und französisch regiert, schickte der 22-jährige Yves Saint Laurent seine erste Kollektion für das Haus des gerade verstorbenen Christian Dior über den Laufsteg, und die Zeitungen druckten Titel, die nach Aufatmen klangen: "Saint Laurent hat Frankreich gerettet!"
Mitte der neunziger Jahre drohte Paris Provinz zu werden. Die großen Häuser engagierten gastarbeitende Designer, um sich die Nachfolge der großen Couturiers zu sichern: John Galliano, ein Brite, wurde 1997 Chefdesigner bei Dior, Alexander McQueen, ebenfalls britisch, Kreativdirektor bei Givenchy. Das Phantomlogo Louis Vuitton versprach sich neuen Glanz durch Marc Jacobs, Amerikaner. Der Österreicher Helmut Lang erfand das coole Jahrzehnt, um dann Paris für immer den Rücken zu kehren. Ansonsten gaben die Belgier den Ton an, Yves Saint Laurent pflegte seine sensible Seele, und Jean-Paul Gaultier experimentierte in der ethnischen Nische des "Tribal Style".
Dann kam das Jahr 1998. Frankreich wurde Fußballweltmeister, und dieser Sieg sollte ein Signal sein. Die Pariser Modeszene sehnte sich nach einem Franzosen auf dem verwaisten Thron - und hatte Glück: Das Haus Balenciaga, einst regiert von dem legendären Schnittmeister Cristobal Balenciaga, suchte jemanden, der es vor dem Verschwinden rettete: Seit der Spanier 1972 gestorben war, verstaubte die Luxusmarke unter wechselnden Besitzern. 1997 feuerten die damaligen Besitzer, die französische Bogart Groupe, den letzten Chefdesigner Josephus Thimister. Weil der Belgier auf seiner Modenschau Elektro-Rock von Add N To (X) gespielt hatte, und zwar so laut, dass Einkäufer und Journalisten in Panik aus dem Saal liefen.
Kurz darauf setzte die Bogart Groupe den unbekannten Nicolas Ghesquière, damals 27 Jahre alt, auf den Chefposten. Yohji Yamamoto hatte abgesagt, und Helmut Lang war zu teuer. Ghesquière arbeitete seit drei Jahren für den Laden, als einer von vielen, er war fleißig und schien die perfekte Notlösung zu sein. Nach sechs Monaten, einer Saison, wollten die Besitzer wieder mit großen Designern verhandeln.
Doch Ghesquière war zäher, als man erwartet hatte. Und weniger französisch. Er machte keine maßgeschneiderte Couture, er verkaufte nicht das Image von Paris. Für Balenciagas "Le Dix" entwarf er Prêt-à-porter, kombinierte die alten, klaren Schnitte mit eigenwilliger Eleganz.
Dass Paris einen neuen Herrscher haben sollte, wollte vorerst niemand begreifen: Über sein Debüt schrieb eine französische Zeitung: "Ghesquière hatte drei Ideen, nur leider die falschen." Eine andere: "Schlechter Wein in guter Flasche." Das Haus Balenciaga feuerte den Newcomer aus der Provinz nach seinem ersten Defilée.
Weil sich aber die ausländische Kritik überschlug, die wichtigen Mode-Kaufhäuser seine Kollektion orderten und Madonna sein schwarzes Kleid bei der Golden-Globe-Verleihung trug, wachten endlich auch die Franzosen auf: Sie kürten Ghesquière zu ihrem neuen Herrscher. Das Haus Balenciaga gab ihm seinen Chefposten zurück.
"Dieser Zufall, der ein Unfall war", sagt Ghesquière heute und nestelt an seinem goldenen Siegelring ohne Siegel, "war mein Durchbruch. Und trotzdem gehöre ich nicht dazu. Ich bin Franzose, aber nicht aus Paris. Ich bin aufgewachsen in dem kleinen Ort Loudun, mit ,Dallas', ,Star Wars' und Grace Jones." Ghesquière gehörte nie zum Modeklüngel, also muss er auch jetzt nicht Teil davon sein. Es geht ihm um Mode, alles andere sei verzichtbar.
In die Balenciaga-Boutique in der Avenue Georges V kommen jetzt immer öfter Leute, die Ghesquière bewundern für seine Zuversicht, seine Offenheit, den neuen Wind. Sie ist nicht mehr die Festung des unsichtbaren Meisters Balenciaga, der sich von seinem Publikum verfolgt fühlte und Kunden auslud, weil sie auch bei Dior kauften.
Ghesquière ist ein Mann, der sein Gesicht mit der schönen Dante-Alighieri-Nase zeigt, auf Fotos von Irving Penn und Jürgen Teller etwa. Für seine Fans ist er eine Mischung aus Jesus Christus und Charles Manson, ein Mode-Messias. Ghesquière weiß nicht, was er davon halten soll. "Sollen sie doch meine Hände fotografieren", sagt er, "mit denen arbeite ich - nicht mit meiner Nase."
Ghesquière war 15 Jahre alt, als er sich aufmachte nach Paris. Es war kein Kreuzzug damals, eher eine Ochsentour, sie begann mit Praktika während der Sommerferien. In seinem Lebenslauf machte sich Ghesquière drei Jahre älter. Sie ließen ihn vor, Agnès B., Corinne Cobson, später auch Gaultier, aber sie konnten ihn nicht gebrauchen. Ghesquière lernte Kaffee kochen und wie man Seiten aus Fotobüchern kopiert. Dann kamen die ersten Aufträge von Trussardi und von Balenciaga. Weil Ghesquière niemals eine Modeschule besuchte, sondern lernen wollte im Team und am Zuschneidetisch, willigte er ein, als man ihm den japanischen Lizenzmarkt von Balenciaga anbot. Sein heutiger Traumjob begann mit der Farbe Schwarz: Ghesquière entwarf Kostüme für Witwen in Fernost.
Seine Lehrzeit sollte Ghesquière später über missgünstige Zeiten retten, er hatte gelernt, zäh zu sein und diszipliniert. Für die Frühjahrsschau 2002 hatte sich Ghesquière, der sich durch Vintage-Kleidung von Flohmärkten inspirieren lässt, eine Weste aus nierenförmigen Patchworkflicken entworfen, die er irgendwo schon einmal gesehen hatte, und später wieder vergessen. Bis ihn die Website Hintmag.com des Plagiats bezichtigte: Unter der Rubrik "Chic Happens" schrieben sie, dass Ghesquière geklaut habe von den Entwürfen des längst verstorbenen Designers Kaisik Wong aus dem Jahre 1973. Ghesquière gestand. Ein kleiner Skandal, für den ihn diesmal beinahe seine besten Kunden, die Amerikaner, fallen gelassen hätten.
Seit Sommer 2001 spielt Ghesquière in der Mannschaft des Global Players Gucci. Er entwirft Handtaschen und eine Männerlinie, er plant Läden in New York, Tokio und Mailand. Denn Tom Ford, Chef-Designer von Gucci, hatte ihn zu einem geheimen Gespräch gebeten. Ford fragte wie ein Personalberater: "Wo sehen Sie sich in ein paar Jahren?" Nach dem Gespräch wusste Ford, er wollte Ghesquière - nicht das Haus Balenciaga. Weil der aber sein eigener Herr bleiben wollte und fand, es sei noch zu früh für eine eigene Linie, kaufte ihm Gucci eben das ganze Haus.
Mit Gucci im Hintergrund hat es Ghesquière heute leichter, er selbst zu sein. Seine Mode, sagt er, kleide starke und mutige Frauen. Frauen, die sich nicht zu schade seien für das Spiel mit dem schlechten Geschmack. Für die Frühjahrskollektion 2003 kombinierte er seine superengen und hochtaillierten Hosen mit Oberteilen, auf die er kitschige Fische drucken ließ. Und wieder mit Vergangenheit: Seine handgewebten Wolljacken sehen aus wie die Flokatiteppiche, die seine Eltern früher im Haus in der Provinz herumliegen hatten. Ein bisschen auch wie halbe Schafe, die man sich auf den Rücken und um die Hüften schnallt. Ghesquière verkauft sie für 1600 Euro, "verspielter kann man nicht sein". Ironischer auch nicht.
Trotz aller Hipness weiß Ghesquière um sein Erbe, und er hütet es sorgfältig. Vor einem Jahr betrat er das verschlossene Atelier von Cristobal Balenciaga zum ersten Mal. Er öffnete die Schatullen mit den Schätzen des Meisters, ehrfurchtsvoll, aber ohne Scheu strich er über die glockenförmigen Capes, den Kimono-Mantel, die Infantinnenkleider à la Goya. Und er fand: ähnliche Silhouette, ähnliches Körpergefühl, minimaler Stil, zeitlose Eleganz. Ansonsten hält er es mit der Vergangenheit, wie gehabt: anschauen, aufsaugen und dann vergessen.
Seine neue Kollektion wird voll von Anspielungen auf die alten Funde sein. Ghesquière zeigt sie am 13. Februar bei der New York Fashion Week. In Chelsea wird er seinen zweiten Laden eröffnen, den er von der französischen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ausstatten ließ.
Der letzte Kaiser von Paris wagt einen Neuanfang in New York: nicht weil die Stadt die wahre Modemetropole wäre. Weil Ghesquière ein Franzose ist, der auch ohne Paris sein kann.
Von FIONA EHLERS

KulturSPIEGEL 2/2003
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