31.03.2003

KunstMit 7 Sünden zum Erfolg

Begabung ist die Voraussetzung. Aber es gehört mehr dazu, um in der Kunstwelt groß rauszu- kommen.
1
VERMARKTUNG
Sylvie Fleury
Vielleicht war es wirklich der Zufall, der aus Sylvie Fleury, 41, eine Künstlerin machte. In der Galerie Rivolta, in Lausanne, soll es passiert sein. Ihr Freund John Armleder hatte dort eine Ausstellung, Fleury hing ein bisschen rum, schaute zu, wie die Bilder aufgehängt wurden, langweilte sich und ging shoppen. Es waren die frühen neunziger Jahre, die Zeit der Labels und Logos. Fleury kehrte mit lauter eindrucksvollen Einkaufstaschen in die Galerie zurück, stellte sie in einer Ecke ab, und hatte - schwups - ein Kunstwerk geschaffen. "Diese Designer-Taschen sind ja die zeitgemäßesten Ready-Mades überhaupt", befanden die Kunstexperten. In diesem Moment begriff Fleury die Schwäche des Kunstmarkts: Begehrlichkeiten wecken und das Begehrte teuer verkaufen. Von nun an überließ sie nichts mehr dem Zufall. Als Expertin für Marken und Mode war es ihr ein Leichtes, sich selbst zu einem begehrten Produkt zu stilisieren. Sie steigerte ihren Wert, indem sie sich wie ein Model von glamourösen Magazinen glamourös porträtieren ließ, sie belieferte den Kunstmarkt und die Rezensenten mit leicht konsumierbaren Arbeiten wie zum Beispiel vergoldeten Einkaufswagen. Irgendwie griff das alles ineinander und konnte ironisch verstanden werden. Fleury reflektierte schmerzfrei über eine Welt im Konsumrausch, im Mittelpunkt dieser Welt stand sie. Seit sich die Zeiten geändert haben, beschäftigt sich Fleury mehr mit Esoterik. Eine neuere Installation zeigt sanft leuchtende Quarzlampen. Auch mit dieser Arbeit bleibt Fleury sich treu: Sie liefert ein Produkt, das am Markt gefragt ist.
2 SKANDALE
Tom Sachs
Als Tom Sachs, 36, vor dreieinhalb Jahren bei Mary Boone handgemachte Gewehre und eine funktionierende Flugzeugtoilette ausstellte, durften sich die Besucher der Vernissage am Ausgang der Galerie aus einer Glasschale Neun-Millimeter-Kugeln herausfischen - als kleines Give-away. Das galt als "illegale Verbreitung von Munition", und mit dieser Begründung wurde New Yorks Glamour-Galeristin Boone von der Polizei in Handschellen abgeführt. Die Nacht im Gefängnis hat sich für Sachs und seine Galeristin ausgezahlt: jede Menge Presse, Besucherströme und für Ms. Boone das Kompliment von Guggenheim-Chefkuratorin Lisa Dennison, dass sie bei ihrer Freilassung in ihrem "gelben Minikleid und den High Heels phantastisch und sehr sexy" ausgesehen habe. Dieser Abend machte Sachs zum Star: "Viele Künstler würden gern bei Mary Boone ausstellen, und viele würden sie gern ins Gefängnis bringen", schrieb ein Kunstkritiker, "Tom Sachs hat beides getan." Als Aufreger taugen auch Sachs' Werke - Kettensäge mit Chanel-Logo, Handgranaten mit Hermès-Schriftzug oder eine Gucci-Beretta. So etwas kommt bei Sammlern an. Immer wieder bringt Sachs sich mit frischen Skandalen ins Gespräch. Im vergangenen Jahr zeigte er in der Ausstellung "Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art" im Jewish Museum New York ein "Prada Deathcamp". Dazu gab es ein Giftgas-Geschenkset aus Zyklon-B-Dosen mit Markenlabels und in den Farben von Tiffany (babyblau), Hermès (orange) und Chanel (schwarz). Schon Monate vor der Eröffnung gab es Protest. Und Schlagzeilen. Sachs legte nach, als er dem "New York Times Magazine" die Botschaft seiner Kunst erklärte: "Wie im Faschismus geht es auch in der Mode um den Verlust von Identität." In seinem Fall geht es wohl eher um den Gewinn.
3 FREUNDE
Sam Taylor-Wood
Früher hatte Sam Taylor-Wood, 35, Angst vor der Einsamkeit des Künstlerlebens: "Ich wollte etwas machen, bei dem ich ständig mit Leuten zusammen bin." Sie hat die Lösung gefunden, sie wurde Künstlerin und Gesellschaftskönigin. Eine smarte Kombination. Nehmen wir das Jahr 1997: Damals gewann die Britin auf der Biennale in Venedig den Nachwuchspreis, und sie heiratete Jay Jopling, der ihre Videos in seiner Londoner Galerie White Cube zeigte. Dass die Galerie gerade sehr angesagt war, färbte natürlich auf die ausgestellten Werke von Taylor-Wood ab. Mit Jopling war sie Mittelpunkt der Londoner Kunstszene, beide ließen kaum eine Party aus. Als Taylor-Wood den Auftrag erhielt, das Kaufhaus Selfridges während langwieriger Umbauarbeiten in ein Kunstwerk zu wickeln, entwarf sie eine Fotocollage, in deren Mitte ihr Freund und Super-Shopper Elton John prangte. John revanchierte sich mit dem Zitat, dass er Taylor-Wood am liebsten heiraten würde. Und mit dem Auftrag für ein Video. Da gibt es so viele berühmte Namen (zu ihren Freundinnen gehört die Modedesignerin Stella McCartney) und spektakuläre Geschichten um Taylor-Wood, dass ihre Videos und Fotos ein wenig in den Hintergrund geraten sind. Möglich, dass der ganze Klatsch auch besser ist als ihre Kunst.
4 KALKÜL
Thomas Demand
Thomas Demand, 38, wollte Künstler werden, "nur das, nie was anderes". Mit seinem Sinn fürs Reale hat der Fotograf tatsächlich Karriere gemacht. Als er 1993 Stipendiat am Goldsmith's College in London war, durfte er, wie andere Studenten auch, Kollegen zum Gespräch einladen. Demand bestellte nach und nach 25 Kunstschaffende ins Atelier. "Ich wollte Leute kennen lernen", sagt er. Natürlich nicht irgendwelche, denn er lud auch eine einflussreiche Galeristin ein - was an der Schule bis heute als unfein gilt. Kühl bestimmt Demand auch heute, welche ausgewählten Sammler seine Werke - abfotografierte Modelle aus Pappe und neuerdings kurze Filmsequenzen - kaufen dürfen. Ein "harter Social Checker" sei er, sagt ein Freund über Demand. Nützlich war es auch, den in Berlin lebenden US-Literaten Jeffrey Eugenides zu kennen. Der Fotograf kutschierte den Dichter mit seinem neuen schwarzen Jaguar durch die Stadt, im Fond saß ein Journalist der amerikanischen "Vogue" - der Demand daraufhin in seinem Text über Eugenides erwähnte. Demand führte das Navigationssystem seines Jaguars vor. Obwohl er eigentlich selbst weiß, wo es langgeht.
5 TIMING
Jeff Koons
Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Jeff Koons, 47, hatte in den siebziger Jahren sehr erfolgreich in New York als Broker gearbeitet und deshalb ein Gefühl dafür, was wann Gewinn bringt. Er schmiss den Börsenjob, wurde Künstler und versetzte die Kritiker mit schreiend bunten Gemälden, weißgoldenen Porzellanhunden, Hasen oder Oldtimern aus blank poliertem Stahl in einen Begeisterungstaumel. Die von der Siebziger-Jahre-Konzeptkunst genervten Sammler rissen sich um seine grellen Werke. Man verschwendete stolz seinen neuen Aktiengewinn, fuhr edle Autos, kokste sich durch exklusive Partys - und schaffte einen superteuren Koons fürs Wohnzimmer an. Die große Party endete mit einem Spezialeffekt: mit Bildern und lebensgroßen geschnitzten Skulpturen von sich und seiner Porno-Darsteller-Ehefrau Cicciolina - "Made in Heaven". Die Schlangen vor der Galerie reichten bis auf die Straße, alle wollten einen Blick in "Ilona's Asshole, 1991" werfen. Dann wurde es still um Koons, die Kunstszene feierte komplexe Rauminstallationen. Koons galt als erledigt. Ein Irrtum, denn in den Neunzigern erlebte das ganze Jahrhundert sein eigenes Revival. Am Schluss kamen die Achtziger dran - und Koons war sofort wieder da. 1999 wurde sein "Pink Panther" für 1,8 Millionen Dollar versteigert. Er verschaffte sich neue Aufträge, für eine Skulptur auf dem Potsdamer Platz in Berlin, für eine Platzgestaltung in Hamburg-St. Pauli, überall gab es plötzlich große Ausstellungen. Außerdem wurde er in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt - rechtzeitig, bevor sich das französischamerikanische Verhältnis deutlich abkühlte.
6 WIEDERERKENNBARKEIT
Elizabeth Peyton
Bei Elizabeth Peytons Gemälden hat man sofort das Gefühl, sie schon mal gesehen zu haben. Leonardo DiCaprio trägt einen Schwan um den Hals, Prinzessin Diana blättert in einer Zeitschrift, Jarvis Cocker schaut versonnen in die Gegend. Man kennt die Porträtierten, man kennt die Stimmungen, die sich in ihren Gesichtern spiegeln, oft kennt man sogar die Zeitschriftenbilder oder Plattencover, die Peyton, 37, als Vorlage benutzte. Und der Stil kommt einem auch bekannt vor: ein bisschen Modezeichnung, ein bisschen Hobbymalerei einer begabten Oberschülerin. Peytons Bilder sind in ihrer harmlosen Oberflächlichkeit unverwechselbar. "Ich male niemanden, den ich nicht bewundere", sagt Peyton. Es wird Zeit für ein Selbstporträt.
7 GLÜCK
Neo Rauch
Damals, in der DDR, ging alles seinen sozialistischen Gang, und Neo Rauch, 42, ging davon aus, dass das sich auch nach der Wende nicht groß ändern würde. Jedenfalls nicht für ihn. Seine Gemälde wurden zwar ein bisschen farbiger und absurder, aber etwas sozialistischer Alltag steckte immer noch drin. Sein Galerist Judy Lybke kam natürlich aus Leipzig. Rauch gewann einen lokalen Kunstpreis, eine Ausstellung in der Stadt folgte, die Preise seiner Bilder stiegen ein wenig an. So wäre es wahrscheinlich weitergegangen, hätte der rührige Lybke nicht seine Galerie Eigen + Art zur neu ausgerichteten New Yorker Kunstmesse Armory Show angemeldet und einige Rauch-Werke mitgenommen. Dort schlug das Glück zu: Roberta Smith, Kunstkritikerin der "New York Times", lief irgendwann an dem Stand vorbei und sah Rauchs Gemälde. Sie brauchte noch ein Bild für ihren Messebericht. Und am 19. Februar 1999 erschien groß das Foto eines Neo-Rauch-Gemäldes, ergänzt mit einem Satz über "die faszinierenden Gemälde eines Leipziger Künstlers, der verschiedene illustrierende Stile in wunderschöner Malweise mit dem Gefühl verlorener Utopien vermischt". Am nächsten Tag waren die Bilder ausverkauft. Seitdem haben die Preise kräftig angezogen: von damals rund 25000 Mark auf heute 98000 Euro. Außerdem werden Wartelisten geführt, weil neuerdings schon vor der Ausstellungseröffnung alle Bilder verkauft sind.
Von CLAUDIA VOIGT UND INGEBORG WIENSOWSKI

KulturSPIEGEL 4/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben
  • Klimastreik in New York: Greta Thunberg spricht vor Zehntausenden
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser