26.01.2004

Männersache

Die Schauspieler Daniel Brühl und August Diehl sind Freunde - im Kino und auch im richtigen Leben. FOTOS: DANIEL MAYER
Sie gehören zu den Besten, aber Daniel Brühl ("Good Bye, Lenin!") und August Diehl ("23") hatten noch nie zusammen gespielt. Erst der Regisseur Achim von Borries kam auf die Idee, die beiden Jungstars für den Kinofilm "Was nützt die Liebe in Gedanken" (Start: 12.2.) zu besetzen - eine wahre Geschichte aus dem Sommer 1927. Fünf Freunde treffen sich auf dem Land und verstricken sich im Liebesreigen: Günther, Sohn aus gutem Haus, liebt Hans, hinter dem Günthers Schwester Hilde her ist; Paul, Günthers Schulfreund, mag Hilde. Hildes Freundin Elli liebt Paul. Das Ende ist, kein Wunder, tragisch.
Während der Dreharbeiten sind Diehl, 28, und Brühl, 25, Freunde geworden. Für den KulturSPIEGEL haben sie - unabhängig voneinander - erzählt, wie sie sich zum ersten Mal begegnet sind und was Freundschaft für sie bedeutet.
AUGUST DIEHL
"Der soll ruhig erst mal ein bisschen auf mich warten."
Am Ende des Nachmittags sagt August Diehl schließlich jenen Satz, der doch noch etwas über ihn verrät. "Freunde sind die Chance, sich selbst zu vergessen." Er hat lange überlegt, bevor er sich zu dieser Aussage durchrang.
Der Schauspieler Diehl macht sich viele Gedanken. Nicht nur über seine Antworten, auch über sein Verhalten. Als er Daniel Brühl zum ersten Mal traf, überließ er nichts dem Zufall. Brühl, das war der andere junge deutsche Schauspielstar. Sie waren mit dem Regisseur Achim von Borries verabredet, ein paar Tage in einer Mühle außerhalb von Berlin zu verbringen. Sich kennen lernen, erste Improvisationen zum gemeinsamen Filmprojekt "Was nützt die Liebe in Gedanken". Diehl hatte Brühl nie zuvor getroffen, er kannte ihn nur von der Leinwand, aus dem Film "Das weiße Rauschen", und er fand ihn beeindruckend gut.
Als es klingelte und Borries und Brühl ihn abholen wollten, saß Diehl in der Küche beim Kaffeetrinken. "Die sollen ruhig erst mal ein bisschen auf mich warten", dachte er, ging zur Gegensprechanlage und sagte: "Augenblick noch" und setzte sich wieder in die Küche. Er trank einen Schluck Kaffee und noch einen und noch einen. Als er zehn Minuten später runterkam, war Brühl zum Zigarettenholen verschwunden. Grinsend kam der irgendwann zurück und fragte: "Oh, wartet ihr schon lange?" Da musste auch Diehl grinsen.
Während der Dreharbeiten haben sie sich gegenseitig so sehr hochgestachelt, dass die Stimmung zu kippen drohte. Die Erwartung, dieses Projekt müsse etwas Besonderes werden, weil hier zwei Schauspieler zusammentrafen, die "gleich ticken", schlug an manchen Tagen in Enttäuschung um. Abends redeten Diehl und Brühl oft noch über ihre Rollen, diskutierten das Drehbuch und wurden wieder euphorisch, nahmen den nächsten Drehtag als neue Herausforderung. Ob es damals schon Freundschaft war zwischen ihnen, vermag Diehl nicht zu sagen. Eher haben sie ihre Rollen ins Privatleben hineingezogen.
Diehl spielt Günther, einen selbstbewussten, aber schon etwas müden 18-Jährigen aus großbürgerlichen Verhältnissen. Mit seinem Freund Paul (Daniel Brühl) fährt er ins Wochenendhaus seiner Eltern. Sie streifen durch die Felder, machen Schießübungen und räsonieren über das Leben, das sie noch gar nicht kennen. Es ist oft der Vollmond zu sehen in diesem Film, und alle Empfindungen werden sehr ernst genommen. Am Ende verliert sich Günther in seiner tragisch-schönen Verzweiflung. Diehl mochte diese Rolle sofort, weil er "endlich mal einen extrovertierten Charakter" spielen konnte. Günther ist zugleich aber auch eine typische Diehl-Figur, sensibel, fiebrig, am Rande des Wahnsinns balancierend. Paul dagegen hat etwas Erdverbundenes. Man kann sich Brühl und Diehl gut vorstellen, wie sie nach den Dreharbeiten zusammensaßen, halb sie selbst, halb noch die Filmfigur, Diehl, der vergrübelte Radikale, Brühl, der feixende Schwärmer. Die Freundschaft zwischen August und Daniel begann erst, als sie nicht mehr Günther und Paul waren.
Wann ist jemand ein Freund? "Wenn man durch den anderen anfängt, über sich selber nachzudenken", sagt Diehl. Anfangs sei es eher ein Abtasten gewesen zwischen ihm und Daniel, kein Umarmen. Der gemeinsame Humor spielt eine wichtige Rolle. Herumsitzen, schweigen und dann über das Schweigen lachen. "Ich bin noch immer sehr neugierig auf Daniel", sagt Diehl. Und das klingt wie eine Auszeichnung.
Zu Diehls Freunden zu zählen scheint nicht ganz einfach zu sein. Er spricht davon, dass er Freundschaften bei jeder Begegnung überprüfe. Ist er selber ein guter Freund? "Ich glaube schon, ich kann zuhören." Tatsächlich schweigt er viel. Vielleicht ist er aber auch nur ermattet davon, dass sich die Aufmerksamkeit ständig auf ihn richtet. Er probt zurzeit am Hamburger Schauspielhaus die Inszenierung "Don Carlos". Welche Rolle spielt er? "Don Carlos", antwortet Diehl. Und er sagt dies betont bescheiden, so, wie es erfolgreiche Menschen tun, um nicht angeberisch zu wirken.
Seit er 1998 sein Debüt hatte in dem Film "23" und im selben Jahr unter der Regie von Peter Zadek auf der Theaterbühne stand, gilt er als Wunderkind unter den jungen deutschen Schauspielern. Er hat sein Talent danach nicht verschwendet. Auf der Bühne und auf der Leinwand ist Diehl immer ein wenig seltener zu sehen, als man es sich wünscht. Er braucht Fluchtpunkte, Freunde, bei denen er abtauchen kann. Lustige Vorstellung, wie sich Diehl und Brühl, die beiden gefeierten Schauspieler, beim Bier zusammen von ihrem Erfolg erholen. CLAUDIA VOIGT
DANIEL BRÜHL
"Das Schwein kommt nicht. Der macht einen auf wichtig."
Auf den ersten Blick ist Daniel Brühl, 25, ein sympathischer Junge, auf den zweiten ein Spieler. Er will Punkte machen. An das erste Match mit August Diehl erinnert er sich genau. Sie wollten aufs Land fahren, um sich für ihren ersten gemeinsamen Film kennen zu lernen.
Das Spiel begann. Aber Brühl fand gleich, dass er einen schlechten Start erwischt hatte. Gemeinsam mit Borries musste er Diehl abholen. Zur Strafe schickte Brühl den Regisseur zum Klingeln, während er selbst wie ein Depp im Auto saß und auf seinen Partner in spe wartete.
Der ließ sich sehr viel Zeit. Brühl verstand: "Das Schwein kommt nicht, macht einen auf wichtig." Es schien, als würde Diehl den ersten Punkt holen. Nein. Brühl stieg aus dem Wagen, um Zigaretten zu besorgen. 1:0 für Brühl. Noch immer freut er sich diebisch darüber.
Aber der Spieler in ihm wollte weitermachen, wurde vom nächsten Punkt gelockt, auch wenn er bis zum Abend warten musste.
Die kleine Crew hatte gekocht, jemand steuerte Absinth bei, da setzte Brühl ein ernstes Gesicht auf, schaute Diehl in die Augen und stellte die blödeste Frage, die man stellen kann: "Sag mal, August, wie bist du zur Schauspielerei gekommen?" Ruhe. Diehl guckte irritiert, Brühl guckte zurück, verunsichert, war er zu weit gegangen? Dann hatte Diehl verstanden. Für Brühl begann in diesem Moment ihre Freundschaft.
Anderthalb Jahre ist das jetzt her. Noch immer ist er froh, Diehl getroffen zu haben. Nicht nur, dass er den um gut zwei Jahre Älteren einen "grandiosen Schauspieler" findet, es fasziniert ihn, mit dem Bühnenerfahreneren zu fachsimpeln. Er hört auf seine Tipps, gibt selbst gern Ratschläge.
Oft werden die beiden knabenhaften Leinwandhelden miteinander verglichen, für Brühl aber steht fest: "Wir sind grundverschieden." Diehl erscheint ihm ernsthafter, ein Kopfmensch, der zu den gemeinsamen Treffen in Prenzlauer Berg, wo beide wohnen, immer pünktlich kommt. Beim Schachspiel im Café sammelt dann meist Diehl die Punkte.
Brühl dagegen ist spontan, kommt notorisch zu spät, entscheidet aus dem Bauch heraus, liebt es, Leute auf den Arm zu nehmen. Er behauptet, Diehl trainiere heimlich für die Schachpartien. Jetzt will Brühl nur noch Blitzschach spielen, weil er darin besser ist, schneller und stärker und in der Lage, Diehl am Denken zu hindern. Brühl punktet immer noch am liebsten selbst.
Im vergangenen Jahr ist etwas passiert, das Brühl zwingt, seine Spielereien abzuwägen und seine Spontanität zu kontrollieren: der Erfolg. Mit dem Film "Good Bye, Lenin!" ist er zum Star geworden. Das gefährdet Freundschaften.
Auch wenn er sagt, Freundschaft bedeute für ihn, "Erfolg teilen zu können", gibt er dennoch zu: "Ich zwinge mich, dichtzumachen", und: "Ich erzähle von meinem Erfolg, wenn ich danach gefragt werde." Das klingt wenig spontan und hört sich eher so an, als habe Brühl sein Rezept noch nicht gefunden, Freunde, Alltag, Jet-Set und Starrummel ins Gleichgewicht zu bringen. Seit einem Jahr muss er abwägen, darf nicht zu oft und zu lange von sich erzählen, um Freunde nicht vor den Kopf zu stoßen, muss sie aber dennoch an seinem Leben teilhaben lassen. Diehl, selbst ein Star, ist einer, bei dem er nicht so vorsichtig sein muss.
Brühl rettet sich vorerst mit Humor und ist glücklich, wenn seine Freunde ihn mit peinlichen Fotos aufziehen oder wenn sie sich wie Groupies Teenie-Plakate mit seinem Konterfei übers Bett hängen. Er ist stolz auf einen seiner Kumpels, der, um ein gemeinsames Abendessen mit dem Star Brühl zu gewinnen, in allen Kneipen die Teilnahmekarten eines Preisausschreibens gesammelt und abgeschickt hat.
Aber eigentlich sind das nichts weiter als Lausbubenstreiche aus einer anderen Welt, aus einer vergangenen Zeit, die Brühl längst verlassen hat. Er hat die Seiten gewechselt, und seine Freunde markieren die unsichtbare Frontlinie. Die Grenze zwischen gestern und heute, Intimität und Öffentlichkeit, Sorglosigkeit und Verantwortung, zwischen Interrail und Kulturelite.
Trotzdem glaubt Brühl fest daran, die beiden Welten miteinander zu versöhnen. Er nimmt sich vor, in diesem Jahr weniger Interviews zu geben, wieder mehr Freizeit zu haben. Man kann ihm glauben, wenn er sagt: "Freunde sind wirklich das Wichtigste." JANA HENSEL
Von JANA HENSEL

KulturSPIEGEL 2/2004
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