21.02.2004

Der Club der Hässlichen

Falsche Zähne, große Nase, dicker Hintern - wer seine Schönheit für eine Rolle ruiniert, wird mit einer Oscar-Nominierung belohnt. VON HAUKE GOOS
Es war, im Nachhinein, ein genialer Einfall, den Film zuerst dem amerikanischen Großkritiker Roger Ebert zu zeigen, ganz am Anfang, als noch niemand in den USA "Monster" gesehen hatte und Nachrichten über Charlize Therons Wagemut bloße Gerüchte waren. Ebert sah sich das Werk in einer Sondervorführung an, und anschließend, das ist so üblich in der Branche, bat ihn der Verleih um einen Satz, den man vielleicht für die Werbekampagne verwenden könne. Das, was Theron da abliefere, sagte Ebert, sei "eine der großartigsten Darstellungen in der Geschichte des Kinos".
Es war ein Signal. Die meisten Werbeleute in der Filmindustrie würden für einen solchen Satz über Leichen gehen.
Nach Ebert begutachteten andere Kritiker den Film, erste Geschichten erschienen, in denen beschrieben wurde, welche Strapazen hinter Theron lagen: die Augenbrauen rasiert, die makellose Haut mit einem Spezial-Make-up vorgealtert, die Haare strähnig, das künstliche Gebiss zu groß - und dann auch noch 15 Kilogramm zugenommen, mit einer Fresskur aus viel Käse und noch mehr Sahne, bis die Haut über dem Slip hing wie ein großer, etwas schlaffer Luftballon. Oscar-Material, mit anderen Worten, Theron gewann schon mal den Golden Globe. In Hollywood überraschte es Ende Januar dann niemanden mehr, dass Theron für die beste weibliche Hauptrolle nominiert wurde - für die Oscar-Verleihung am 29. Februar gilt sie inzwischen als Favoritin.
Theron, 28, spielt Aileen Wuornos, eine Prostituierte und Alkoholikerin, die irgendwann anfängt, ihre Freier umzubringen. Wuornos hat tatsächlich gelebt, vor anderthalb Jahren wurde sie in Florida hingerichtet, als "Amerikas erster weiblicher Serienkiller", wie die Boulevardblätter schrieben, und wo immer der Film zu sehen war, überschlugen sich Zuschauer und Kritiker mit ihrem Lob: War es nicht sagenhaft, wie Theron, eine der schönsten Frauen der Welt, sich für diese Rolle in eine übergewichtige, von der Sonne verbrannte, vom Leben gezeichnete Straßenhure verwandelt hat?
Bei der Berlinale Anfang Februar galt "Monster" schnell als aufregendster Beitrag des Wettbewerbs, und am Ende gewann Theron einen Silbernen Bären. Weil sie den Film auch selbst mitproduziert hat, sitzt sie jetzt also in einem Hotelzimmer in Berlin und versucht zu erklären, wie aus einem hübschen Gesicht über Nacht eine gefeierte Schauspielerin wurde.
Natürlich hätte sie einen Fat Suit anziehen können, sagt sie, einen speziellen Anzug, der den Schauspieler dick erscheinen lässt - aber ist es nicht die Aufgabe eines Schauspielers, sich in die Rolle zu versenken, die eigene Eitelkeit zu vergessen und sich zu verwandeln, so lange, bis die Grenze zwischen Rolle und Spiel verschwimmt?
Theron liebt Schauspieler, die sich verwandeln, und seit "Monster" wird sie tatsächlich mit den größten verglichen: Mit Elizabeth Taylor etwa, die sich für ihre Rolle in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" 1966 so zielstrebig gehen ließ, bis jeder sie für die vulgäre Schlampe hielt, die sie darstellte. Oder mit Nicole Kidman, die "The Hours" mit einer entstellenden Nasenprothese spielte - beide Schauspielerinnen bekamen für ihre Rollen den Oscar, weil Hollywood nun einmal das Spektakel liebt und einen Schauspieler erst ernst nimmt, wenn er bewiesen hat, dass er für seinen Beruf vor nichts zurückschreckt. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Academy erst erkennen kann, ob einer Talent hat oder nicht, wenn äußere Schönheit nicht mehr ablenken kann vom Handwerk: Renée Zellweger bekam ihre erste Oscar-Nominierung für "Bridget Jones"; immerhin 20 Pfund hatte sie sich dafür angefuttert.
Dass Stars sich durch monatelange Fress- und Diätmarathons quälen, hat einen einfachen Grund: Wirklich aufregende Rollen, die solchen Einsatz lohnen, sind rar gesät. Denn die Casting-Agenten und die Produzenten besetzen Rollen in der Regel nach Typ, also nach äußerlicher Ähnlichkeit, "weil offenbar niemand von ihnen genug Phantasie hat, sich einen Schauspieler vorzustellen, dem die Rolle wichtiger ist als er selbst", wie Theron beklagt.
Sie liebt Herausforderungen. "Es ist wie beim Bergsteigen - irgendwann will man halt auf den Everest", sagt sie, "man will jene Rollen, von denen man annimmt, dass man sie nicht hinkriegt." Die Bereitschaft, sich in die Rolle von Aileen Wuornos zu stürzen, hat auch damit zu tun, dass Hollywood große Filmrollen sonst eher für die männlichen Stars bereithält.
Robert De Niro etwa fraß sich für die Rolle des Mittelgewicht-Boxers Jake La Motta in Martin Scorseses "Wie ein wilder Stier" 30 zusätzliche Kilogramm an, um den alt gewordenen, verfetteten Kämpfer glaubhaft spielen zu können; nach intensivem Training war er als Boxer so gut, dass er von drei Amateurkämpfen in Brooklyn immerhin zwei gewann - De Niro bekam für seine Rolle den Oscar.
Genauso wie Adrien Brody, der im vergangenen Jahr für "Der Pianist" ausgezeichnet wurde. Um in der Rolle des Ghetto-Pianisten Wladyslaw Szpilman zu überzeugen, unterzog sich Brody, der zu Beginn 73 Kilogramm wog, einer sechswöchigen Diät: Zwei gekochte Eier und grüner Tee (Frühstück), ein paar Happen Huhn (Lunch) und ein wenig Huhn oder Fisch mit gedünstetem Gemüse (Abendessen) - am Ende hatte er 15 Kilogramm abgenommen.
Am weitesten ging Christian Bale, der sich vor vier Jahren in "American Psycho" als Muskelpaket präsentierte und der für "The Machinist" von Brad Anderson angeblich 63 Pfund abnahm - er sehe aus, schrieb erschrocken das Branchenblatt "Variety", als sei er gerade aus dem KZ gekommen.
Für Theron sind das alles weit mehr als Äußerlichkeiten - wie jemand aussieht, so das Glaubensbekenntnis der Method Actors, ist das Ergebnis davon, was er emotional in seinem Leben erlebt hat.
"Sehen Sie sich De Niro an", ruft sie: "Es sind die Nuancen, all die winzigen Details, die einen dazu bringen, Mitleid mit ihm zu haben."
"Sehen Sie sich Renée Zellweger an: Sie ist nicht einfach ein dickliches, hässliches Mädchen in ,Bridget Jones'. Man sieht sie auf der Leinwand und bemerkt auf einmal, wie sehr sie sich nach jemandem sehnt, der sie liebt, all die Verzweiflung, die Traurigkeit, den Schmerz - das also, was den Menschen ausmacht."
Theron reagiert verstimmt, wenn man, wie jüngst das US-Magazin "Newsweek", ihre Oscar-Tauglichkeit allein an der körperlichen Strapaze misst. Vier Monate hat sie für die Rolle von Aileen Wuornos recherchiert, hat die Bewegungen und Gesten in den beiden Dokumentarfilmen beobachtet, die es inzwischen gibt, hat die Briefe gelesen, die Wuornos über Jahre einer Freundin aus dem Gefängnis schrieb, hat versucht herauszufinden, was Wuornos Angst machte, wie sie auf Fremde reagierte, wie sie sich bemühte, sich anzupassen, einzufügen in die bürgerliche Normalität.
"Jeder Schauspieler, der gut aussieht, sehnt sich danach, das Rollenklischee zu durchbrechen und zu beweisen, dass er Charakterrollen spielen kann", sagt Theron.
Für "Monster" ist sie ein großes Risiko eingegangen, aber es hat sich gelohnt.
Vor dem Film war sie ein Star. Jetzt ist sie endlich eine Schauspielerin. Sie hat die Aufnahmeprüfung für den Club bestanden.
Von HAUKE GOOS

KulturSPIEGEL 3/2004
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