29.06.2004

Sachliche Sehnsucht

Wie klingen deutsche Chansons? Schmalzig und staubig? Falsch. Kühl und modern. Jedenfalls, wenn die Berliner Band Nylon sie interpretiert. VON JOACHIM KRONSBEIN FOTO: JÖRG REICHARDT
Die Worte schwingen so schön melancholisch und geheimnisvoll: "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt, bin ich mit meiner Sehnsucht allein." Großstadtgefühle, Metropolen-Blues. Und auch die müde Melodie zu diesem fast 70 Jahre alten Chanson von Günther Schwenn und Peter Kreuder verspricht köstlich-wehe Single-Einsamkeit. Traurig klingt das, aber nicht verzweifelt, ein wenig erschöpft, aber nicht verpennt. Zu viele Zigaretten, Augenringe, aber ein pochendes Herz. Ganz so, als stünde eine schöne Frau am Prenzlauer Berg am Fenster ihrer Altbauküche und starrte über graue Garagenreihen im Hinterhof in die aufdämmernde Nacht. Der Nächste wird wohl schon noch kommen, aber wann? Ein Chanson - wie geschaffen für den verregneten Sommer von 2004.
Als ein paar Berliner Musiker eine alte LP hörten, auf der Hildegard Knef, der Chanson-Star der siebziger und achtziger Jahre, im rauchigen Sprechgesang den Titel vortrug, waren sie so angetan, dass sie für ein Demo eine Coverversion einspielten.
Die Musiker wussten allerdings nicht, dass schon die Knef das Chanson großen Kolleginnen abgelauscht hatte. Greta Keller etwa interpretierte den Titel ab Mitte der dreißiger Jahre; die Wiener Chansonnière war im Berlin der zwanziger Jahre mit ihrer tiefen, unverwechselbaren Stimme berühmt geworden.
Den jungen Musikern war das ohnehin piepegal. Sie brachten ihr Demo zur Plattenfirma Universal, wo sie mit der ollen, aufgehübschten Kamelle helle Begeisterung auslösten. Heute ist der Song eine der Perlen auf dem Debütalbum "Die Liebe kommt" der Berliner Gruppe, die sich für ihre Chanson-CD "Nylon" nennt. Nylon, weil das, wie sie sagen, "ein bisschen nach Perlon und Dralon klingt, retromäßig eben".
Zwölf Titel hat Nylon - vier Musiker und eine Sängerin - eingespielt, allesamt Chansons, die von anderen - außer der Knef noch Marlene Dietrich, Daliah Lavi oder Manfred Krug - kreiert wurden: ein bunter Mix aus Ost und West und Alt und Neu. Gesungen wird das edle Dutzend mit heller, aber dennoch rauchig-verheißungsvoller Stimme von einer Frau, die sich für diese Produktion das Pseudonym Niku Sebastian gegeben hat.
Unter ihrem bürgerlichen Namen Lisa Bassenge hat sie nämlich bereits Gesangskarriere gemacht. Mit dem nach ihr benannten Jazz-Trio ist die 29-jährige Berlinerin seit Jahren erfolgreich. Paul Kleber, ihr Trio-Bassist, ist jetzt auch bei Nylon dabei.
Das Album könnte endlich auch in Deutschland eine Entwicklung in Gang setzen, die in Frankreich, dem Mutterland des gehobenen Schlagers, seit ein paar Jahren Furore macht: die Versöhnung des Pop mit den anspruchsvollen Texten des Chansons. Leute wie Benjamin Biolay oder die Ex-Models Carla Bruni und Helena haben es geschafft, das alte abgestandene Odeur, das die Vorstellungen von französischen Chansons wie ein Mundgeruch umwehte, die Mischung von Gauloises und billigem Rotwein à la Chateau Migraine, mit modernen Rhythmen und einer gepflegten Lounge-Atmosphäre wegzupusten. Das Chanson ist mit Biolay endlich im 21. Jahrhundert angekommen.
In Deutschland gab es, noch vor dem Chanson-Revival in Frankreich, immer wieder einzelne Versuche, die alten Lieder zu entstauben. So brachte beispielsweise der Trompeter und Produzent Till Brönner 1999 das Album "17 Millimeter" heraus, auf dem er Hildegard Knefs markante Stimme mit modernem Jazz mischte. Nylon und Lisa Bassenge gehen, musikalisch, mit ihren Renovierungsarbeiten noch weiter als Brönner und haben die Chansons mit Elektrosounds bereichert. Sollte das Aufpolieren der alten Idole ein Erfolg werden und das Projekt sich einen Namen machen, wollen die Berliner Musiker auch mit eigenen Texten und Melodien punkten.
Erst mal muss jedoch das Album "Die Liebe kommt" unter die Leute. Der Titelsong stammt von den Comedian Harmonists, und Bassenge wollte ihn unbedingt in der Sammlung haben, weil er "so schön melancholisch" ist. Sie singt ihn mit einer Art sachlicher Sehnsucht, die ungemein stimmig zum abgekühlten Sound des Arrangements passt. Auch Marlene Dietrichs Klassiker "Johnny, wenn du Geburtstag hast", bei ihr ein erotisch dringliches Werben um die sexuelle Gunst des besagten Herrn, klingt bei Bassenge feiner, dezenter und dadurch umso sinnlicher.
Entstanden sind die Arrangements nach dem Baukastenprinzip. Die Originalmelodie wurde quasi bis auf die Unterhose ausgezogen, der Song anschließend in neue Sound-Klamotten eingekleidet. Ein neuer Rhythmus musste her, Geräusche, Atmosphäre, die passenden Harmonien. Es war ein bisschen so wie beim Schmücken eines Weihnachtsbaums: Man müsse aufpassen, sagt Paul Kleber, dass man nicht zu viel dranhängt.
Die Musiker nennen ihren Sound folglich "Minimal-House aus der elektronischen Ecke". Egal. Das Ganze klingt heutig und hipp, hat Witz und Verve und tut den Chanson-Klassikern gut - eine Art poetisches Lifting: Schönheitsoperation gelungen, das Chanson lebt.
CD: "Die Liebe kommt" (Boutique/Universal); Konzerte des Lisa Bassenge Trios: 7.7. Nordhorn, 14.7. Weimar, 16.7. Düsseldorf, www.bseliger.de
Von JOACHIM KRONSBEIN FOTO: JÖRG REICHARDT

KulturSPIEGEL 7/2004
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