29.06.2004

MIT 17 HAT MAN NOCH TRÄUME„Wer aufhört zu lernen, ist tot“

Der amerikanische Blues-Musiker B. B. King, 78, über harte Landarbeit, den Sinn von guten Anzügen und seinen Job, 150 Konzerte im Jahr zu spielen
1948
heute
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
B. B. King: Ich hatte keine Zeit zum Träumen. Ich musste arbeiten.
Aber Sie müssen doch mal geschlafen haben, oder?
Junge, Sie haben in Ihrem Leben wohl noch nie auf einer Farm gearbeitet, sonst würden Sie nicht solche Fragen stellen. Die Arbeit auf einer Farm ist sehr, sehr hart. Ich bin immer aufgestanden, bevor es hell wurde, und ging ins Bett, wenn es längst wieder dunkel war. Und wenn man richtig ranmusste, so wie ich, dann ist man nachts so erledigt, dass man für Träume keine Kraft mehr hat.
Trotzdem haben Sie noch Zeit und Energie gefunden, um Gitarre zu lernen und zu spielen.
Das hat mir eher Kraft gegeben. Unter anderem hat es mich damals dazu motiviert, nach Memphis zu trampen und mein Glück als Musiker zu versuchen.
Wie kamen Sie in der Großstadt zurecht?
Anfangs war ich begeistert von den Clubs und Cafés und der Tatsache, dass ich nicht mehr so früh aufstehen musste. Auf dem Land hatten wir außerdem nicht mal Elektrizität. Ich bin bei meinem Cousin, dem Blues-Gitarristen Bukka White, untergekommen. Der hat mir viel an der Gitarre beigebracht, aber mir auch den phantastischen Tipp gegeben, mich immer gut anzuziehen.
Warum war das wichtig für Sie als Blues-Musiker?
Damals war Blues-Musiker ein nicht gerade sehr respektierter Beruf. Und wenn einer dann noch abgewrackt aussieht, hat er ganz besonders schlechte Karten, sagte mein Cousin. Also riet er mir, mich mit einem Anzug seriös in Schale zu werfen, als wollte ich bei einer Bank einen Kredit beantragen.
Sie werden 2005 80 Jahre alt und spielen 150 Konzerte pro Jahr. Wie machen Sie das?
Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ich habe einen Beruf, und dem gehe ich nach wie jeder andere Mensch. Ich habe keine Pläne, in Rente zu gehen. So lange mich ein Publikum sehen will, werde ich auch auftreten. Außerdem habe ich mein Arbeitspensum längst meinem Alter angepasst, denn früher habe ich viel mehr Konzerte gegeben.
Gibt es einen Ort, an dem Sie sich zu Hause fühlen?
Immer dort, wo ich gerade bin. Im Augenblick dieses Hotelzimmer.
Sie gelten als virtuoser Gitarrentechniker. Müssen Sie noch üben?
Lernen Sie noch etwas im Leben?
Das hoffe ich jedenfalls.
Also. Bloß weil ich wahrscheinlich ein paar Tage älter bin als Sie, habe ich doch nicht aufgehört, an mir zu arbeiten. Bis kurz vor unserem Gespräch habe ich mich mit meiner Gitarre beschäftigt. Wer aufhört zu lernen, ist tot.
Stimmt es eigentlich, dass es heutzutage viel mehr weiße als schwarze Blues-Fans gibt?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber es könnte schon sein. Zu meinen Konzerten kommen tatsächlich sehr viele weiße Fans. Die älteren unter den schwarzen Blues-Fans kaufen sich zwar noch die Platten, belassen es aber dabei. Und die jungen haben leider oft kein Interesse am echten Blues. Ihr Blues ist der HipHop.
Was fasziniert Sie selbst am Blues?
Dass er, wenn man Glück hat, die Seele berührt.
Demnächst soll in Ihrem Heimatort Indianola, Mississippi, ein B.-B.-King-Museum eröffnet werden. Was wird da zu sehen sein?
Das weiß ich nicht. Ich habe der Sache meinen Segen gegeben, aber alles darüber Hinausgehende muss erst mal ohne mich geklärt werden. Ich habe einen Job zu erledigen, und deshalb kann ich keine Zeit mit solchen Dingen verschwenden. INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
Tournee: 13.7. Frankfurt/M., 14.7. Stuttgart, 17.7. Singen, 18.7. Augsburg. Karten: Tel. 040/43 30 39. Filme, in denen B. B. King zu sehen ist: "The Road to Memphis", "Lightning in a Bottle" (Start: 5.8.).
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 7/2004
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