27.06.2005

Das brave Luder

Erika Christensen trinkt nicht, raucht nicht, nimmt keine Drogen. Und staunt selbst darüber, dass ihre Hollywood-Karriere mit dem Kokain-Thriller „Traffic“ begann.
Angefangen hat es mit Kokain. Caroline Wakefield schnupft das Zeug vom Wohnzimmertisch, zusammen mit ihren Teenie-Freunden von der Eliteschule: ein lässiger Zeitvertreib nach den Hausaufgaben.
Wenig später raucht sie vor dem Sex mit ihrem Freund das Heroin vom Blech, und auch das macht offensichtlich noch Spaß; da ist dieses selige Lächeln im Gesicht. Am Ende landet Caroline in einer Absteige und in der Abhängigkeit, apathisch, mit glasigem Blick, in den Armen ihres Dealers.
Die Stationen ihres Absturzes gehören zu den berührendsten Momenten von "Traffic" (Regie: Steven Soderbergh). Der Dealer und das Mädchen, Drogenbarone, korrupte Polizisten und hilflose Politiker: Die Geschichte, die weitgehend im Grenzgebiet von Mexiko und Kalifornien spielt, machte den mit vier Oscars ausgezeichneten Film vor fünf Jahren zum Überraschungserfolg von Hollywood.
Für Erika Christensen, damals 17 Jahre alt und eines von vielen Teeniestarlets in der kalifornischen Entertainment-Industrie, war die Rolle der Caroline Wakefield der Durchbruch. "Traffic" brachte Ruhm, den Wechsel ins Charakterfach und mehrere Nachwuchspreise wie den MTV Movie Award für die "Female Breakthrough Performance" des Jahres. Und die erdrückende Frage: Was nun?
Christensen hat sich für eine Doppelstrategie entschieden, wie sie für Hollywood heute typisch ist: schnurgerade Karriere, skandalfreies Privatleben und anrüchige Rollen.
Neben Jodie Foster drehte sie gerade den Thriller "Flightplan", der auf einem Transatlantikflug von Berlin nach New York spielt. Und im Familiendrama "An Deiner Schulter" (Start: 7.7.) ist sie jetzt an der Seite von Kevin Costner und Joan Allen wieder in den deutschen Kinos zu sehen. Es geht um eine Vorstadtmutter, die von ihrem Mann verlassen wird und danach mit ihren vier Töchtern nicht mehr klarkommt. Wo die Erfolgsserie "Desperate Housewives" die amerikanischen Vorstädte in einem schrillen Panoptikum überzeichnet, arbeitet dieser Film mit zarten Farben und eher verhangenem Humor. Die eine Tochter heiratet den falschen Mann, die andere will gegen den Willen ihrer Mutter Ballett-Tänzerin werden: Minidramen, die nur durch die Leistungen der Schauspielerinnen - allen voran die großartige Joan Allen - vor der Trivialität bewahrt werden.
Und natürlich hat Christensen die anrüchigste Rolle übernommen: Einer der Höhepunkte des Films zeigt sie lasziv-verwegen mit einem doppelt so alten, verbrauchten Mann zu Hause in ihrem Teenager-Bett; der Lover ist Radioproduzent und hat ihr den ersehnten Job beim lokalen Hörfunk verschafft.
"Davon hatte ich immer geträumt", sagt Christensen über ihren Erfolg. Schon als Elfjährige hat sie mit einer Kindertheatergruppe im südlichen Kalifornien Hunderte von Auftritten gegeben. Später hat sie in Sitcoms gespielt oder in harmlosen Hollywood-Klamotten wie "Leave It to Beaver".
Dann kam das Jobangebot von Soderbergh, der sie mit Stars wie Michael Douglas, Catherine Zeta-Jones und Benicio Del Toro vor die Kamera stellte. "Danach haben plötzlich die Leute mit mir gesprochen, die ich immer bewundert habe", sagt Christensen. Von Barbra Streisand gab es ein dickes Lob, bei den Golden Globes kam John Cusack ("High Fidelity") an ihren Tisch, verbeugte sich und sagte: "Du bist überwältigend, ich würde gern mit dir zusammenarbeiten."
Zwei Karrierewege bieten sich an, wenn Teenager in Hollywood Aufsehen erregen: Sie lassen sich verheizen in kommerziellen Komödien wie "American Pie" - oder sie machen sich rar und warten auf weitere anspruchsvolle Rollen. Christensen ist den zweiten Weg gegangen. Sie wollte sich nach "Traffic" nicht für schlechtere Jobs schämen müssen.
"Ich möchte, dass die Leute ein Stück Wahrheit erfahren haben, wenn sie nach zwei Stunden das Kino verlassen", sagt Christensen. Hollywoods Casting-Agenten haben verstanden: In "Swimfan" spielte sie eine psychisch gestörte Stalkerin, die einem Schwimm-Star nachstellt - der Thriller war im September 2002 der erfolgreichste Kinostart in den USA. "Home Room" zeigt sie in einer Gruppe angstbesessener Teenager nach einer Schießerei in der Schule. Und in "Banger Sisters" (mit Goldie Hawn und Susan Sarandon) gibt sie eine promiske, rebellische Tochter, die sich vor dem High-School-Abschlussball mit halluzinogenen Drogen betäubt.
In ihren Rollen ist sie die junge Wilde von Hollywood, doch zum großen Bedauern der Klatschpresse gibt es über Christensen, die seit zehn Jahren Scientology-Mitglied ist, keine Skandale zu berichten. Ihre Drogenerfahrungen, sagt sie, beschränkten sich auf das Schmerzmittel Tylenol. Vom Alkohol lässt sie die Finger. Und das Ausgehen hat sie auch aufgegeben, sie findet es komisch, wenn sie dabeisteht und nur Wasser trinkt.
Vor einiger Zeit hat sie eine eigene Wohnung in West-Hollywood bezogen. Aber die Wochenenden verbringt sie immer noch am liebsten bei ihren Eltern und den jüngeren Zwillingsbrüdern. "Wir sind Geschäftspartner", sagt sie über ihre Eltern - beide haben ihren Job aufgegeben, um sich Erikas Karriere zu widmen. Die Mutter hat Erika jahrelang zu Hause unterrichtet, nachdem sie wegen ihrer Engagements mit elf Jahren die Schule verließ; der Vater kümmert sich um die Steuern. Beide beraten sie bei der Auswahl ihrer Rollen.
Und jetzt, sagt Christensen, 22, sei es Zeit für etwas Neues: Sie will Produzentin werden. An fünf Projekten arbeitet sie bereits, darunter ein Musical, aber auch ein Science-Fiction-Film. "Ich habe so viele Freunde, die Drehbücher schreiben", sagt sie, "jetzt bin ich dabei, die richtigen Leute in Hollywood zusammenzubringen."
Zu den ersten, die diese Ambitionen zu spüren bekamen, gehört Mike Binder, der "An Deiner Schulter" geschrieben und dabei Regie geführt hat. "Ich konnte sein Buch in einer sehr frühen Fassung lesen", sagt Christensen. Sie habe dann mit Binder ausführlich über das Casting diskutiert. "Ich habe Mike gesagt, dass er die Rolle der jüngsten Tochter unbedingt mit Evan Rachel Wood besetzen muss. Sie ist jetzt 17 und die Beste ihrer Generation." Für eine Nebenrolle hat sie außerdem ihren jüngeren Bruder vorgeschlagen. Binder ist ihrem Rat in beiden Fällen gefolgt.
Das Rollenfach "niedliches Mädchen/knallharte Produzentin" hatte zuletzt Drew Barrymore besetzt, die ihre Laufbahn mit 7 in "E.T." begann und heute zu den erfolgreichsten unabhängigen Produzenten Hollywoods gehört ("Charlie's Angels"). Dass sie so weit kommt, war lange nicht absehbar: Mit 10 Jahren hatte der Spross einer Schauspielerdynastie zu trinken begonnen, mit 13 Kokain geschnupft, schließlich landete sie im Entzug.
Christensen hingegen hat sich solche traurigen Umwege lieber gleich gespart.
VON FRANK HORNIG
Von FRANK HORNIG

KulturSPIEGEL 7/2005
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