25.07.2005

Phaidra im Kreidekreis

Der junge ungarische Regisseur Árpád Schilling gilt als eine der aufregendsten Neuentdeckungen. Auf einen Stil lässt er sich nicht festlegen.
Shakespeares "Hamlet", in Szene gesetzt mit gerade einmal drei Schauspielern. Tschechows "Möwe", gänzlich ohne Kostüme und Bühnenbild interpretiert. Burgess' "Clockwork Orange", zusammengedacht mit Ellis' "American Psycho": Die Welt von Árpád Schilling ist für Überraschungen gut. Jede Inszenierung des 1974 in Ungarn geborenen Regisseurs, der als einer der heißesten Newcomer des internationalen Theaters gehandelt wird, ist ein neues Experiment. Jetzt inszeniert er zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen: Im Rahmen des "Young Directors Project", des Wettbewerbs für jüngere Regisseure, präsentiert er mit ungarischen und deutschen Schauspielern seine Version des Phaidra-Mythos.
Grundlage ist weder Euripides noch Racine und auch nicht die brutale Version der Britin Sarah Kane. "Ich stütze mich auf das ,Phaidra'-Stück des jungen ungarischen Autors István Tasnádi, mit dem ich bereits öfter zusammengearbeitet habe." Eine Familiengeschichte sei das, in der Fragen von Politik und Geschichte reflektiert würden. Es geht um eine Fremde, die als Kriegstrophäe nach Athen kommt. Trotzdem ist Tasnádis "Phaidra" kein mythologisches Stück: "Diese 'Phaidra' ist durch und durch zeitgenössisch, ein heutiges Stück, das in einer zeitgenössischen Umgebung spielt."
Zeitgenossenschaft ist für Schilling ein wichtiges Wort. Mit gerade einmal 20 Jahren hat er 1995 in Budapest sein eigenes Ensemble gegründet. Krétakör nennt es sich, zu Deutsch: Kreidekreis. Mittlerweile ist es das wichtigste theatrale Aushängeschild Ungarns, mit Gastspieleinladungen an die bekanntesten europäischen Häuser und zu den großen Festivals. Kreidekreis, das ist natürlich eine Referenz an den "Kaukasischen Kreidekreis" von Brecht, für Schilling ist er aber auch eine Metapher für die Arbeitsweise der Gruppe: "Ein Kreidekreis ist einfach zu ziehen, und man kann ihn auch ganz einfach wieder löschen."
Wer ein paar Arbeiten der Gruppe gesehen hat, versteht, was Schilling damit meint: Auf keinen Stil ist sein Theater festlegbar, und schon gar nicht auf jene im deutschsprachigen Raum so gern verwendeten Begriffe wie Literatur- oder Regietheater. Sein "Hamlet3" am Wiener Burgtheater war eine ungemein dichte, ganz auf das Wort verpflichtete Konzentrationsübung, Wenedikt Jerofejews "Walpurgisnacht" an der Berliner Schaubühne eine hysterische Variation über den Wahnsinn. "Das jeweilige Thema ist wichtiger als der Regisseur", sagt Schilling mit vornehmer Zurückhaltung.
Auf das deutschsprachige Theater blickt er mit einer gewissen Distanz: "Ich entstamme selbst aus einer anderen Theaterkultur, dass es hier aber so jemanden wie Christoph Marthaler gibt, finde ich großartig." Den Schweizer Schlaf- und Gesangskünstler schätzt Schilling auch aus einem sehr praktischen Grund: Die Stücke sind meist auch für ihn verständlich. Der deutschen Sprache ist der Ungar nämlich kaum mächtig: "In einer Kneipe kann ich kommunizieren, sonst nicht." Dem deutschsprachigen Theater hat dieser fremde Blick bisher jedenfalls gut getan. STEPHAN HILPOLD
Phaidra. Premiere am 9.8. bei den Salzburger Festspielen, vom 26. bis 29.8. beim Zürcher Theaterspektakel (s. rechts). Im Oktober auch am Staatstheater Stuttgart und in den Berliner Sophiensälen.
Von STEPHAN HILPOLD

KulturSPIEGEL 8/2005
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