25.02.2006

DER PATENSOHN

Für „Brokeback Mountain“ könnte Jake Gyllenhaal seinen ersten und letzten Oscar als bester Nebendarsteller einsammeln. Denn jetzt erwarten ihn nur noch Hauptrollen.
Jeder junge Schauspieler in Hollywood wartet auf diese eine Rolle, die ein Talent zum Star werden lässt. In der er sich beweisen kann, als ernstzunehmender Künstler und als Sex-Symbol für die Massen. Für Marlon Brando war das 1951 sein Auftritt in "Endstation Sehnsucht". Paul Newman schaffte es 1958 als Brick in "Die Katze auf dem heißen Blechdach". Selten sind diese Rollen, doch wer sie bekommt und meistert, der hat es geschafft.
Für Jake Gyllenhaal hätte es 2005 als sinnsuchender Soldat im Golfkriegsdrama "Jarhead" von Sam Mendes so weit sein sollen. Es war die Chance, sich als Hollywoods neuer Leading Man zu etablieren, in einem 70 Millionen Dollar teuren Film von einem oscargekrönten Regisseur.
Daraus wurde nichts.
Es war die andere Rolle, die ihn nur wenig später in die erste Reihe katapultierte, die Rolle des Jack Twist in "Brokeback Mountain", die auch den Karriereselbstmord hätte bedeuten können. Die Rolle als schwuler Cowboy.
Am 9. Dezember vergangenen Jahres war "Brokeback Mountain" (Deutschland-Start: 9.3.) in nur fünf amerikanischen Kinos angelaufen und spielte am Startwochenende mehr Geld pro Kino ein als alle Spielfilme zuvor. "Jarhead", der trotz guter Kritiken für Gyllenhaal nur mäßig erfolgreich lief, war damit schon vergessen. Das neue große Thema war Ang Lees Western über zwei junge Männer, die im Wyoming der sechziger Jahre ihre Liebe zueinander entdecken und ein Leben lang nicht voneinander loskommen. Mehr und mehr Kinos wurden mit Filmkopien versorgt, und die Leute kamen. Niemand hatte erwartet, dass sich für eine schwule Liebesgeschichte zwischen Cowboys ein breites Publikum in Texas oder Montana finden würde, doch es fand sich.
Mittlerweile hat der Film in rund 2000 amerikanischen Kinos mehr als 70 Millionen Dollar eingespielt - fünfmal so viel, wie er gekostet hat. Talkshow-Königin Oprah Winfrey, die in den USA den Geschmack mehrerer Millionen Frauen bestimmt, hat dem Film eine Sendung gewidmet. Es regnete Kritikerlob und Preise, vom Goldenen Löwen bis zum Golden Globe. Am 5. März geht "Brokeback Mountain" mit acht Nominierungen ins Rennen um die Oscars, und die größte Überraschung und Ungerechtigkeit des Abends wäre es, wenn er nicht zum besten Film gekürt würde.
Jake Gyllenhaal kann der Oscar-Nacht gelassen entgegensehen. Ob er den Preis für den männlichen Nebendarsteller bekommt oder nicht, macht für seine Karriere keinen großen Unterschied mehr. Er hat schon gewonnen. Seine Rolle als einfühlsamer und lebenslustiger Cowboy, der nicht wahrhaben will, dass seine Liebe zu seinem verschlossenen Kollegen Ennis Del Mar (Heath Ledger) keine Zukunft haben kann, ist schon jetzt Teil amerikanischer Kulturgeschichte. Und da er nun als großer Schauspieler gilt und so gut aussieht, dass ihm nicht nur die Teenager, sondern auch die Teenagerinnen dieser Welt zu Füßen liegen, wird ihm das Publikum auch wieder einen heterosexuellen Helden abnehmen. Dabei hilft natürlich, dass er gern und oft erwähnt, er habe sich beim Dreh der einzigen und kurzen Sex-Szene mit Ledger "superunwohl" gefühlt.
Jake Gyllenhaal ist jetzt 25 Jahre alt und war damit lange genug ein vielversprechender Jungschauspieler. Als Sohn des vielbeschäftigten Regisseurs Stephen Gyllenhaal ("A Dangerous Woman") und der ebenso erfolgreichen Drehbuchautorin Naomi Foner ("Running on Empty") lag eine Hollywood-Karriere nahe, und so absolvierte er mit elf Jahren seinen ersten kleinen Auftritt in der Billy-Crystal-Komödie "City Slickers". Danach trat er ein paar Jahre lang nur sporadisch in Gastrollen auf und machte 1998 erst mal seinen High-School-Abschluss, bevor er in dem rührenden Familienfilm "October Sky" seine erste große Kinorolle als angehender Raketenwissenschaftler übernahm.
Der Film war kein Riesenhit, aber erfolgreich genug, um ihm weitere Angebote zu sichern. Dennoch ging er an die Columbia University in New York und folgte damit seiner Schwester Maggie, mittlerweile ebenfalls eine erfolgreiche Schauspielerin ("Mona Lisas Lächeln"). Dort widmete er sich dem Studium fernöstlicher Religionen. Immerhin zwei Jahre lang. "Ich fühlte mich dort kreativ unterfordert", sagte er später.
Er wollte lieber wieder Filme machen. Glücklicherweise machte er dann genau den richtigen.
In dem mysteriösen High-School-Drama "Donnie Darko" konnte er in der Titelrolle des verletzlichen und verstörten Teenagers zeigen, was er draufhat. Er war noch kein Marlon Brando, aber er spielte den komplizierten Part so unschuldig und präzise, dass sich der Kritiker der "New York Times" beeindruckt zeigte und weise prophezeite, dass Gyllenhaal "wahrscheinlich nur noch ein paar große Rollen davon entfernt ist, ein Star zu sein".
Leider wurde der Film ein schrecklicher Flop, verschwand nahezu ungesehen aus den amerikanischen Kinos und schaffte es nie in die deutschen.
Doch über das Internet, wo Fans die Macht haben, formierte sich langsam ein "Donnie Darko"-Kult. In Foren tauschten die wenigen Zuschauer sich exzessiv über den Film aus und weckten das Interesse anderer. Die DVD wurde ein spektakulärer Erfolg. Die Leser des britischen Filmmagazins "Empire" wählten "Donnie Darko" jüngst auf Platz 41 der 201 besten Filme aller Zeiten. Vor "Schindlers Liste" und "Taxi Driver".
Nach "Donnie Darko" konnte sich Jake Gyllenhaal auf eine überschaubare, aber hingebungsvolle Fangemeinde verlassen. Er überstand auch den nächsten Flop, die krude, aber sehr lustige Satire "Bubble Boy", und entwickelte sich mit Filmen wie "The Good Girl" (als sensibler jugendlicher Liebhaber von Jennifer Aniston) und "Moonlight Mile" (als sensibler und ratloser Schwiegersohn von Dustin Hoffman) zum Liebling des Independent-Kinos. Hoffman schlug ihm vor, er solle es zwecks Fortbildung mal am Theater versuchen, also ging Gyllenhaal 2002 ans Londoner West End und bekam für seinen Auftritt in "This Is Our Youth" glühende Kritiken und dazu den Newcomerpreis des "Evening Standard". Es folgten eine Nebenrolle in dem oft verschobenen Mathematik-Drama "Proof" mit Gwyneth Paltrow, das erst in diesem Mai in die deutschen Kinos kommt, und der Part als Sohn des Helden in Roland Emmerichs Weltuntergangs-Blockbuster "The Day After Tomorrow". Letzterer brachte ihn zwar künstlerisch nicht weiter, stellte ihn aber zum ersten Mal einem wirklich großen Publikum vor. Wichtiger allerdings war, dass Sam Mendes ihn im Londoner Theater gesehen hatte. Er entdeckte in dem "gleichzeitig maskulinen und seelenvollen" Gyllenhaal seinen Hauptdarsteller für "Jarhead".
Dann landete das Drehbuch von "Brokeback Mountain" auf Gyllenhaals Tisch. Es basierte auf einer gefeierten Kurzgeschichte von Annie Proulx aus dem Jahr 1997 und war viele Jahre unverfilmt durch die Hollywood-Studios gereicht worden, bis es endlich ein paar wagemutige Geldgeber und mit dem Taiwaner Ang Lee ("Tiger and Dragon", "Der Eissturm") einen renommierten Regisseur fand. Gyllenhaal sprach vor für die Rolle des Jack Twist und bekam sie. Heath Ledger, den er noch aus Zeiten kannte, als sie beide beim Casting für "Moulin Rouge!" von Ewan McGregor ausgestochen wurden, bekam den Gegenpart.
Ang Lee sagt, er habe nicht lange überlegen müssen, wem er die Figuren anvertrauen wollte. "Jake und Heath sind die Besten ihrer Altersklasse", sagt er, "ich wusste sofort, dass sie das schaffen können. Ich musste Jake manchmal ein bisschen zügeln, weil er zu viel auf einmal wollte, aber er verkörpert eine Mischung aus Sensibilität, Unschuld und Übermut, die perfekt war für die Rolle. Er ist ein erstaunlicher Schauspieler."
Tatsächlich liefert Gyllenhaal in "Brokeback Mountain" eine großartige Vorstellung. Noch in der ersten Szene, bevor der erste ganze Satz gefallen ist, vermittelt er mit wenigen sparsamen Gesten und Blicken die ganze Welt einer Figur. Zusammen mit einem fast schon beängstigend gut spielenden Heath Ledger macht er aus der zufälligen Bekanntschaft zweier gewöhnlicher Cowboys ein tragisches Liebespaar für die Ewigkeit der Kinogeschichte.
Dass Gyllenhaal im Gegensatz zu Ledger keine Oscar-Nominierung für die beste männliche Hauptrolle bekommen hat und sich mit der Würdigung als Nebendarsteller zufrieden geben muss, ist angesichts der nur unwesentlich kleineren Rolle etwas fragwürdig, erhöht aber die Chancen auf einen Sieg.
Gyllenhaals nächster Film "Zodiac" handelt von dem legendären Serienmörder, der San Francisco in den sechziger und siebziger Jahren in Panik versetzte. Gyllenhaal spielt Robert Graysmith, der ein Buch über den Killer geschrieben hat. Es ist die Hauptrolle. Und die wird er wohl auch in Zukunft immer bekommen. Er beherrscht die Genres, hat künstlerisch und kommerziell überzeugt, und schon sein gutes Aussehen und sein weicher Blick machen ihn zum perfekten "Romantic Lead" - dem verwundbaren James-Dean-Typen, der auch den Macho geben kann. Mit "Brokeback Mountain" hatte er diese eine Rolle, auf die es ankommt; er ist an dem Punkt, an dem Marlon Brando 1951 war. Vielleicht landet er sogar mal da, wo Brando 1972 war, beim "Paten".
Sein Name spricht sich übrigens Dschill-enhaal. Aber das muss man bald wohl niemandem mehr sagen.
Von DANIEL SANDER

KulturSPIEGEL 3/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 3/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Disziplinierte Demonstranten in Honkong: So geht Rettungsgasse!
  • Nach Ladendiebstahl: Polizeiübergriff gegen Familie in Phoenix
  • Sturzflug durch die Alpen: "Jetman" schwebt über den Dolomiten
  • Stressfreier Arbeitsweg: Die Paddel-Pendlerin