25.09.2006

„Ich wollte ein geigender Hamlet sein“

Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, 75, über ignorante Schauspiellehrer, Hollywood und seine verpasste Karriere als Violinist
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Armin Mueller-Stahl: O ja, da kam ich gerade nach Berlin und wollte an die Musikhochschule, um Geiger zu werden. Das hat auch geklappt, mit der F-Dur-Romanze von Beethoven, obwohl ich mich auf "Die Zigeunerweisen" von Sarasate vorbereitet hatte. Ein wahnsinnig schweres Stück, aber ich spielte es. Wie gut, das weiß ich nicht mehr.
Wie sind Sie nach dem Examen zur Schauspielerei gekommen?
Ich habe Horst Caspar am Deutschen Theater als Hamlet gesehen und dachte: Das will ich auch werden. Am liebsten ein geigender Hamlet. Dann wollte ich auch noch dirigieren. Ich habe meine Möglichkeiten grandios überschätzt, aber 1947 war auch die Zeit zum Überschätzen. Aus den Trümmern entstand überall Neues, und Berlin war eine Stadt im Frühling, im Blühen.
Nach einem Jahr sind Sie allerdings von der Schauspielschule geflogen.
Denen habe ich nicht geglaubt, dass ich kein Talent hätte. Und dann hatte ich ja auch sofort ein Engagement. Ich habe die Lehrer nicht für kompetent gehalten. Ich war arrogant und revolutionär, so war man früher als junger Mensch. Man wollte die Welt verändern, nicht wie heute nur noch das Gewicht.
Sie feierten dann an der Volksbühne Erfolge und wurden bald auch zum größten Fernsehstar der DDR. Ist die Liebe zur Musik da in Vergessenheit geraten?
Nein, nebenbei habe ich nach wie vor alles Mögliche gemacht, auch gezeichnet, geschrieben und komponiert. Aber mein Hauptberuf war Schaupieler. An der Volksbühne war ich 25 Jahre lang. Und als ich 1976 die Biermann-Petition unterschrieben habe, weswegen ich drei Jahre später die DDR verlassen musste, haben die einfach alle Unterlagen über die von mir gespielten Rollen vernichtet. Ein furchtbar unhöflicher Vorgang. Hätte ich das geahnt, hätte ich mich vorher lieber 20 Jahre lang mit Musik beschäftigt.
Drängt es Sie immer noch auf die Konzertbühne?
Ich muss mich selbst nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Ich unterstütze lieber junge Talente, wie die Violinistin Sarah Spitzer und den Pianisten Mike Jin, mit denen ich auftrete. Ich lese aus meinem neuen Erzählband "Kettenkarussell", sie begleiten mich und bekommen so die verdiente Aufmerksamkeit.
Warum werden Sie im Kino so gern als Bösewicht besetzt?
Solche Rollen werden mir ständig angeboten, und ich überlege heute sehr genau, welche davon ich annehme. In "Ich bin die Andere" von Margarethe von Trotta spiele ich wieder so eine dunkle Figur, den bösen Vater, wie schon 1996 in "Shine". Aber die Rolle ist interessant, und wenn eine Filmemacherin wie Trotta ihre kreative Vision kompromisslos verfolgt und sich nicht der Quotensucht unterwirft, biete ich mit Freuden meine Unterstützung an.
Aber eigentlich sehnen Sie sich nach den positiven Rollen?
Deswegen bin ich froh, dass ich auch in Hollywood arbeiten kann, dort lässt man mich das machen. In Deutschland nimmt man das oft nicht wahr, weil die Filme hier teilweise nicht verliehen werden oder nur auf DVD erscheinen, wie "Dust Factory" beispielsweise, dabei spiele ich da mal einen netten Großvater.
Hoffen Sie noch auf den Oscar?
Einmal war ich nominiert, den werde ich aber nie bekommen, dafür fehlt mir in den USA die Lobby. Aber das ist mir auch nicht mehr so wichtig, ich habe genug Anerkennung bekommen. Ich bin glücklich, solange ich weiter malen, schreiben und schauspielern kann. Gern auch mal in einem richtig lustigen Film. Ich bin ja viel mehr Komiker, als die Leute immer ahnen.
INTERVIEW: DANIEL SANDER
Armin Mueller-Stahl spielt eine der Hauptrollen im Film "Ich bin die Andere", der am 5.10. anläuft.
Die besten Interviews dieser Rubrik sind erschienen in dem Band Mit 17 hat man noch Träume (dtv, München; 160 Seiten; 6,90 Euro).
Von DANIEL SANDER

KulturSPIEGEL 10/2006
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