26.03.2007

„Das Boot war der wichtigste Film“

Der Regisseur Wolfgang Petersen, 66, über enttäuschte Hoffnungen seiner Eltern, Angstschweiß auf Gary Coopers Stirn und deutsches Essen
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Wolfgang Petersen: Als Teenager waren meine Träume ziemlich intensiv - wild, aufregend, beängstigend und oft hormongesteuert. Darüber sollte man in der Öffentlichkeit besser nicht reden. Aber der größte und wichtigste Traum, einer, den ich seit meinem zwölften Lebensjahr träumte, war, Filmregisseur zu werden.
Ein verwegener Traum für einen deutschen Teenager in den fünfziger Jahren.
Und ob! Als 17-Jähriger besuchte ich ein Hamburger Gymnasium, ich wusste, in zwei Jahren ist die Schule vorüber und dann muss ich versuchen, beim Film zu landen. Aber ich hatte nicht die geringste Idee, wie das gehen sollte, Filmschulen gab es damals noch nicht.
Wie haben Ihre Eltern auf diesen Traum reagiert?
Mein Vater, zu dem ich immer ein eher schwieriges Verhältnis hatte, hielt das für völligen Blödsinn. Meine Mutter hatte Respekt vor meiner Leidenschaft, sie war zumindest bereit, mir zuzuhören. Ihr Traum war allerdings, dass ich Jurist würde und dann Syndikus einer großen Reederei.
Gab es einen Plan B?
Für mich nicht. Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich kurz eine Alternative erwogen. Ich war 14, die Lufthansa hatte gerade ihren Betrieb wiederaufgenommen, und ein Freund der Familie kam zu Besuch, ein smarter Kerl in einer schneidigen Pilotenuniform. Ich war sehr beeindruckt und habe kurz mit dem Gedanken gespielt, Pilot zu werden, Testpilot vielleicht. Doch der Traum vom Film kam mit Macht zurück. Auch meine Zeit am Theater war nur ein notwendiger Umweg.
Was faszinierte Sie am Kino?
Filme haben früh in mir das Gefühl geweckt, es muss im Leben mehr geben als das, was ich an der Straßenecke in Bramfeld sah. Im Kino wurden mir Helden vorgeführt, die ein freies, aufregendes Leben führten, die Realität sah anders aus: In den Fünfzigern war der Alltag in Deutschland grau, mühsam und muffelig. Ein guter Nährboden für Träume.
Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Gary Cooper in "High Noon". Als die Schurken auftauchen und die ganze Stadt sich feige verkriecht, nimmt er den Kampf auf, weil er glaubt, er ist es sich schuldig. Man sieht den Angstschweiß auf seiner Stirn, aber er stellt sich. Das hat mich als Teenager enorm beeindruckt, der Mut, der Ehrbegriff.
Ging der Traum schon damals Richtung Hollywood?
Eindeutig. Die Filme, die mich begeisterten, kamen aus den USA. Der deutsche Film hatte in den Fünfzigern außer Heimatschnulzen nicht viel zu bieten. Als ich dann 1966 die neugegründete Filmhochschule in Berlin besuchte und die französische neue Welle mit Truffaut und Godard entdeckte und auch die Filme von Polanski, Bergman und Fellini, war Hollywood kurz vergessen. Irgendwann zog es mich aber wieder dorthin.
Vermissen Sie Deutschland manchmal?
Oft. Heimweh löst in mir einen sentimentalen Hang zur Spießigkeit aus - ich koche deutsches Essen und höre dazu Heino.
Sie bekamen für "Das Boot" eine Oscar-Nominierung und drehten in Hollywood Blockbuster wie "In the Line of Fire" mit Clint Eastwood oder "Der Sturm" mit George Clooney. Wann hatten Sie das Gefühl, Ihr Traum sei wahr geworden?
Das waren großartige Momente, vor allem "Das Boot" ist immer noch der wichtigste Film für mich. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, angekommen zu sein. Im Gegenteil, mit der Zeit werde ich eher unruhiger, die Lebenszeit, die mir zur Verfügung steht, wird kürzer, und ich will noch so vieles erreichen. Ich bin nicht der Typ, der sagt: "Okay, von jetzt an Golf". INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM
Eine Director's-Cut-Version des Films "Troja", bei dem Wolfgang Petersen Regie führte, kommt ab 19.4. in die deutschen Kinos.
Die besten Interviews dieser Rubrik sind erschienen in dem Band Mit 17 hat man noch Träume (dtv, München; 160 Seiten; 6,90 Euro).
Von JÖRG BÖCKEM

KulturSPIEGEL 4/2007
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