30.07.2007

VOLLE KRAFT VORAUS

Noch ein Teeniehit? Nein danke. Lieber hat Robyn sich neu erfunden.
Am Stadtrand von Stockholm sitzt Robyn auf einer strahlendweißen Holzterrasse mit Panoramablick auf Seevögel, Seerosen, steinalte Bäume und rostrot angemalte Holzhäuser mit Bootsstegen davor. Ein Kellner reicht ihr dampfenden Holundertee und Rhabarbertörtchen mit dicker Vanillecreme. Eine skandinavische Idylle, so, als hätten ein paar chinesische Computer-Cracks einen virtuellen Astrid-Lindgren-Themen-Park programmiert.
Schweden beruhige die Seele, sagt sie. Die 28-Jährige kennt sich da aus, sie ist in Stockholm geboren. "Aber noch viel schöner ist es, sich eine eigene Welt zu schaffen, in der du Zentrum und alleinige Herrscherin bist."
Robyn ist eine zierliche, chemieblonde Musikerin, und sie sitzt in diesem Stockholmer Café, um Werbung für ihr eigenes Universum zu machen. Und dieses besteht aus a) ihrer eigenen Plattenfirma Konichiwa Records und b) ihren eigenen Liedern, von denen 14 am 10.8. in Deutschland auf dem Album "Robyn" erscheinen. Mit ihrem fröhlich rumsenden, aber eingängigen Mix aus Techno, HipHop und leichten Melodien liefert Robyn die amüsante Alternative zum überpolierten Hightech-Pop von Gwen Stefani oder Madonna. "Robyn" ist ein Paradebeispiel gewitzter und moderner elektronischer Popmusik. Dafür wurde die Musikerin im Medienuniversum von Instanzen wie "Times", "Guardian" und dem "New Musical Express" beklatscht.
Mit Robyn sorgt mal wieder eine Skandinavierin für auffallend geglückte Pop-Musik - eine Kunst, die in den traditionellen Pop-Nationen Großbritannien und USA zunehmend herunterkommt. Klar gibt es da noch ein paar mächtig erfolgreiche Großproduzenten wie Timbaland, aber deren Beats und Melodien für Klienten wie Nelly Furtado oder Justin Timberlake sind normiert wie ein Latte Macchiato von Starbucks. Dass die interessanteren und besseren Pop-Melodien aus Frankreich, Deutschland und immer wieder Schweden kommen, ist eine konsequente Entwicklung. In Schweden gebe es eine lange zurückreichende Tradition schöner Melodien, sagt Robyn; die beginne bei alter Folklore und finde ihre Perfektion bei Abba. "Wir verstehen es irgendwie ganz gut, eingängige Melodien mit Sehnsucht und Melancholie zu verschmelzen."
Weltweit erfolgreich war nach Abba besonders der medienscheue Ex-Rocker Max Martin, der mit seinem wuchtigen Trash-Pop unter anderem Britney Spears und die Backstreet Boys in die Hitparaden komponierte. Für die lässigeren Hits sorgten The Cardigans, Peter Bjorn and John oder The Knife. "Ich bin mit den Liedern von David Bowie und Prince aufgewachsen, aber die haben in den Ländern, aus denen sie kommen, leider keine Nachfolger gefunden", sagt Robyn.
Wenn die kleine Schwedin so selbstbewusst über die Kollegen spricht, klingt das, als ob sie seit hundert Jahren im Pop-Geschäft wäre. An gefühlter Lebenszeit kommt das vielleicht sogar hin, denn Robyn hat bereits eine turbulente Karriere absolviert. Ihr angebliches Debüt ist bereits ihr viertes Album. Robin Miriam Carlsson, wie sie eigentlich heißt, verfasst eigene Lieder, seit sie elf ist. Sie ist die einzige Tochter eines Regisseurs und einer Schauspielerin, die jahrelang mit einem Avantgarde-Theater tourten. Während einer Schulaufführung wurde Robyn entdeckt, als sie ein Lied über die Scheidung ihrer Eltern sang.
Robyns Debütalbum erschien 1995, sie war 16. Es enthielt makellose,
aber nicht weiter bemerkenswerte Radio-Pop-Songs. Mitverantwortlich für die Stücke war der damals noch relativ unbekannte Max Martin. Robyn sagt: "Von ihm habe ich gelernt, dass brillante Pop-Songs mindestens so komplex sind wie Raketenbaupläne. Es ist eine Kunst, die bis heute sträflich unterschätzt wird."
Als dann 1997 selbst die Europa-Pop-skeptischen Amerikaner Gefallen an Robyn fanden, kam die Karriere der blutjungen Schwedin richtig in Fahrt. Sie brach die Schule ab, verabschiedete sich von ihren Eltern und machte sich auf ins Reich der unbegrenzten Pop-Karrieren. Sie blieb zwei surreale Jahre lang, tingelte durch Provinz-TV- und Radio- Shows, trällerte in Supermärkten und Vergnügungsparks. Der Dank waren die zwei Top-Ten-Hits "Do You Know (What It Takes)" und "Show Me Love" - und ein Nervenzusammenbruch. Als Robyn ins idyllische Stockholm zurückkehrte, war sie 18 und desillusioniert.
In den USA war sie bald vergessen, wie fast alle One-or-Two-Hit-Wonder. In Schweden ist Robyn ein Star geblieben, hat kontinuierlich weitere Hits gelandet. Trotzdem wollte sie raus aus dem Zirkus der Musikindustrie, wollte sich nicht mehr an die Regeln des Geschäfts halten und das singen, was Erfolgskomponisten auftragsgemäß für sie schrieben. "Ich habe schon immer an meinen Liedern mitgearbeitet und konnte es zunehmend weniger ertragen, dass irgendwelche Produktmanager sich darüber hermachten und meine Ideen entstellten." Vor zwei Jahren schnappte sich Robyn ihr Erspartes und kaufte sich aus ihrem Vertrag mit Britney Spears' Heimatfirma Jive heraus. Sie wollte nicht so enden wie Britney Spears.
Robyn hatte keinen Schimmer, wie man eine eigene Plattenfirma aufzieht, aber das war ja der Reiz. Sie lernte rasant, und für alles, was ihr zu kompliziert war, stellte sie Profis ihres Vertrauens ein. Aber sie ist die Chefin, die bei jedem Detail Regie führt. In Schweden erschien "Robyn", ihr erstes Album unter eigener Regie, bereits 2005 und war ein gewaltiger Erfolg. Die erste Platte, bei der sie keine Kompromisse eingehen musste. Dass es wiederum zwei Jahre dauerte bis zur Veröffentlichung in Großbritannien und Deutschland, liege daran, dass sie noch viel Geschäftliches lernen müsse. "Es gibt viel zu tun, wenn man sein eigenes Universum am Laufen halten muss."
Robyn ruft den Kellner heran. Für ein zweites Rhabarbertörtchen ist immer noch Zeit.
VON CHRISTOPH DALLACH
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 8/2007
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