29.10.2007

AUF TOUR

Wer ein Buch schreibt, muss auch daraus vorlesen. Und zwar wochenlang. Sieben Erfahrungsberichte von Schriftstellern.
Michael Köhlmeier
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Richard Ford "Die Lage des Landes" und Kurt Flasch "Das philosophische Denken im Mittelalter".
An welchem Ort würden Sie gern lesen? In Coburg. Die Stadt war der Traum meiner Kindheit. Meine Verwandtschaft mütterlicherseits stammt aus Coburg. Die Stadt riecht wunderbar.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Den Kritikern, die eine schlechte Meinung von mir haben, vorausgesetzt, Bob Dylan, Woody Allen und Gabriel García Márquez sitzen ebenfalls im Publikum, vorausgesetzt, die drei haben eine gute Meinung von mir.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Die schönste Erinnerung: Lesung vor über 800 Zuhörern; schrecklichste Erinnerung: Lesung vor einem Zuhörer, der darauf bestand, dass ich lese. Bei der guten Erinnerung ging es so weiter, bei der schlechten auch.
Welchen Satz aus Ihrem neuen Roman "Abendland" lesen Sie besonders gern vor? Den ersten Satz: "Meinen ersten Hund mit blauen Augen sah ich, da war ich neun."
Michael Köhlmeier, 58, liest u.a. am 13.11. in Buchholz, 14.11. Hamburg, 15.11. Berlin, 16.11. Rietberg, 21.11. Tübingen, 22.11. Esslingen, 23.11. Karlsruhe; alle Termine unter www.hanser.de
Julia Franck
Was lesen Sie auf Ihrer Lesereise? Neben zeitgenössischer Literatur lese ich gerade "Die Mutprobe" von Nabokov.
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Wenn nicht unter schwarzem Nachthimmel open air, dann vielleicht in einem einfachen und schönen alten Kino wie dem Berliner Delphi - und am liebsten in völliger Dunkelheit, so könnten Zuhörer nur der Stimme lauschen, und mancher könnte schlafen, ich müsste mich nicht zeigen.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Wenn nicht meinen Liebsten, dann Blinden natürlich, sie müssen für Literatur und deren plastischer und sinnlicher Wahrnehmung, der Webart von Bildern, Worten und Geschichte sehr unbestechliche Ohren haben.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Wenn ich ehrlich bin, so hasse ich das Zusammenzwingen von Literatur und Musik. Jeder Lyrikerin, die einen Harfenisten an die Seite gestellt bekommt, ist mein aufrichtiges Mitgefühl sicher. Aber es gab eine eigenartige und schöne Erfahrung, die dem widersprach: Neulich wurde mir in Darmstadt kurz vor der Lesung ein Trompeter vorgestellt, den ich nicht kannte und der meine Literatur genauso wenig kannte. Unhöflich bin ich nicht, also verabredeten wir die Zeitpunkte, zu denen er spielen sollte. Es war sehr eigenartig, wie das funktionierte, vielleicht, weil sich die Trompete nicht anschmiegte, zwar wandte sie sich dem Text zu, stieß im Zentrum aber gegen ihn. Es war überraschend gut, ich konnte mich danach nur bedanken. Das Schlimmste war ein übelriechendes Hotel. Der Geruch war so schlimm, dass ich kaum atmen konnte und nicht wusste, wie ich in den Schlaf finden sollte. Am nächsten Morgen fürchtete ich, dass ich den Geruch angenommen haben könnte. Dabei möchte ich nicht über Details der Auslegware und der Duschkabine sprechen. Und natürlich, bei jeder Lesereise, das Vermissen meiner Kinder.
Welchen Satz aus Ihrem Roman "Die Mittagsfrau" lesen Sie besonders gern vor? "Helene stopfte sich einen Pilz nach dem anderen in den Mund, wie süß war das Alleinsein, das Kauen, die Ruhe."
Julia Franck, 37, ist bis bis Dezember auf Lesereise. Alle Termine unter www.juliafranck.de/termine
Annette Pehnt
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Klassiker! Oder Entlegenes, Abgelegenes wie südaustralische Kurzprosa, bretonische Lyrik, Liebesromane aus Neufundland. Es soll so weit weg wie möglich vom Hier und Jetzt sein, damit das Rauschen des Literaturbetriebes zu einem entfernten Hintergrundgeräusch verschwimmt ...
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Ich habe für jedes Buch einen anderen Wunschort. Zum Beispiel: mein Inselbuch zu gern mal in einem Leuchtturm an der Nordsee.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? ... und für jedes Buch einen anderen Wunschzuhörer. Für "Ich muß los" zum Beispiel: Margarete Mitscherlich. Für "Insel 34": Sir Simon Rattle. Für "Mobbing": die Mobber.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Die schrecklichste: in einer ostwestfälischen Kleinstadt, großer Saal der Stadtbibliothek. Die Zuhörer waren der Veranstalter, ein Deutschlehrer und meine Schwägerin. Die schönste: eine Lesereise durch Irland, mit einem eigenen Fahrer im Kleinbus. An jeder Tankstelle kaufte er mir Kartoffelchips, Geschmacksrichtung "salt and vinegar".
Welchen Satz aus Ihrem Roman "Mobbing" lesen Sie besonders gern vor? "Das war's, sagte Jo."
Annette Pehnt, 40, liest u. a. am 4.11. in Hamburg, 7.11. Oberursel, 15.11. Echterdingen, 23.11. Tutzing; Termine: www.piper.de
Andrea Maria Schenkel
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Ernest Hemingway "For Whom the Bell Tolls", Ludwig Bemelmans "An der schönen blauen Donau" (hab es mir zumindest vorgenommen), Roberto Saviano "Gomorrha", und dann habe ich noch ein paar Sachbücher dabei.
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Tokio, Shanghai... nein, Spaß beiseite! Ich habe da keine Vorlieben. Ich lese überall gern, solange die Menschen mir zuhören möchten.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Ich wünsche mir nur, dass jeder Zuhörer aus der Lesung glücklich und zufrieden nach Hause geht, den Abend in guter Erinnerung behält.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Schöne Lesungen gibt es so viele, ich lese einfach wahnsinnig gern. Meine Lesung in Marburg war wunderschön. Ich gehe auch immer gern zu Lesungen, wenn ich von Martin Höchbauer und Uli Scheller (Musiker) begleitet werde. Zu dritt macht es einfach noch mehr Spaß! Ich kann mich also nicht entscheiden ... Die schlimmste Lesung: acht Leute im Altenheim, in einem kleinen Dorf im Nirgendwo ... ich glaube bis heute, die waren nur da, weil an diesem Abend nix im Fernsehen war.
Welchen Satz aus Ihrem Roman "Kalteis" lesen Sie besonders gern vor? "Er entkleidete sich, sprang hinein, tauchte unter im nachtschwarzen Wasser. Spürte, wie die Kühle ihn umschloss. Wie er langsam im dunklen Wasser ruhiger wurde, wie er zufrieden mit sich selbst, wie er glücklich war." Ist zwar mehr als ein Satz, aber es ist eine meiner Lieblingsstellen.
Andrea Maria Schenkel, 45, ist bis 14.12. auf Lesereise. Alle Termine unter www.edition-nautilus.de/buecher/schenkel/lesungen.pdf
Michael Kleeberg
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Für die vergnügliche Arbeit: Jean-Yves Tadiés Marcel Proust-Biografie, Kurt Flasch "Meister Eckhart". Für das arbeitsame Vergnügen: Relektüre von "Harry Potter and the Deathly Hallows" - für die Details, die beim ersten Mal durchgerutscht sind.
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Auf Schloss Vaux-le-Vicomte, um dort mit ein paar Freunden den Erwerb des Anwesens zu feiern, dazu muss sich "Karlmann" aber noch besser verkaufen.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Gott, der nach der Lektüre ausrufen würde: "Es ist unglaublich, wie weitgehend dieser Erdenkloß mich erkennt! Fange ich nicht an, mir durch ihn einen Namen zu machen? Wahrhaftig, ich will ihn salben!" - Na, von wem ist das?
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Die schrecklichste war der ältere Herr, der nach einer Lesung aus dem "Karlmann" auf mich zutrat und mir sagte: "Herr Mosebach, ich hätte nie geglaubt, dass Sie einen solchen Schweinkram schreiben." Die schönste war auf derselben Lesung die charmante junge Dame, die mit großen Augen sagte: "Herr Mosebach, ich hätte nie geglaubt, dass Sie einen solchen Schweinkram schreiben."
Welchen Satz aus Ihrem Roman "Karlmann" lesen Sie besonders gern vor? "Herr ... Matussek, Sie haben hier vor einem halben Jahr für 600 Mark einen Heckspoiler (er spricht es genüsslich angeekelt aus, als sagte er: einen Vibrator) gekauft und (...) versprochen, den Betrag gleich noch am selben Nachmittag zu überweisen."
Michael Kleeberg, 48, liest u. a. am 7.11. in München, 13.11. Düsseldorf, 14.11. Münster, 26.11. Bremerhaven, 27.11. Bremen, 30.11. Berlin; www.randomhouse.de
Cornelia Funke
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Lesereisen in dem Sinne mache ich ja meiner Kinder wegen nicht, das längste war mal zwei Wochen Amerika. Außerdem habe ich immer meinen Computer mit, um in der wenigen freien Zeit zu schreiben. Wenn doch lesen, dann oft zu dem, worüber ich gerade recherchiere. Der "New Yorker" ist auch nicht schlecht oder Kurzgeschichten von Somerset Maugham oder Hemingway oder Katherine Mansfield - sorry, ich bin zurzeit im Klassikerrausch.
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Am Taj Mahal, das ist der Ort, den ich schon als Kind immer sehen wollte. Vermutlich, weil ich zu oft ein 500-Teile-Puzzle davon gelegt habe.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Hm, das ist schwer. Ich glaube, ein paar hundert Kinder, gut gemischt, sind einfach nicht zu übertreffen als Publikum.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Die schönen sind zu viele, dafür sorgen die Kinder jedes Mal, und die schrecklichen waren nicht allzu schrecklich, eher zum Lachen: "Hier ist ein Autor, der will was vorlesen. Weiß jemand was davon?"
Welchen Satz aus Ihrem neuen Buch "Tintentod" lesen Sie besonders gern vor? Das muss ich im November erst noch mit Rainer Strecker zusammen herausfinden! Ich schätze, dass wir eine Menge Spaß mit dem Glasmann und Fenoglio haben werden.
Cornelia Funke, 48, liest u. a. am 18.11. in Hamburg, 19.11. Berlin, 21.11. München, 22.11. Köln; www.vgo-veranstaltungen.de
Jonathan Lethem
Was lesen Sie privat auf Ihrer Lesereise? Ich lese gerade "Zeno Cosini" von Italo Svevo. Bei den Fahrten in deutschen Zügen habe ich wahrscheinlich 30 oder 40 Seiten davon geschafft.
An welchem Ort würden Sie gern lesen? Ich habe immer gedacht, am besten wäre es, als Eröffnungsnummer für die Rolling Stones aufzutreten, in der New Yorker Radio City Music Hall.
Wem würden Sie am liebsten mal vorlesen? Meiner Mutter, weil ich nie die Gelegenheit dazu hatte. Sie starb, als ich neun war.
Ihre schönste, Ihre schrecklichste Erinnerung an eine Lesereise? Tja, es gab zu viele eintönige Momente, um sich daran zu erinnern ... keine schrecklichen, einfach nicht inspirierende. Wenn man mit einem Buch auf Tournee geht, hat das viel Ähnlichkeit mit der Hauptrolle im "Tod eines Handlungsreisenden". Aber das Beste war, in Rom im Forum Romanum zu lesen, nachts, vor ungefähr 3000 Italienern. Am nächsten Tag bin ich bei Tageslicht wieder zu den Ruinen zurückgeschlendert und habe versucht, mir klarzumachen, dass es wirklich passiert ist. Aber es erschien mir unmöglich.
Welchen Satz aus Ihrem Roman "Du liebst mich, du liebst mich nicht?" lesen Sie besonders gern? "Lucinda liebte es, in die fetten Saiten an ihrem Instrument zu greifen ..."
Jonathan Lethem, 43, hat seine Lesereise in Deutschland gerade beendet.

KulturSPIEGEL 11/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 11/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger