31.03.2008

„Ein Ort des Schreckens“

Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch, 57, über Erniedrigung und Feudalismus am Theater
KulturSPIEGEL: Herr Fritsch, an der Berliner Volksbühne waren Sie einer der Stars - als Schauspieler. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit als Autor und Regisseur?
Herbert Fritsch: Ich fände es absurd, am Schreibtisch zu sitzen und mir auszudenken, wie Leute auf der Bühne lebendig sein sollen. Stattdessen entwickle ich mit Sabrina Zwach nur ein theoretisches Gerüst, das wir während der Proben zu unserem "Spielbank"-Projekt gemeinsam mit den Schauspielern füllen. Jeder von ihnen hat eine irrsinnig lange Probe hinter sich - und das ist sein Leben. Daraus soll er erzählen, darauf sind wir neugierig.
Direkt aus dem Leben stammt auch das Thema von "Spielbank": Angst.
Richtig. Das Theater ist für die allermeisten Schauspieler ein Ort der Erniedrigung, des Schreckens und der Angst.
Weil sie sich fürchten, live vor Publikum zu scheitern?
Natürlich auch, vor allem aber, weil die Struktur des Theaters der pure Feudalismus ist: Intendanten gebärden sich wie Fürsten und benehmen sich Menschen gegenüber, als wären sie Dreck. Auch die Volksbühne war für mich oft ein Ort der Grausamkeit, bis zuletzt. Positiv war, dass die Konflikte dort nicht vertuscht wurden, sondern offen gelebt.
Das passt nicht zum schillernden Bild des Schauspielers in der Öffentlichkeit.
Schauspieler suchen den Ruhm, müssen dafür aber oft ganz gemeine und brutale Sachen einstecken. Sie sind wie jämmerliche Beamte.
Wie wünscht sich denn der Regisseur Fritsch seine Schauspieler?
Sie sollen die Kontrolle aufgeben. Sie sollen so im Spiel aufgehen, dass sie keine Angst mehr haben. Die wunderbarsten Augenblicke entstehen, wenn Schauspieler sich ihre Rolle als Startrampe bauen, auf der sie wegschleudern können. Wenn sie nicht mehr wissen, was sie tun. Wenn sie sich selbst verlieren, wie sich Spieler am Roulettetisch verlieren. Ich sehne mich nach diesem Rausch. INTERVIEW: TOBIAS BECKER
Spielbank. Uraufführung am 19.4. in der Wartburg des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Auch am 20.4., Tel. 0611/13 23 25, www.staatstheater-wiesbaden.de
Von TOBIAS BECKER

KulturSPIEGEL 4/2008
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