29.09.2008

BESCHWERDESTELLEKuppel oder Kubus?

Der Kunsthistoriker Christian Welzbacher über zeitgemäße Moscheen-Architektur
Was haben die Deutschen eigentlich aus dem Vorwurf gelernt, es mangele ihnen an Diskussionskultur? Man muss fast die Augen niederschlagen vor Scham, nimmt man eine aktuelle Debatte in den Blick: die Auseinandersetzung um den Bau von Moscheen. Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, hat sich abgezeichnet, dass muslimische Einwanderer nicht in Hinterhöfen und Notunterkünften beten wollen, sondern in würdigen Gotteshäusern. Jetzt - endlich - drängen sie an die Öffentlichkeit. Sie bauen Moscheen in Städten und Gemeinden, sichtbar für jedermann. Sie zeigen damit, dass sie ein Teil der Gesellschaft sein wollen - und trotzdem Muslime. Und was widerfährt ihnen? Über ihre Köpfe hinweg fegt ein unwürdiger Streit, der nichts anderes zum Gegenstand hat als Ressentiments. Einer Kulturnation ist das wahrlich nicht würdig.
Vor allem aber eines hat dieser "Moscheenstreit", der sich an einem türkischen Bauprojekt in Köln-Ehrenfeld entzündet hat, gezeigt: dass dort, wo Eiferer sich produzieren, meist zentrale Inhalte vergessen werden. Es ist also Zeit, zum Wesentlichen zurückzukehren, also der Frage, ob und wie muslimische Integration gelingen kann. Ruhe, Gelassenheit - und vielleicht auch ein wenig mehr Vertrauen in das Integrationsvermögen unserer Kultur sollten wir dabei lernen. Diese Kraft der Besinnung werden wir auch brauchen. Denn der eigentliche Moscheen-Bauboom steht erst bevor. Angeblich gibt es bei uns derzeit mehr als 150 muslimische Bauprojekte. Diese Zahl bezieht sich aber auf winzige Gemeindehäuser, auf kleine Gebetsräume wie auf eigenständige Moscheebauten, mit Kuppeln und Minaretten.
Kuppel und Minarett? Warum muss eine Moschee, die im Deutschland des 21. Jahrhunderts entsteht, aussehen wie ein Bau aus der Vergangenheit? Eine Moschee ist - im Gegensatz zur Kirche - kein "Gotteshaus", sondern ein Versammlungsbau. Die einzige Regel: Der Betsaal muss nach Mekka ausgerichtet sein. Von Stil, Kuppeln, Materialien, Minaretten ist in keiner zentralen Schrift des Islam die Rede. Das Aussehen einer Moschee hängt also von ihrem kulturellen Kontext ab. Die Moschee in Cordoba hat eine andere Architektur als die Azhar-Moschee in Kairo oder die Süleymaniye in Istanbul.
Aber wie sieht eine zeitgemäße Moschee aus? Eine Antwort gibt es bereits. In Penzberg, einer Gemeinde südlich von München, wurde vor drei Jahren ein "Islamisches Zentrum" eröffnet (Foto). Dessen Architekt Alen Jasarevic war damals 32 Jahre alt. Diese Moschee ist klein, kompakt, atemberaubend modern - ein strenger Kubus, verkleidet mit gelben Natursteinquadern, geöffnet durch ein hohes Portal, verziert mit ornamentalem Linienwerk. Auch ein Minarett gibt es hier, es ist aufgelöst in arabische Schriftzeichen, die eine Sure aus dem Koran nachbilden - Kunst am Bau, könnte man sagen.
Penzberg ist kein Einzelfall. In London plant das Büro MYAA (Schüler von Zaha Hadid) eine grandiose dekonstruktivistische Moschee. In Århus wird ein schicker Bau im Stil der Fünfziger mit Flugdach und runden Betonstützen gebaut (Entwurf: C. F. Möller). Cannes bekommt eine trutzig-kompakte Architektur, die der junge Planer Emile Di Matteo entworfen hat. Dies alles sind Moscheen, die ohne Pseudozitate aus der Vergangenheit auskommen. Kann eine Gemeinde deutlicher zeigen, dass sie im Hier und Jetzt angekommen ist, als mit solchen Bauten?
Es ist höchste Zeit, die Diskussion über den zeitgemäßen Moscheenbau zu beginnen. Wir müssen weg vom "Moscheenstreit" - hin zur "Kulturdebatte". Mit Maß und Ziel - aber ohne Emotionen. In Duisburg-Marxloh eröffnet die türkische Gemeinde Ende Oktober die bisher größte Moschee Deutschlands, die 1200 Gläubige fasst. Der kolossale Kuppelbau imitiert Vorbilder, die am Bosporus im 16. Jahrhundert entstanden sind. Mit aktueller, europäischer Architektur hat das nichts zu tun. Wenn aber die Türken, die doch angeblich bei uns heimisch werden sollen, "Sehnsuchtsarchitektur" errichten - so fällt das auch auf uns Deutsche zurück: Muslime flüchten sich in "Orientalismen", wo die Mehrheitsgesellschaft mit Vorurteilen über sie herfällt.
Integration geht anders, sie beginnt in den Köpfen - und sie endet in einer Baukultur, in der zeitgenössische europäische Moscheen auch in den Formen einer entsprechenden Architektur entstehen.
Welzbacher, 38, hat gerade das Buch "Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes" (Sun, Amsterdam) veröffentlicht.

KulturSPIEGEL 10/2008
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