26.10.1998

Neue Bücher

BELLETRISTIK
TREIBSTOFF: Endlose Strände und ewige Jugend: Kalifornien gilt immer noch als Märchenland der Popkultur. Den Soundtrack zu dieser Illusion verfaßte ein hysterischer Egozentriker, der Produzent Phil Spector. Der amerikanische Schriftsteller James Robert Baker hat dazu den rasant-melancholischen Roman "Treibstoff" komponiert. Der Radio-DJ Scott Cochran trauert seiner verlorenen Jugend nach, während er nachts die Hits von gestern auflegt. Als ihn der Produzent Dennis Contrelle, dem der Ruf des unberechenbaren Irren vorauseilt, anruft, kommt sein Leben wieder in Fahrt. Leidenschaftlich und kaum verschlüsselt beschreibt Baker Spectors Leben und den schalen Mythos Kalifornien. Daß er sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, ist da fast von trauriger Konsequenz.
James Robert Baker: "Treibstoff". Aus dem Englischen von Brigitte Helbling. Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 368 Seiten; 33 Mark.
Christoph Dallach
TEXTASY: Raver sind wortkarge Menschen. Die Ekstase fordert all ihre Kräfte, die Pillen verdrehen ihnen das Wort im Mund - und wer versucht, ihr zwischen Technokultur und Kulturschocks eingekeiltes Fin de siècle zur Sprache zu bringen, dem zerhämmern die Bässe den Satzbau. Was mit "Rave" begann, setzt Rainald Goetz nun mit "Jeff Koons" fort: den Bericht aus den leeren Kunstwelten der Endneunziger. "Schön / wie du schaust / wie du ausschaust / so schön / wie du lachst / wie du redest / total angenehm." So klingt das Glück im Gedröhne des Dancefloor. Goetz tarnt sein Sammelsurium skurriler Alltagsszenen von Kunstvernissagen und Partys als Poesie - heraus kommt ein hingedruckter Gedankenfluß, ein grandioser Poetry Slam aus halbgaren Anekdoten und zerkrümelten Theorien, aus Dialogen und Gedankenfetzen, die zwischen den Beats der ravenden Endzeitnation hängenblieben.
Rainald Goetz: "Jeff Koons". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.; 160 Seiten; 34 Mark. Tel. Niklas Maak
COMIC
HÖLLENBRUT: Im Universum von DC, dem zweitgrößten Comic-Verlag der USA, gibt es dunkle Winkel, die Superman nie besuchte. Unter dem Label "Vertigo" veröffentlicht der Verlag seit Ende der Achtziger Comics, die nicht so recht in die lichte Welt der Superhelden passen: sperrige Geschichten voll von psychologischem Horror, Poesie, Zynismus und Gewalt. "Hellblazer", eine Serie aus den Anfangstagen von Vertigo, liegt jetzt erstmals auf deutsch vor. Sie spielt Ende der Achtziger: Der Engländer John Constantine ist darin ein kettenrauchender Zyniker auf Dämonenjagd. Doch "Hellblazer" ist mehr als Horror - etwa dann, wenn Constantine den Zusammenhang zwischen der Thatcher-Regierung und dem Börsenpreis für britische Seelen erkennt.
Jamie Delano; Zeichnungen: John Ridgway, Alfredo Alcala: "Hellblazer". Verlag Schreiber & Leser, München; 128 Seiten; 24,80 Mark. Tel. Jörg Böckem
SACHBUCH
LUSTSPIEL: Hüllenlos hat sie in Marmor die Jahrhunderte überlebt - dabei war Venus alias Aphrodite anfangs beileibe kein Sexobjekt, sondern ein streng gehütetes, meist sittsam verhülltes Fruchtbarkeitsidol. Wie kam die Göttin dazu, sich zu entkleiden, was enthemmte auch den Weingott Dionysos und sein Gefolge zu immer ausgelasseneren, frivoleren Posen? Paul Zanker, Spezialist für antike Plastik, glaubt es zu wissen: Der Hellenismus habe Götterbilder voll von raffiniertem Sinnenkitzel erfunden, um "Heiterkeit und Leichtigkeit zu verbreiten", Luxuswaren für ein "unspektakuläres irdisches Glück". Als Gipfel erotischer Lockung ließen die Bildhauer sogar Hermaphroditen auftreten: Alles, so Zanker, Ausdruck einer neuen, individuellen, fröhlichen Schaulust. Ob seine Kollegen die kluge These akzeptieren werden?
Paul Zanker: "Eine Kunst für die Sinne. Zur Bilderwelt des Dionysos und der Aphrodite". Klaus Wagenbach Verlag, Berlin; 128 Seiten; 32 Mark. Tel.
Johannes Saltzwedel

KulturSPIEGEL 11/1998
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