28.09.1998

Neue Bücher

BELLETRISTIK
UNTERIRDISCH GUT: Nirgendwo werden Schicksalsschläge so sehnsüchtig erwartet wie im Baseball, und vielleicht fängt deswegen auch Don de Lillos gigantisches 1000-Seiten-Opus mit einem Home run an: mit dem legendären Schlag, der am 3. Oktober 1951 die New York Giants zum Sieg katapultierte. Ein Schicksalstag für Amerika - auch deshalb, weil gleichzeitig den Russen ein entscheidender Atombombentest gelang. Rast- und haltlos überblendet de Lillo Weltgeschichte und individuelle Schicksale, zoomt sich durch Gedanken und Geschichten der vergangenen Jahrzehnte. "Underworld" beginnt mit Baseball und endet 40 Jahre später im Cyberspace. Ein Epos von der Kultur und dem Müll, von verlorenen Chancen und einer Liebe im Schatten der Bronx. Vom Wandel der Wahrnehmungen und von der Underworld, der Nachtseite der Dinge und des Denkens. "Jahrhundertroman" hin oder her: Allein das 50seitige Baseballspiel gehört zum Besten, was die amerikanische Literatur seit langem hervorgebracht hat. Ein Home run für die Literaturgeschichte.
Don de Lillo: "Unterwelt". Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 976 Seiten; 54 Mark. % Niklas Maak
GEDANKENFLUG: Seit Matthias Rusts Kremlflug wissen wir, daß allerhand passieren kann, wenn ein paar größenwahnsinnige Typen mit Sportmaschinen zum Langstreckenflug aufbrechen. Bei Monioudis ist das nicht anders: Da treten irgendwann in den zwanziger Jahren vier merkwürdige Gestalten zur Flugexpedition von Zürich nach Berlin an. Beim Zwischenstopp bleibt ein Passagier auf der Strecke, eine Prostituierte ruft mit dem Handy um Hilfe, und hinter der Mauer wartet eine verlassene Schöne auf die Wiedervereinigung. Der Leser wundert sich - und merkt nur langsam, daß diese Flugreise eigentlich ein phantastischer Gedankenflug durch die Zeit ist.
Perikles Monioudis: "Deutschlandflug". Berlin Verlag, Berlin; 128 Seiten; 29,80 Mark. % Anja Deschamps
BEICHTEN PFLASTERN SEINEN WEG: Gegen plötzliche Liebeserklärungen fremder Männer sind auch brave Ehegatten manchmal machtlos: Da will der Wissenschaftsjournalist Joe bei einem Ballonunfall ein Kind retten und macht sich mitschuldig am Tod eines Mannes. Entgeistert schaut der gescheiterte Retter einen anderen Helfer an - einen Augenblick zu lange. Der Andere, ein religiöser Fanatiker, verliebt sich in den verheirateten Mann und terrorisiert ihn fortan mit seiner und Gottes Zuneigung. Joes Ehe, seine vermeintlich heile Welt und sein rationales Schneckenhaus zerbrechen unter dem Dauerfeuer des religiösen Liebeswahns. McEwans brillanter, abgründiger Roman ist das lakonische Protokoll einer wundervollen Feindschaft.
Ian McEwan: "Liebeswahn". Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Diogenes Verlag, Zürich; 356 Seiten; 42 Mark. % Peter Richter
SACHBÜCHER
BEAT IM BUNKER: Ein Metallgitter, drei Türen und diverse Treppen mußte überwinden, wer in den "Bunker" wollte - die fensterlosen ehemaligen Umkleideräume einer Turnhalle auf der Lower East Side, in denen sich William Seward Burroughs 1974 eingerichtet hatte. Bianca und Mick Jagger, David Bowie, Susan Sontag, Andy Warhol und Tennessee Williams kamen auf einen Drink vorbei; Allen Ginsberg saß meistens schon mit einem Whisky auf dem Sofa. Die Zusammenkünfte waren trotz prominenter Besetzung kein gesellschaftliches Ereignis, sondern ein permanentes Experiment, in dem ausgelotet wurde, was Leben ist und was Literatur. Klar, daß Burroughs dabei viel von Liebe, Sex und Drogen erzählt. Der Lou-Reed-Biograph Victor Bockris hat die Gespräche mitgeschnitten und um rund 50 Schnappschüsse ergänzt. Jetzt ein Joint, und die Rekonstruktion der New Yorker Subkultur ist perfekt.
Victor Bockris: "William S. Burroughs - Bericht aus dem Bunker". Aus dem Amerikanischen von Esther und Udo Breger. Ullstein Verlag, Berlin; 392 Seiten; 28 Mark. % Reinhard Helling
BILDBAND
DAS AUGE DER MODERNE: Damals, in den Dreißigern, hatten es Avantgarde-Architekten noch schwerer als heute. Ihre Bungalows und Museen sahen aus wie Ufos, und die Leute schauten die Baumeister so entgeistert an, als wären sie eine Horde wildgewordener Außerirdischer: Das soll ein Haus sein? Schon deshalb riefen Richard Neutra und Albert Frey den Fotografen Julius Shulman zu Hilfe. Der wartete geduldig, bis irrsinnig schönes Sommerlicht die Bauten erleuchtete, setzte ein paar attraktive Frauen ins vollverglaste Wohnzimmer, und schon sahen die Wohn-Ufos aus wie minimalistische Tempel für das Wesentliche im Leben. Kaum einer hat das Bild von moderner Architektur so geprägt wie der 88jährige Amerikaner, dessen fotografisches Werk dieser Band erstmals versammelt: Bilder aus den Zeiten, als Architekten und unerschrockene Bauherren zur Odyssee im Wohnraum aufbrachen.
Peter Gössel (Hrsg.): "Julius Shulman". Taschen Verlag, Köln; 300 Seiten; 49,95 Mark. Erscheint am 15.10. % Niklas Maak
KRIMI
EIN MANN SIEHT ROT: Wenn Privatdetektiv Mike Hammer nicht gerade jemanden erschießt, feuert er Schimpfkanonaden auf Moskau ab, und mitunter macht er auch beides gleichzeitig. Schon 1951, mitten im Kalten Krieg, ließ Mickey Spillane sein Alter ego eine kommunistische Verschwörung in Grund und Boden ballern, um den USA das Atombombenmonopol und der Welt den Frieden zu bewahren. Das lange vergriffene Spillane-Gemetzel ist wieder da: neu übersetzt und diesmal mit all den Passagen, die zartbesaitete Lektoren in früheren Übersetzungen fortgelassen hatten. Als Hardboiled-Krimi ziemlich spannend, als ideologischer Kreuzzug ebenso unfreiwillig amüsant wie einst Schnitzlers "Schwarzer Kanal".
Mickey Spillane: "Regen in der Nacht". Aus dem Amerikanischen von Lisa Kuppler. Rotbuch Verlag, Hamburg; 276 Seiten; 19,90 Mark. % Peter Richter

KulturSPIEGEL 10/1998
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