28.06.2010

„Bots sind wie Parasiten“

Der US-amerikanische Autor und Programmierer Daniel Suarez, 45, über die Macht von Software und die Gefahr der totalen Überwachung
KulturSPIEGEL: Herr Suarez, in Ihren Romanen "Daemon" und "Freedom™" erschaffen Sie eine Welt, in der kleine Computerprogramme, sogenannte Bots, uns kontrollieren und unser Schicksal bestimmen. Müssen wir Angst haben?
Daniel Suarez: Nun, was ich schreibe, ist natürlich reine Fiktion, aber diese Fiktion ist nicht so weit weg von der Realität. Die Menschen sollten besorgt sein. Denn schon heute sind wir von einer Armee von Bots umgeben, die unser Leben tiefgreifend beeinflussen.
Können Sie Beispiele nennen?
Nehmen Sie das, was kürzlich an der Wall Street passiert ist …
… am 6. Mai verlor der Dow Jones plötzlich fast tausend Punkte …
Zum Glück nur für kurze Zeit; aber das waren Bots, die miteinander gehandelt haben - ohne menschliche Kontrolle. Hunderte Milliarden Dollar verdampften in 20 Minuten. Dasselbe bei medizinischen Entscheidungen: Erst kürzlich wurde der Fall mehrerer Frauen bekannt, die hier in den USA ihre Krankenversicherung verloren, nur weil bei ihnen Brustkrebs diagnostiziert worden war. Es war kein Mensch, der diese Entscheidungen traf, sondern ein Bot. Diese Programme können grauenhafte Dinge tun. Und niemand stellt das in Frage. Bots prüfen auch Ihre Bonität und entscheiden damit, ob Sie einen Kredit, eine Wohnung oder sogar, ob sie ein Vorstellungsgespräch bekommen. Und solche Daten verschwinden nie wieder.
Woher kommen die Daten?
Sie werden ständig gesammelt. Denken Sie an Ihr Handy. Ihre Telefongesellschaft weiß zum Beispiel genau, wo Sie sind. Und nicht nur das: Forscher der Northeastern University in Boston haben kürzlich die Daten von 50 000 Handy-Nutzern analysiert. Nach einiger Zeit konnten sie mit 93-prozentiger Sicherheit voraussagen, was jeder Nutzer als Nächstes tun wird. Das lässt sich dann mit Kreditkarten-Käufen korrelieren oder mit den Aufnahmen von Überwachungskameras.
Wird die Datenflut bereits ausgewertet?
Ich wäre erschüttert, wenn es nicht so wäre - einerseits natürlich als Teil des Kampfs gegen den Terror; andererseits jedoch auch, um Sachen zu verkaufen. Bots sind sehr gut darin, riesige Mengen von Daten nach Mustern zu durchforsten. Dabei ist es egal, ob es darum geht, einem Geheimdienst bei der Suche nach Oppositionellen zu helfen oder den Leuten Eis genau in jenem Augenblick anzubieten, in dem sie unbedingt ein Eis wollen. Wer ausgefeilte Bot-Programme entwirft, kann eine Menge Geld verdienen.
In Ihrer Geschichte programmiert der Software-Tycoon Matthew Sobol ein hochentwickeltes Bot-Netz namens "Daemon", das in Aktion tritt, als Sobol stirbt. Der Daemon fängt an, die Zivilisation zu demontieren, und überzeugt Mitglieder seines "Darknet" sogar davon, zu töten. Wie?
Der Anreiz ist Geld. Fast alles Geld existiert in Form von Einsen und Nullen in Datenbanken. Ein Bot, der innerhalb dieses Systems arbeitet, kann Geld erschaffen und verteilen. Geld aber bedeutet Vorteile, Chancen, alle möglichen Dinge. Gleichzeitig weiß der Daemon, welche Hoffnungen und Träume die Leute haben. Er weiß, mit wem sie gesprochen haben, welchen Beruf und welche Hobbys sie haben und so weiter. Das ist übrigens genau das, was soziale Netzwerke tun. Es gibt 400 Millionen Facebook-User. Und Facebook wird ständig von Bots durchforstet. Diese Bots müssen nicht mal besonders intelligent sein, um uns zu täuschen.
Sie sprechen sogar von einem darwinistischen Kampf zwischen Menschen und Bots. Das klingt weit hergeholt. Steht unser Überleben auf dem Spiel?
Nein, aber vielleicht unsere Lebensqualität. Ein Leben, in dem uns Bots jede Sekunde sagen, was wir tun sollen - aufstehen, zur Arbeit gehen, Kinder haben mit dieser und nicht mit jener Person -, ist absolut denkbar. Wir haben bereits akzeptiert, dass Bots unsere wirtschaftlichen Chancen bestimmen. Da ist es nur ein kleiner Schritt bis zu dem Punkt, an dem Bots bestimmen, wie unser ganzes Leben verläuft. In so einer Welt würden alle Entscheidungen von Bots getroffen - und wir würden es vermutlich noch nicht einmal bemerken.
Aber hinter den Bots stehen doch immer noch Menschen, die sie programmieren und ihnen Aufträge geben.
Sicher, und ich glaube auch nicht an eine riesige Verschwörung. Es ist nicht so, dass da böse Leute in der Ecke sitzen und "ha, ha, ha, ha" machen. Die Programmierer sind alle ehrbare Menschen. Aber das Ganze kann leicht aus dem Ruder laufen. Es gibt Botnets mit zehn Millionen Maschinen. Wer kontrolliert sie? Sagen Sie mir, von wo aus Ihre Daten attackiert werden. Bots lassen sich nicht einfach ausschalten.
Man könnte den Stecker ziehen.
Wie wollen Sie beim Internet den Stecker ziehen? Das ist unmöglich. Rechenzentren haben längst Generatoren und sind nicht mehr auf das Stromnetz angewiesen. Wo sollte man außerdem ansetzen? Wenn Sie 20 Prozent des Internets abschalten, wäre es immer noch da. Wir erschaffen hier gerade etwas sehr Mächtiges, ohne die Folgen zu verstehen. Bots sind wie Parasiten. Sie entwickeln sich die ganze Zeit weiter. Wir könnten die Kontrolle verlieren.
Was sollten wir also tun?
Wir müssen die Kontrolle über unsere Daten zurückgewinnen. Der Schlüssel ist Transparenz. Wenn Sie wissen, woran Sie sind, können Sie entsprechend handeln.
Wie schützt sich ein Software-Spezialist wie Sie?
Ich habe keine Facebook-Seite. Ich twittere nicht. Ich biete nicht viel Angriffsfläche. Manchmal nehme ich sogar die Batterie aus meinem Handy, um nicht lokalisiert werden zu können. Eine sehr kleine Gruppe von Mächtigen entscheidet, was mit unseren Daten geschieht, und diese Leute nutzen Bots, um ihre Ziele umzusetzen. Das hat nichts mehr mit Demokratie zu tun. Es geht nur noch um Effizienz. Das ist das wirklich Beängstigende daran. Wir sollten diesen Weg nicht gehen. Andernfalls steuern wir in eine teuflische Zukunft.
Daniel Suarez: "Daemon". Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann. Rowohlt Taschenbuch; 640 Seiten; 15 Euro. "Freedom™". Dutton Books; 416 Seiten; ca. 26,95 Dollar. Mehr zum Thema www.spiegel.de/buchtipp
Foto: Robert Gallagher
Von Philip Bethge

KulturSPIEGEL 7/2010
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