27.09.2010

Auslassen

10 Bücher, die Sie sich sparen können
Ein Vierteljahrhundert nach seinem Romandebüt "Unter Null" lässt Skandal-Routinier Bret Easton Ellis , 46, in "Imperial Bedrooms" wissen, wie es seinen party- und drogensüchtigen Helden aus Los Angeles heute geht: Unüberraschenderweise fühlen sie sich auch mit Mitte vierzig noch leer und innerlich tot, finden sich aber ziemlich cool, was eine krasse Fehleinschätzung ist. Ein Roman wie alte Männer in der Disco: tragisch und unnötig. DANIEL SANDER
Nach einer wahren Geschichte, die er bei einem Restaurantbesuch hörte, erzählt der im Juni verstorbene Nobelpreisträger José Saramago , wie ein Elefant 1551 als Geschenk des portugiesischen Königs an den Wiener Erzherzog durch Europa wanderte. Geschrieben in gewollt altertümlicher Weitschweifigkeit nervt der Erzähler mit kecken Anmerkungen über seine Dramaturgie und den "neugierigen, wissbegierigen Leser". Traurig, dass ausgerechnet Saramagos letztes Buch "Die Reise des Elefanten" so missglückt ist. MARIANNE WELLERSHOFF
Tiere gehen immer, mag sich Yann Martel , 47, nach seinem Erfolgsroman "Schiffbruch mit Tiger" gedacht haben. Nun schickt er einen ehedem erfolgreichen Autor, einen Esel und einen Brüllaffen auf den Weg, das Grauen des Holocaust zu ergründen - und erleidet damit selbst Schiffbruch. Immerhin liefert Martel auf der Metaebene die Kritik seines Buchs "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" gleich mit: "Der Roman war langweilig, die Handlung schwach, die Figuren waren nicht überzeugend, ihr Schicksal interessierte nicht, man wusste nicht, was es überhaupt sollte …" Dem ist nichts hinzuzufügen. SILJA UKENA
Schon erstaunlich, welche Namen so durch Rezensenten-Rüben rauschen, wenn sie "Rost" von Philipp Meyer , 36, lesen: Faulkner, Steinbeck, Hemingway, Salinger, Twain, Kerouac, McCarthy. Für die "Los Angeles Times" war "Rost" das Buch des Jahres 2009, für "Newsweek" gar eines der besten Bücher aller Zeiten. Und was ist es wirklich? Ein streberhafter Roman vom Reißbrett, ein larmoyantes Krisenszenario voller Kameraschwenks durch das deindustrialisierte Amerika, sprachlich und formal unambitioniert, ein sentimentales Roadmovie voller harter Schnitte und Cliffhanger, das im Popcorn-Kino sicher funktionieren würde. Aber dafür lesen? Nein danke. TOBIAS BECKER
Üb immer Treu und Biederkeit, das ist die Message der "Sommerlügen" von Bernhard Schlink , 66, der in dieser Storysammlung Fast-Ehebrecher und Sterbenskranke in moralkniffeligen Pseudo-Konflikten vorführt: leider in einem so sensationell spießigen, ungelenken Deutsch, dass einem "die Tränen kommen wollen", um Worte des Meisters zu benutzen. WOLFGANG HöBEL
Monologe können großartig sein, sind es aber selten. Leser wollen lieber eine Geschichte lesen und nicht niedergequatscht werden wie von Peter Wawerzinek , 55. Sein Roman "Rabenliebe" , die Story eines Kindes, das von seiner Mutter völlig alleingelassen wurde, erhebt den Anspruch, ein explosiver Großmonolog zu sein, kommt aber so egomanisch-vernagelt daher, so verkapselt und verkünstelt, dass der Leser nur noch weghören will. SUSANNE BEYER
Als ebenso skrupelloser wie furioser Weibsteufel werde hier die Verlegerwitwe und heutige Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz vorgeführt: Mit diesem Gerücht hatte der ehemalige Suhrkamp-Autor Norbert Gstrein , 49, die Medien-Neugier auf seinen Roman "Die ganze Wahrheit" , der dennoch kein Schlüsselroman sein wollte, hochgekitzelt. Doch der angesagte Skandal erwies sich als Rohrkrepierer: Gstrein hat nur das Porträt einer übergeschnappten Kulturbetriebs-Karrieristin aus der Provinz zu bieten. URS JENNY
Wieder einmal gerät ein tugendhafter junger Mann in den Bann eines intellektuellen Verführers mit diabolisch funkelndem Esprit, wieder einmal lockt eine schlangenhafte Femme fatale ins Verderben, und wieder einmal fügen sich Kolportage-Klischees zu einem prätentiös literaturlastigen Mystery-Thriller voll schicksalsschwerer Zufälle. Paul Auster , 63, recycelt in "Unsichtbar" wie unter Zwang immer noch mal die Motive und Muster seiner frühen New Yorker Alpträume - inzwischen kann man diesen Trip gut und gern mal sein lassen. URS JENNY
Irgendjemand hatte hier noch eine Rechnung offen. Ein Vater fährt mit seiner Tochter über Weihnachten nach Sylt. Er hat sie in ihrem13-jährigen Leben viel zu selten gesehen, findet er, heul, heul. Schuld ist die böse Hippie-Mutter, die das Kind zu Trommelworkshops mitschleppte, auf denen es halluzinogene Pilze essen musste und es dem Vater entfremdete. Geht's klischeehafter? Der Roman "Die Liebe der Väter" von Thomas Hettche , 45, liest sich wie eine selbstmitleidige Klageschrift, an den besseren Stellen wie ein Reiseführer für Sylt. CLAUDIA VOIGT

Sechs Seiten lang Fliegen jagen, vier Seiten ein sich aufplusternder Kakadu, drei Seiten Zigarre rauchen - der neue Roman "Was davor geschah" von Martin Mosebach , 59, über Frankfurts bessere Kreise liest sich, als müsse der Büchner-Preisträger mit jedem Satz beweisen, was im Klappentext steht: dass er auf dem "Höhepunkt seiner immer wieder bewunderten Erzählkunst" sei. Die Handlung ist unerheblich, auch für den Autor, der auf der von Eitelkeit getriebenen Suche nach der glänzendsten Formulierung jedes Detail zwei- bis fünfmal beschreibt. So zum Beispiel: "Ach, die Zimmer seiner Liebesabenteuer, jedes davon stand ihm vor Augen, vollgesogen mit der Liebesluft, dem Liebesdunst, der nach ein paar Stunden in ihnen lag." MARIANNE WELLERSHOFF

KulturSPIEGEL 10/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 10/2010
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • SPIEGEL TV heute: Wahlkampf bizarr - Unterwegs mit der AfD
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie