30.03.1998

Malen nach Zahlen

Seit sechs Jahren arbeitet Jeff Koons an seinem Ausstellungsprojekt „Celebration": Glänzendes Spielzeug und Lego-Stilleben im Riesenformat. Was als Kindergeburtstag begann, ist zum finanziellen Alptraum geworden.
Das letzte, was in New York von Jeff Koons zu sehen war, hing bis 1992 in der Galerie von Ileana Sonnabend und hieß "Made in Heaven". Es war ein gigantischer Erfolg. Die Leute standen bis auf den West Broadway hinaus Schlange, um "Ilona's Asshole, 1991" (Siebdruck auf Leinwand mit Öl, 228 x 152 cm) und "Blow Job (Kama Sutra), 1991" (Kristallglas, 58 x 47 x 54 cm) zu sehen.
Jeff Koons war glücklich, Cicciolina war schwanger. Unter ihrem Herzen trug sie die "biologische Skulptur" Ludwig Maximilian Koons. Und das alles mußte gefeiert werden, am besten mit einem Ausstellungsprojekt, das alle anderen Ausstellungsprojekte noch überbieten würde - mit "Celebration".
"Glauben Sie mir: Celebration wird unseren Skulpturenbegriff radikal umwerfen. Die Welt wird staunen. Koons erinnert mich an das 17. Jahrhundert - die gleiche Idee der Ekstase wie bei Bernini", sagt Gijs van Tuyl, der Chef des Wolfsburger Kunstmuseums. "Ich sage nur: Brancusi! Warhol! Celebration is very classic and very pop", sagt Jeffrey Deitch, der New Yorker Kunst-Broker. "Wir glauben an ihn", sagt Lisa Dennison, Kuratorin am Guggenheim-Museum. "Celebration wird große Auswirkungen haben. Wenn er damit scheitert, wird in SoHo wieder das brave, harmlose Pinseln anfangen", sagt Friedrich Petzel, Galerist in New York.
Der Mann, auf dem diese Erwartungen ruhen, steht zwischen einem drei Meter hohen Knetgummi-Berg, einem umbrabraunen "Toys'R'Us"-Piratenschiff und seinem Schreibtisch, auf dem ein Ratgeber "Eltern gegen Eltern" sowie die letzten Nummern der "Parents League Review" liegen: "Hi, ich bin Jeff Koons", sagt der Mann, wechselt die Zigarette in die Linke und hat den Händedruck von jemandem, der schwachen Blutdruck oder angespannte Nerven hat. Oder beides.
Die Feier jedenfalls ist nicht recht in Gang gekommen; um es vorsichtig auszudrücken. Seit vier Jahren führt Koons einen Sorgerechtsprozeß, bei dem es im wesentlichen um den Nachweis geht, daß die ehemalige Geliebte eigentlich immer schon eine verkommene Schlampe gewesen ist.
Und seit ebenfalls vier Jahren wartet der internationale Kunstmarkt auf Celebration - eine Werkgruppe in bislang unbekannten Ausmaßen, bestehend aus 16 Tafelbildern in Werbeplakatgröße und 20 Monumentalskulpturen, alle zum Thema Kinderfreuden: Da sind Partyhütchen und -teller, ein hängendes Herz, eine Torte, Popcorn und hyperrealistische Playmobil-Männchen - aber das Werk wird nicht fertig. Zweimal mußte das Guggenheim-Museum sein Programm umschreiben, weil Koons die Exponate nicht lieferte. Das Wolfsburger Museum wartet, Bilbao wartet, Lyon wartet, der Sammler Dakis Joannou wartet. Alle warten. Nur die Besserwisser nicht. Die unken, daß Jeff Koons' Zeit vor-bei sei: "Koons platzte in den Achtzigern in die Szene", schreibt Richard Polsky in der 98er Ausgabe seines "Art Market Guide" und empfiehlt: "Außer seinem edelstahlglänzenden Karnickel kann ich mir nichts von ihm vorstellen, was noch Wert hat ... Abstoßen!"
Die "Jeff Koons Inc." hat ihre Produktionsstätten im ersten Stock eines ehemaligen Lagerhauses an der Ecke Broadway und Houston Street, schräg gegenüber von der Downtown-Filiale des Guggenheim. Das Atelier des Künstlers besteht aus sechs weiten, von gußeisernen Säulen getragenen Hallen, in denen ständig 20, bei Produktionsspitzen bis zu 70 Farbmischer, Modellierer, Maler und Formbauer beschäftigt sind. Gerade ist eine Palette "Spalding"-Basketbälle geliefert worden. Koons' Basketball-Arbeiten, egal ob in Wasser schwimmende oder in Plexiglasquadern gestapelte Bälle, sind nach wie vor gefragt. Ihm selbst dienen sie nur dazu, einigermaßen flüssig zu bleiben. Jeff Koons hat nur zwei Dinge im Kopf.
Celebration gehört auch dazu. "Ich habe in den letzten Jahren soviel durchmachen müssen mit diesen Prozeßgeschichten. Celebration soll Zuversicht, Hoffnung, Optimismus feiern, alles, was man nicht aufgeben darf. Nein, ich meine das nicht ironisch. Es ist eine moralische Arbeit, weder zynisch noch elitär. Ich zeige Dinge, die ich mag und über die sich jeder freuen kann."
Koons geleitet durch sein Atelier wie der Fertigungsdirektor eines mittelständischen Betriebs. Sehr geduldig, einnehmend und in erprobten Sätzen erzählt er vom Staunen des Kindes und vom Gelbton hochverchromten Edelstahls, wenn er irgendwo in der Sonne aufgestellt ist, Kinder sich in ihm spiegeln. Unter einer Plane liegt ein raumfüllendes, quallenförmiges, wie von Außerirdischen vergessenes Gebilde - das erste Stück von Celebration. Peinlich darauf bedacht, sich nicht schmutzig zu machen, reißt Koons die Plane herunter und sagt: "Es ist natürlich nur ein Modell. Ich nenne es ,Bread-Egg'. Es zeigt ein in Brotteig gebackenes Ei."
Gleich nebenan steht eine Replik der Nike von Samothrake, die sich beim Nähertreten aber als Kätzchen erweist: Kulleräugend und groß wie ein Tiger stemmt es sich aus einem an einer Wäscheleine hängenden Strumpf: "Diese Arbeit ist kein Ready-made, auch kein vergrößertes. Wir mußten zehn Kätzchen mieten, bis wir das richtige gefunden hatten."
Durch den Gipsstaub sind vier Bildhauer in Overalls und mit Atemmasken zu erkennen, wie sie an einem Gußmodell schleifen. Es erinnert an eine der zu lustigen Pudeln oder Blumen geknoteten Luftballonschlangen, die einem in Fußgängerzonen von Asylbewerbern entgegengehalten werden. Darum handelt es sich auch: "Das ist Balloon-Flower", übertönt Koons den Lärm der Schleifmaschinen. "Sie wird in verchromtem Edelstahl gefertigt werden, in vier Farbversionen und zehn Fuß groß. Das sieht modernistisch aus, aber es soll wirklich nur eine Ballonblume sein. Man braucht kein Expertenwissen, um sich meinen Arbeiten zu nähern."
Jeff Koons ist jetzt 42, und das Gesicht unter dem Jungenhaarschnitt ist noch etwas älter. Er erzählt, daß er jeden Sonntag in die Presbyterianerkirche an der 64. Straße gehe. Die Worte kommen in warmem Strom, wie von einer Honigpumpe gefördert. Keine Spur mehr von dem Spektakel-Koons, als den er sich von den Zeitungen darstellen ließ: Crazy-Eighties-Jeff, der genauso geschmeidig mit Rohstoffoptionen an der Wall Street handelte wie mit seinen Kitsch-Statuen; der den Kunstmarkt mit gynäkologischen Schautafeln seiner damaligen Gattin Cicciolina belieferte und plötzlich merkte, daß er als Mutter seines Sohnes lieber doch keine Pornodarstellerin haben wollte.
Das ist vorbei. So vorbei und vergessen, daß jeder Besucher gebeten wird, das C-Wort im Atelier nicht zu erwähnen. Der neue Koons spricht von Reinheit und Moralität. Am Künstlersein, sagt er, gefalle ihm die Intimität des Schaffens, die Privatheit. Nur als das Kameraobjektiv zum erstenmal auf ihn gerichtet wird, zuckt sein Gesicht vor und ist plötzlich mit einem breiten Grinsen bedeckt. Ein Reflex, der bald nachläßt.
"Hi!" - Ein weißhaariger, leicht gebeugter Mann in Turnschuhen und Karo-Tweedjackett unterm Hochgebirgsanorak kommt hereingewieselt, stellt seinen mit Kamerataschen bepackten Assistenten in die Ecke und sich mit den Worten vor: "Jeff, ich habe deine Arbeiten in Italien gesehen! Du bist phantastisch, ein Genie, und ich nur ein Knipser!"
"Hi, Helmut", sagt Koons, und: "That's Helmut."
Helmut Newton verschwindet in den hinteren Atelierräumen.
"Das", Koons zeigt auf den mit Peilpunkten versehenen Hügel aus Gips, "ist Play-Doh. In Deutschland heißt das Plastilin, oder? Ich lasse es in Polyäthylen gießen. Ein fröhliches Material. Plastik ist der Stoff, mit dem sich Kinder zum erstenmal als Erwachsene träumen."
Play-Doh geht auf einen Einfall Ludwig Maximilians zurück: "Mein Sohn war so stolz auf seinen Knete-Berg. Ich wollte diese Verzückung einfangen und habe das Modell aus 25 verschiedenen Teilen zusammengesetzt." Mit Lasertechnik wurde der Haufen bunter Knete vermessen und auf drei mal drei Meter Basisgröße gezoomt. Damit der Betrachter staune wie ein kleiner Koons.
Hier und da liegen die Urbilder von Celebration herum. In einem Regal steht noch ein fröhlich ausschreitender Schneemann. Jeff Koons hat ihn bei einem Chinesen in der Canal Street gekauft. Bald wird er auch der Welt bekannt sein, denn auf dem Tafelbild nebenan ist schon abgebildet, wie der Schneemann durch ein Popcorngestöber läuft, beobachtet von einem Schaukel-Dinosaurier, einem Pferdekopf und einer M&M-Schokolinse. "Shelter" heißt das Bild: Obdach.
Koons hat das Stilleben aus 50-Cent-Spielzeugfiguren zusammengesetzt, abfotografiert und von seinen Angestellten auf die Leinwand übertragen lassen. "An diesem Bild arbeiten wir seit anderthalb Jahren", sagt Koons mit seiner "Hier spricht Ihr Käpt'n"-Stimme. Das Bild sieht eigentlich aus wie die Weihnachtsdekoration eines Spielzeuggeschäfts. "Es ist jetzt zu 96 Prozent fertig", präzisiert der Künstler, und man könnte meinen, einem Wahnsinnigen zuzuhören, hinge da nicht diese kinderzimmergroße Leinwand.
Sie ist in Tausende, puzzleartig verschränkte Flächen unterteilt. Jede einzelne ist numeriert und wartet darauf, ausgemalt zu werden. Koons' Technik erinnert an ein Kindermalbuch. Das Motiv wird fotografiert, auf Butterbrotpapier abgepaust und mit Ölfarbe nachgemalt. Dadurch bekommen die glatten Oberflächen der Spielzeuge eine Unregelmäßigkeit. Die wird wiederum in monochrome Flecken geteilt und gigantisch vergrößert. Eine Heidenarbeit. Pro Bild sind zwei Leute nur damit beschäftigt, die entsprechenden Farbtöne zu mischen und in Tuben zu füllen. Ein dritter pinselt die numerierten Felder aus. Es ist ein "Malen nach Zahlen".
"Ich möchte ein objektives Betrachten erreichen, jeder soll im wesentlichen das gleiche sehen. Die Farben liegen ohne Übergänge nebeneinander. Es ist eine reine Erfahrung. Das meine ich mit Moralität."
Jeff Koons ist lange genug Künstler. Im Notfall kann er mit dem Erste-Hilfe-Kasten der Kunstkritik umgehen und Worte für seine Werke finden. Natürlich, sagt er, könne man in dem Spielzeug-Esel-Bild eine "Resonanz von Jasper Johns' Zielscheiben" spüren; natürlich sei Celebration-Popcorn in seiner Üppigkeit der "Venus von Willendorf" verwandt. Natürlich ist Koons zu Sätzen in der Lage wie: "Ich verstehe mich als Schnittstelle zwischen der figurativen Tradition Europas und dem amerikanischen Minimalismus" - aber im Grunde interessiert ihn das nicht.
Koons will sich nur an allem freuen, was schön ist, also groß und bunt. Nach den Jahren in Europa, sagt er, fühle er sich jetzt stärker denn je als Amerikaner. Als Kind eines Landes, wo Männer in kurzen Hosen herumlaufen, wo Popcorn in Eimern, Softdrinks mit Strohhalm verabreicht werden und immer alles in jeder Menge gegessen werden darf. "Ich habe kein Interesse an Bedeutungen oder Konzepten", sagt Koons. Ihm geht es um die Oberfläche. Die muß vollkommen sein. So wie die Haut der Kurtisanen eines Boucher, den Koons zu seinen Lieblingsmalern zählt: makellos und bar aller Untiefen. So wie die Oberfläche der Cicciolina.
Es ist Koons dann auch völlig gleich, welchen Preis die Vollkommenheit verlangt. Ursprünglich sollten die Celebration-Skulpturen in Pennsylvania gegossen werden. Dort, wo Koons Kind war. Aber kaum war der erste Chromluftballon "Moon" nach einem Jahr Vorarbeit fertig, ließ Koons ihn wieder einschmelzen: "Es gab Unregelmäßigkeiten auf der Oberfläche. Ich möchte aber eine vollkommen glatte Form. Also wechselten wir die Werkstätte."
In den USA findet sich dieser Perfektionsgrad von metallurgischer Fingerfertigkeit nur an einem Ort: In den Luft- und Raumfahrtfabriken Südkaliforniens. So sind in Los Angeles seit drei Jahren hochbezahlte Techniker damit beschäftigt, drei Meter große Ballonfiguren zu gießen. Sie gießen, färben und polieren, bearbeiten die Oberfläche mit Sandstrahl, färben wieder und polieren wieder, bis Pudel, Mond und Blume schließlich spiegeln wie der Reflektor des Teleskops einer Sternwarte.
Jeff Koons sagt: "Die Verzögerung des Projekts hat teilweise mit Schwierigkeiten der Finanzierung zu tun, teilweise mit technischen Problemen. Ich weiß nicht, ob jemals so große Skulpturen in dieser technischen Qualität produziert worden sind." Vermutlich nicht. Es sei denn, man rechne den Eiffelturm als Großskulptur.
An jedem der 16 Bilder wird ein Jahr gemalt, viermal so lange wie ursprünglich geplant. Knetberg, Katze, Popcorn und Brot-Ei werden in Polyäthylen gegossen, die anderen Motive in teilweise verchromtem Edelstahl, jedes in bis zu vier verschiedenen Farbtönen. Wenn ein einziger "Balloon-Dog" nach Koons' Angaben "in der Produktion mehr als eine Million Dollar" kostet, kann geschätzt werden, daß für Jeff Koons Kinder-Traum Celebration etwa 15 Millionen Dollar aufgetrieben werden mußten.
Und die sind auch in New York nicht mehr so leicht zu finden. Koons' ehemalige Galerie "Sonnabend" ist heute froh, sich an Celebration nicht beteiligt zu haben: "Die Achtziger sind vorbei. Damals war alles gut, alles war Kunst, alles war Geld. Die Preise explodierten", sagt Antonio Homem, Galerie-Direktor bei Sonnabend. "Nach dem Irak-Krieg war damit Schluß. Das Publikum verfiel in Selbstzweifel und Masochismus. Auch für gute Stücke wollte niemand mehr als ein Fünftel des Preises zahlen. Jeff Koons ist ein Opfer dieser absurden und negativen Situation."
Ileana Sonnabend hatte Koons fünf Millionen Dollar für "Made in Heaven" vorgeschossen: "Das ist viel Geld. Wir sagten Jeff, er solle erst einmal nur zwei Exemplare jedes Objekts produzieren lassen und abwarten, wie der Verkauf läuft. Daraufhin platzte ihm der Kragen: Wir hätten kein Vertrauen zu ihm. Dann ging er zu Deitch."
Jeffrey Deitch ist ein Harvard-Absolvent, der zum Blazer eine David-Hockney-Brille trägt und in den Achtzigern die Art-Investment-Abteilung der City Bank aufgebaut hat. Per Fax verkaufte er nach Japan, wo damals blind angeschafft wurde, was irgendwie nach Kunst aussah, also alles. Deitch wurde reich, sehr reich, und beschloß, die Neunziger mit seinem alten Freund Jeff Koons zu bestreiten. Und dessen ultimativem Projekt Celebration. Jetzt ist Jeffrey Deitch nicht mehr sehr reich.
Obwohl mit Anthony D'Offay (London) und Max Hetzler (Berlin) zwei erstklassige Galerien an dem Projekt beteiligt sind, ist Celebration zu einem finanziellen Alptraum geworden. Das Malen nach Zahlen ging nicht auf. Obwohl für mehrere Arbeiten bereits Kaufoptionen und -verträge abgeschlossen sind, mußte Koons seine eigene Kunstsammlung, einschließlich eines Lichtensteins, verkaufen, um die Gießerei-Rechnungen zu bezahlen. Zur Zwischenfinanzierung hat die "Jeff Koons Inc." Arbeiten direkt aus dem Atelier angeboten, als Factory Outlet unter Umgehung des Galerie-Marktes.
Jeffrey Deitch möchte sich über Geld nicht öffentlich äußern. Tapfer wie ein Summerhill-Lehrer lobt er den Spieltrieb und die Kompromißlosigkeit seines Zöglings: "Jeff ist eben leidenschaftlich Künstler. Er denkt und rechnet nicht, sondern kreiert."
Deitch hatte die Uraufführung von Celebration dem Guggenheim-Museum versprochen. Aber im vergangenen Jahr ließ er die "Eli Broad Family Foundation" in Santa Monica zwei Bilder und einen halb fertigpolierten Ballonhund ausstellen. Um die ersten Produkte museal zu adeln und marktfähiger zu machen (chromglänzende Ballonhasen hat Koons schon seit zwölf Jahren im Programm). Guggenheim sagte daraufhin seine Ausstellung endgültig ab: "Aus finanziellen Gründen hat Jeff Sachen auf den Markt gegeben. Überall tauchten plötzlich Objekte auf. Damit war für uns die Premiere gestorben", sagt Lisa Dennison vom Guggenheim. Sie plant jetzt zusammen mit dem Pariser Centre Pompidou eine große Koons-Retrospektive für das Jahr 2000.
Ein Galerist kennt Koons noch aus der Zeit in München, als der jeden Morgen durch den Englischen Garten joggte, um für die Nacktaufnahmen mit Cicciolina in Form zu kommen. Er sagt: "Koons und Deitch haben sich mit Celebration völlig übernommen. Die Produktionskosten liegen inzwischen schon über den eingeplanten und auch schriftlich vereinbarten Verkaufspreisen. Es ist unglaublich, was Koons an Verlusten einfährt. Ich vermute, daß Deitch sich deswegen an Sotheby's gewandt hat."
Im Herbst letzten Jahres übernahm das Auktionshaus zur allgemeinen Überraschung die Hälfte von Deitchs Firma "Art Advisory Services". Damit hat Sotheby's Zugriff auf atelierfrische Ware, und Deitch kann über ein Netzwerk von Schauräumen und Investoren verfügen.
Das könnte die Chance sein, den Verlust des ganzen Unternehmens im Rahmen zu halten. An diesem Nachmittag steht bereits der Atelierbesuch einiger Herren von Daimler-Benz an. Sie werden kommen und das Modell der Ballonblume begutachten. Und noch ein wenig später werden sie die noch gar nicht produzierte Skulptur für einen Dumpingpreis erworben haben. Auf dem Potsdamer Platz wird sie aufgestellt werden. Inmitten der neuen Hauptstadt eine blaue, aufgeblasene und chromglänzende Blume von Jeff Koons, eine Luftballonblume und sonst nichts.
Doch nicht deswegen ist Koons am nächsten Morgen guter Dinge. Ein römisches Gericht hat ihm das Sorgerecht für Ludwig Maximilian zuerkannt. Im August könnte das Kind, falls die Mutter mit ihrem Einspruch scheitert, nach New York ziehen und sehen, was sein Vater für große bunte Dinge gebaut hat.
Oder geht es bei Celebration um ein ganz anderes Kind? Denkt man sich diese angenehme Stimme einmal weg, verschwindet auch die Abgeklärtheit des Jeff Koons. Dann steht da jemand, rauchend und mit feuchten Händen zwischen halbfertigem Riesenspielzeug. Jemand, der seine Leute zu penibelstem Arbeiten anhält, der eine sonderbare Scheu hat, sich schmutzig zu machen, und eine große Angst davor, die Zuneigung seiner Mitmenschen zu verlieren. Jemand, der zutiefst davon überzeugt ist, daß die Schlechtigkeit der Welt nur auf einem Mißverständnis beruht, und störrisch mit dem Fuß aufstampft, wenn eine Oberfläche Risse zeigt. Das darf nicht sein, koste es, was es wolle.
"Ich möchte ein objektives Betrachten erreichen, jeder soll im wesentlichen das gleiche sehen."
"Plastik ist der Stoff, mit dem sich Kinder zum erstenmal als Erwachsene träumen."
Mitten in Berlin eine blaue, aufgeblasene und chromglänzende Luftballonblume.
Von Alexander Smoltczyk

KulturSPIEGEL 4/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 4/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock