28.02.2011

Rosa von Praunheim plant seinen Monat

Unüberraschenderweise gehe ich oft ins Kino. Wer wenn nicht wir von Andres Veiel habe ich auf der Berlinale gesehen, aber den schaue ich mir gern noch ein zweites Mal an, denn für mich ist das einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre. Veiel ist sowieso einer der besten Dokumentarfilmer, und dass sein erster Spielfilm so gut geworden ist, finde ich großartig. Genau my Cup of Tea ist auch Almanya (s. Seite 22) - dieses Verbinden von Politischem mit Humor. Diese schrecklichen Dramen über Frauen muslimischer Herkunft wirken doch oft nur wie Pflichtübungen. Dabei bringt lockerer Humor viel mehr Verständnis.
Ich lese meist zehn Bücher gleichzeitig und im Moment besonders gern das Buch von Walter Kohl über seinen Vater. Sehr mutig, wie er seine Situation schildert, ohne seinen Vater zu verraten. Der war für mich immer eine Hassfigur, aber so sieht man mal die menschliche Seite. Vielleicht probiere ich auch Nemesis von Philip Roth aus. Von dem halte ich zwar nicht viel, aber ich versuche immer wieder, ihn zu lesen.
So ähnlich ist es mit dem Theater. Ich gehe immer wieder hin und bin jedes Mal wahnsinnig enttäuscht. Dieses Regietheater von Castorf bis Pollesch finde ich nur noch schlimm, das war mal revolutionär und ist irgendwann museal geworden. Wenn schon Theater, dann so etwas wie Die Zwiefachen, das Jugendprojekt an der Berliner Schaubühne, das ist wenigstens authentisch.
Ich habe es immer noch nicht in die Robert-Mapplethorpe-Retrospektive im C/O Berlin geschafft - einer der größten Fotografen überhaupt. Aber noch mehr liebe ich Nan Goldin. Ihre Ausstellung Berlin Work in der Berlinischen Galerie kann man sich nicht oft genug ansehen. Goldin berührt mich sehr, weil sie die Wirklichkeit abbildet auf eine schamlose Weise. Schwule, Lesben, Junkies, auch in hässlichen Situationen. Überhaupt möchte ich allen die Berlinische Galerie ans Herz legen, die wird von den Touristen immer übersehen. Da gibt es eine tolle ständige Sammlung, zum Beispiel mit meinem Lieblingsmaler Ludwig Meidner. Ich hatte als Teenager das Glück, ihn kurz vor seinem Tod kennenzulernen.
Musik finde ich generell furchtbar. Es gibt aber Ausnahmen: thailändische Militärmusik zum Beispiel. Oder die Musik von Sandra Weigel, über die ich gerade ein Porträt drehe. Das ist die Nichte von Helene Weigel, und sie macht wunderbare rumänische Volksmusik.
AUFGEZEICHNET VON DANIEL SANDER
Praunheim, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Dokumentarfilmer. Sein neuer Film "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" läuft seit Ende Februar in verschiedenen deutschen Städten.

KulturSPIEGEL 3/2011
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KulturSPIEGEL 3/2011
Titelbild
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