28.03.2011

Neue Bücher

Abbas Khider: "Die Orangen des Präsidenten".
Edition Nautilus; 160 Seiten; 16 Euro.
Die größte Stärke dieses Buches ist, wie nah es der totalen Schwäche kommt: Ahmed stirbt an einer halbstündigen Dusche, Dhalal quält Wanzen in Plastikbeuteln, Männer schreien, kreischen, stöhnen, heulen, träumen vor Hunger, dass ihr Haar aus Spaghetti ist, verraten Freunde, sitzen Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr in einer Gefängniszelle für politische Gefangene. Und als sie am Geburtstag Saddam Husseins auf Amnestie hoffen, tragen die Wärter stattdessen nur Kartons voller Blutorangen herein. Abbas Khider selbst saß zwei Jahre in einem irakischen Gefängnis. Nun schickt er seinen Romanhelden Mahdi am Tag der letzten Abiturprüfung hinter die Sonne, wie dieser Ort in der irakischen Umgangssprache heißt, wo die Männer schwach, die Anklagen beliebig und die Orangen nur ein Symbol der Grausamkeit sind.
Yoko Ogawa: "Das Ende des Bengalischen Tigers". Aus dem Japan. von Sabine Mangold. Liebeskind; 224 Seiten; 18,90 Euro.
Da ist die Frau, die zu einem Sattler kommt, um eine Tasche für ihr nach außen gestülptes Herz anfertigen zu lassen. Oder die Mutter, die in der Bäckerei steht, um Erdbeertörtchen zum Geburtstag ihres längst verstorbenen Sohnes zu kaufen. Oder das Faktotum des Foltermuseums, das einsam Wache hält und garantiert, dass sämtliche Exponate auch tatsächlich im Einsatz waren. Elf Geschichten erzählt die Japanerin Ogawa; elf Texte, die von stiller Verzweiflung und überraschenden Gewaltausbrüchen erzählen. Jede einzelne der Episoden ist mit den anderen verbunden; auf diese Weise entsteht ein dichtes Netz von Schicksalsmomenten. Wo auch immer man sich bei Ogawa befindet - ob in den Weiten des (Alp)traums oder auf dem Boden der Realität: In Sicherheit darf man sich niemals wähnen.
Markus Kavka: "Rottenegg".
Rowohlt; 272 Seiten; 13,95 Euro.
Der Autor dieses Debütromans ist als Musikfernsehmoderator bekannt geworden und ein zotteliger Kindskopf, dem das Wunder gelingt, mit Mitte vierzig als Deutschlands nettester Berufsjugendlicher durchzugehen. In einer Sprache, die keinen Elfjährigen überfordert, berichtet Markus Kavka vom alternden Musikfernsehmoderator Gregor. Der wird von seinem Sender gefeuert und von seiner Freundin übel betrogen, weshalb er in der bayerischen Pampa bei Muttern und alten Kumpanen Zuflucht sucht, dort, wo die Mädchen blond und kernig sind. Was diesem Buch an Geist und Witz fehlt, ist leider nicht durch das große Herz des Autors, flache Scherze und einen Rekordumsatz schädlicher Getränke wettzumachen. Immerhin erinnert es an Rocko Schamonis Provinzstumpfsinnsromane. Und die verkaufen sich ganz gut.
Klas Östergren: "Porträt eines Dandys". Aus dem Schwedischen v. Regine Elsässer. Kein & Aber; 544 Seiten; 22,90 Euro.
Wenn Autoren über Autoren schreiben, kommt dabei oft eine hoffnungslose Verästelung der Gedanken heraus. Wenn der Autor Klas Östergren zu seiner eigenen Romanfigur wird, ergibt das obendrein ein tiefenpsychologisches Gutachten. Klas ist Claes. Und seinen Gedankensprüngen ist der Leser ausgeliefert. Claes schwärmt für die Kunst - auf eine in sich gekehrte Weise. Als ihm im Kinofoyer ein Finger auf die Schulter tippt, blickt er Madeleine in die Augen und fällt 25 Jahre zurück: zurück in dubiose Kunstgeschäfte, taube Verehrung und Enttäuschung. In eine Zeit, in der "Dandy" ein Schimpfwort war. Und in eine Zeit voller Labilität und Selbsterprobung. Dieser Roman ist ein Brainstorming wunderlicher Kreativität. Ein einziger Schachtelsatz, der sich nicht bloß um die Kunst dreht, sondern selbst Kunst ist.
Von Maren Keller Christoph Schröder Wolfgang Höbel Laura Hamdorf

KulturSPIEGEL 4/2011
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KulturSPIEGEL 4/2011
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