28.03.2011

Neue Filme im April

AB 31.3.
Unter dir die Stadt. Regie: Christoph Hochhäusler. Mit Robert Hunger-Bühler, Nicolette Krebitz, Corinna Kirchhoff.
Die Frankfurter Chef-Etagen sind in diesem Film die Welt der totalen Abstraktion, wo Geld nur als Zahl und Liebe nur als Wort existiert. Bis sich der "Banker des Jahres" in die Frau eines seiner Angestellten verliebt und sich in den kühlen Gesichtern und Fassaden plötzlich eine exotisch wirkende Sehnsucht spiegelt. Und sich eine umso anrührendere Wärme in die kalte Ästhetik dieses Films schleicht.
Winter's Bone. Regie: Debra Granik. Mit Jennifer Lawrence, John Hawkes.
Kompetente, sehr vorlagentreue Verfilmung des Romans von Daniel Woodrell über eine vom Leben gestählte 17-Jährige, die im ländlichen Missouri ihren Vater finden muss, um Haus und Familie zu retten. Doch der ist auf der Flucht vor dem Gesetz oder seinen Dealer-Kollegen, vielleicht ist er auch längst tot. Ein packender kleiner Film über eine Welt, in der Moral nur über Verwandtschaftsgrade definiert wird.
AB 7.4.
The Fighter. Regie: David O. Russell. Mit Mark Wahlberg, Christian Bale, Melissa Leo.
Die wahre Geschichte des irisch-amerikanischen Boxers Micky Ward und wie er sich aus den Fängen seines cracksüchtigen Bruders und der prolligen Mutter zu befreien versucht, ohne die Familie zu zerstören. Die insgesamt sieben Oscar-Nominierungen für dieses solide erbauliche Sportlerdrama waren übertrieben, die zwei Siege für Christian Bale und Melissa Leo für die besten Nebenrollen aber nicht.
Un Homme qui crie. Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Youssouf Djaoro, Dioucounda Koma, Hadje Fatime N'Goua.
In seiner Jugend war Adam ein gefeierter Schwimm-Champion, jetzt ist er der respektierte Bademeister eines Luxushotels im zentralafrikanischen Tschad. Bis er seine Stellung an Sohn Abdel verliert, sich von ihm verraten fühlt und sein einziges Kind dem herrschenden Bürgerkrieg ausliefert, um an den Pool zurückzukehren. Das leise, in ruhigen Bildern erzählte Vater-Sohn-Drama um Umbruch, Existenzangst und Schuld erhielt in Cannes den Preis der Jury.
Im Himmel, unter der Erde. Regie: Britta Wauer.
Friedhöfe sind tot. Der Jüdische Friedhof Weißensee bei Berlin jedoch atmet. Unberührt von den Weltkriegen verknüpft er persönliche Schicksale mit Berlins Geschichte - und versteckt alles zwischen erhabenen Bäumen und überwuchertem Marmor. Ein Dokumentarfilm voller einfühlsamer Gespräche, verblüffenden Rückblenden und unbeschwerter Musik. Aus einem toten Ort wird ein Garten. Zum Trauern, Erinnern und Glücklichsein.
The Mechanic.
Regie: Simon West. Mit Jason Statham, Ben Foster, Donald Sutherland.
Jason Statham, schweigsamer Ästhet mit Faible für schöneres Wohnen im Bayou und Schubert vom High-End-Plattenteller, gibt den geschliffenen Profikiller ohne Gewissensblässe. Die stört erst, als sein Mentor Donald Sutherland zu beseitigen ist, als dessen ungeratener Sohn auf Rache sinnt und Killer-Azubi bei ihm wird. Effizient gemachte, rüde Action-Adaption von Charles Bronsons "Kalter Hauch" von 1972.
Ohne Limit. Regie: Neil Burger. Mit Bradley Cooper, Abbie Cornish, Robert De Niro.
Versager-Schriftsteller Eddie wird dank neuer Wunderdroge zum Erfolgstypen und genießt die Welt der überstylten Upper Class New Yorks. Leider gibt es Nebenwirkungen, denn die Pillen bedrohen sein Leben wie auch noch ein paar brutale Gangster. Der amerikanische Traum als sonnendurchfluteter Drogentrip - spannend und klischeebeladen.
Trollhunter. Regie: André vredal. Mit Otto Jespersen, Hans Morten Hansen.
Im Stil des Blair-Witch-Projects begleiten Studenten einen Trolljäger in Norwegen - und geraten bald in Gefahr und in die Nähe der entzückend hässlichen und haarigen Ungeheuer. Dabei müssten die satt und zufrieden sein, haben sie doch alle Phantasie der Filmemacher verschlungen, so dass nicht mehr viel übrigblieb für Handlung oder Form.
AB 14.4.
Beastly. Regie: Daniel Barnz. Mit Vanessa Hudgens, Alex Pettyfer, Mary-Kate Olsen.
Ein umschwärmter und hochmütiger High-School-Lackaffe wird von einer Hexe verunstaltet, nur die wahre Liebe einer niedlichen Mitschülerin kann ihn erlösen. Die Moral dieser schwerfälligen und geistlosen "Schöne und das Biest"-Variation für leicht beeinflussbare kleine Mädchen: Äußerlichkeiten sind nicht so wichtig, solange das attraktive Girl am Ende den attraktiven Boy abkriegt.
Der Dieb des Lichts. Regie: Aktan Arym Kubat. Mit Aktan Arym Kubat, Taalaikan Abazova.
Kirgistans Star-Regisseur Aktan Abdikalikow ("Beschkempir") nennt sich mittlerweile Aktan Arym Kubat, aber er macht immer noch verschrobene, lyrisch dahinfließende Kinowunder. Diesmal geht es um einen netten Dorfelektriker, der es zum Wohle der darbenden Gemeinde mit Konzernen und Politikern aufnimmt, um endlich wieder vernünftige Strompreise durchzusetzen.
Der Name der Leute. Siehe Seite 27.
Glücksformeln. Regie: Larissa Trüby.
Luis tobt mit seinen Freunden durch den Wald. "Ich bin glücklich", sagt der Elfjährige, "aber ich glaub, das ist ziemlich kompliziert, wenn man erwachsen ist." Glück hat viele Gesichter, oft begraben unter Beruf, Egoismus und Angst, das will diese behutsame Doku sagen - und stellt sogar ein wissenschaftlich fundiertes Rezept für das tägliche Glück aus.
Paul - Ein Alien auf der Flucht. Regie: Greg Mottola. Mit Simon Pegg, Nick Frost.
Zwei britische Comic-Freaks, per Wohnmobil unterwegs im Ufo-Land USA, retten Alien Paul, einen vorlauten Vetter von E. T. und Alf: Paul steckte 60 Jahre lang als Forschungsobjekt in einer Militärbasis fest, ist endlich abgehauen und hat mindestens das FBI am intergalaktischen Hals. Fachironisch feiner Abenteuer-Schwank mit viel Freundschaft, Insider-Witz und ein bisschen Liebe.
AB 21.4.
An einem Samstag. Regie: Aleksandr Mindadze. Anton Shagin. Swetlana Smirnowa-Martsinkiewitsch.
Als Andenken zum 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl war dieser Film gedacht, nun ist er bitteres Manifest der Gegenwart: Unmittelbar nach dem Super-GAU im drei Kilometer entfernten Kernkraftwerk erleben die ahnungslosen Bewohner in Pripyat einen ganz normalen Samstag - nur Ausbilder und Parteifunktionär Valerij weiß als einer der wenigen Bescheid und versucht die Flucht. Doch der ganz profane Alltag hält ihn immer wieder auf, im Schuhgeschäft, auf einer Hochzeit. Realistisch, gruselig. Die manchmal sehr merkwürdigen Entscheidungen der Protagonisten und vor allem die unentwegt wackelnde Handkamera können einen wahnsinnig machen.
Das Hausmädchen. Regie: Im Sang-soo. Mit Jeon Do-youn, Lee Jung-jae.
Eine mittellose Frau, als Kindermädchen in einer mondänen Villa engagiert, wird vom selbstgefälligen Hausherrn geschwängert und von dessen Gattin und Schwiegermutter drangsaliert. Regisseur Im inszeniert seine Neuinterpretation des gleichnamigen koreanischen Filmklassikers, eines überhitzten Psycho-Melodrams von 1960, zwar auch wie ein Schauerstück, doch überaus elegant, kühl und mit schleichender Spannung.
Der Himmel hat vier Ecken. Regie: Klaus Wirbitzky. Mit Moritz Jahn, Lukas Mrowietz, Udo Kier.
Ein gutgemeintes, aber mit Problemthemen überladenes Teenie-Lehrstück über Freundschaft, Liebe und Ehre, das auch besorgten Bildungsbürgereltern gefallen will: Ein 13-jähriger Hamburger Kirchenchorsänger zieht nach Trennung der Eltern mit seinem Vater in einen sozialen Brennpunkt, wo er sich mit einem Rabauken zusammenrauft und mit dessen Liebster, einer Ballerina, anbandelt.
Le Mac - Doppelt knallt's besser. Regie Pascal Bourdiaux. Mit José Garcia, Gilbert Melki, Carmen Maura.
Trotteliger Büroschlappschwanz muss plötzlich als Polizeiinformant für seinen Zwillingsbruder einspringen, von dem er nach der Geburt getrennt worden war. Doch der ist ein Zuhälter und Prahlhans. Diese beknackte Idee wird logikfrei umgesetzt, dazu poltert der Slapstick-Humor prollig, halbstark und frauenerniedrigend. In Frankreich lockte das 1,5 Millionen Kinozuschauer, und Kritiker urteilten: "turbulent", "rasant", "urkomisch" und "stilvoll".
Sanctum 3D. Regie: Alistair Grierson. Mit Richard Roxburgh, Rhys Wakefield, Alice Parkinson.
Die Geschichte über eine Handvoll Forscher, Taucher und Abenteurer, die in einer Höhle eingeschlossen werden und bei dem Fluchtversuch durch einen unterirdischen Fluss ins Meer nacheinander sterben, ist leider wesentlich langatmiger als die Protagonisten.
Alles, was wir geben mussten.
Regie: Mark Romanek. Mit Domhnall Gleeson, Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrea Riseborough.
Mit Kazuo Ishiguros brillantem Roman über das kurze, vorbestimmte Leben dreier Schüler eines rätselhaften Internats könnte wohl keine Verfilmung ganz mithalten. Diese schafft es mit melancholischen Bildern und hervorragenden Darstellern erstaunlich weit. Eine traurig schöne Schreckensvision.

KulturSPIEGEL 4/2011
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KulturSPIEGEL 4/2011
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