28.09.1998

Neue CDs

POP
REMINISZENT: Elvis Costello und Burt Bacharach verbindet, daß sie vor langer Zeit einmal sehr schöne Lieder geschrieben haben. Nachdem Bacharach durch das Easy-listening-Revival aus dem Vorruhestand zurückgelockt wurde, überredete ihn Costello zu dieser ungewöhnlichen Kollaboration. "Painted From Memory" ist eine Kollektion wohlklingender Altmänner-Balladen über "dunkle Orte", "leere Häuser" und Erinnerungen an bessere Tage.
Elvis Costello: "Painted From Memory" (Mercury). Erscheint am 28.9. %
MYSTERIÖS: Im Frühjahr 1995 verschwand Richey Edwards, Songwriter und Star der damals eher belanglosen Schrammelkapelle Manic Street Preachers auf Nimmerwiedersehen. Aber die Tragödie hat der Band zu großartigen Songs und eindrucksvoller Karriere verholfen. Auf ihrem Album "This Is My Truth, Tell Me Yours" spielen sie hymnische Kompositionen mit Sitars, Orgeln und kritischen Texten. Pathos in X-Large, aber gelungen.
Manic Street Preachers: "This Is My Truth, Tell Me Yours" (Epic/Sony) %
AUSGEBREMST: Die Wiener Peter Kruder und Richard Dorfmeister, Meister der verschleppten Beats und der verlorenen Zeit, sind als erstklassige Re-Mixer, DJs und Super-Schluffis bekannt. So ist statt des lang erwarteten Debüts nun eine Sammlung ihrer Remixe erschienen, auf denen sie Hits von Depeche Mode, Roni Size und Rockers Hifi mit trägen Beats elegant ausbremsen.
Kruder & Dorfmeister: "The K&D Sessions" (Studio K7/G-Stone/RTD). Erscheint am 12.10. %
DEFINITIV: Lange vor Britpop galt Schottland mal als Quelle begabter Nachwuchsmusiker. Einer von ihnen war der Teenager Roddy Frame, der mit seiner Band Aztec Camera aufgekratzten Soul spielte. Inzwischen hat Frame die 30 überschritten, und entsprechend ist sein Comeback-Album "The North Star" ausgefallen: sanft beschwingte Popsongs über das Erwachsenwerden. Dazu warnt der Künstler: Diese Platte ist definitiv kein Trend!
Roddy Frame: "The North Star" (Epic/Sony) % Christoph Dallach
JAZZ
ZEITLOS: Die Songs, die der traditionsbewußte Saxophonist Joshua Redman für sein Album ausgesucht hat, sind in der Tat zeitlos und schön. Alte Standards von Jerome Kern und Cole Porter sind dabei, aber auch Stücke von John Lennon und Bob Dylan. Nostalgisch und verträumt, sagt Redman, sollen die Songs nicht klingen: Er möchte beweisen, daß gute Musik immer gute Musik bleibt.
Joshua Redman: "Timeless Tales" (WEA) %
AUSGELASSEN: Der Schwede mit der roten Posaune ist längst als einer der temperamentvollsten europäischen Jazzer bekannt. Nils Landgren, der sich mit seiner CD "Paint It Blue" als Adderley-Fan geoutet hatte, war in Montreux offensichtlich in seiner ausgelassenen Spielfreude nicht zu bremsen: Im Juli dieses Jahres riß er mit seiner Funk Unit das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, wie sie auch Cannonball mit Stücken wie "Mercy, Mercy, Mercy" oder "Walk Tall" erlebt hatte.
Nils Landgren: "live" in Montreux (ACT/Edel Contraire) %
SELBSTBEWUSST: Der Mann an der Gitarre fiel aufmerksamen Zuhörern schon in Diana Kralls Trio auf. Jetzt zeigt Russell Malone, daß er auch als Chef einer eigenen Gruppe bestehen kann, in bester Harmonie mit den Altvordern Kenny Barron (Piano) und Ron Carter (Baß) sowie dem Drummer Lewis Nash. Was immer Malone spielt, ob Up-Tempo oder gefühlvolle Ballade, er swingt mit überzeugender Gelassenheit. "Die Welt braucht keinen zweiten Wes Montgomery", sagt er selbstbewußt, "sie sollte hören, was Russell Malone zu sagen hat."
Russell Malone: "Sweet Georgia Peach" (impulse!/Universal) %
ATEMRAUBEND: Piano-Trios mit talentierten Musikern gibt es derzeit reichlich, da ist es nicht leicht, in der Fülle neuer CDs aufzufallen. Der junge Franzose Franck Avitabile hat es geschafft, gefördert von dem großen kleinen Michel Petrucciani. Seine Technik ist atemraubend, seine Improvisationen über Bud Powells Musik machen dem Meister alle Ehre.
Franck Avitabile: "In Tradition" (Dreyfus/Edel Contraire) % Peter Bölke
KLASSIK
ROMANTISCH: Erst war Nikolaus Harnoncourt Orchestermusiker, dann spezialisierte er sich auf die Alte Musik und war ein Wegbereiter der historischen Aufführungspraxis. In den letzten Jahren ist er als Dirigent immer mehr ins romantische Repertoire (wie Schumann und Weber) vorgedrungen. Jetzt ist er bei Antonin Dvorák gelandet. Die Aufnahmen der 7. Sinfonie und der symphonischen Dichtung "Die Waldtaube" bestechen wegen der typischen Harnoncourt-Handschrift: transparenter Klang, differenzierte Artikulation, klare Phrasierung und federnde Rhythmik. Das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam spielt pointiert und klangschön.
Nikolaus Harnoncourt: "Dvorák" (Teldec 3984-21278) %
SCHLAGEND: Die Pianistin Martha Argerich beherrscht perfekt, was der Kollege Horowitz gefordert hat: "Das Klavier ist ein Schlaginstrument, das man zum Singen bringen muß." In den Klavierkonzerten von Prokofiev (Nr. 1 und Nr. 3) und Bartók (Nr. 3) gelingt Argerich eine überzeugende Mischung aus forscher Motorik, perlender Geläufigkeit und lyrischem Innehalten. Charles Dutoit und das Orchestre Symphonique de Montréal sind brillante Partner der Pianistin.
Martha Argerich: "Prokofiev & Bartók Piano Concertos" (EMI 5566542) %
THEATRALISCH: Die katholischen Geistlichen waren Sinnenfreuden selten abgeneigt, und so beflügelten die Herren auch mit Musik ihre Phantasie. Die Oratorien etwa waren nach den raffinierten, die Erregung steigernden Regeln der weltlichen Opernkunst komponiert. So war es auch nicht anstößig, daß Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) im Oratorium "Il primo omicidio" die sündige Eva, den bösen Luzifer und den mordenden Kain mit drastischen Musikeffekten vertonte. René Jacobs, die Akademie für Alte Musik Berlin und hervorragende Gesangssolisten interpretieren diese heilige Musik ohne Scheinheiligkeit - mit theatralischem Zugriff und sinnlichem Vergnügen.
Alessandro Scarlatti: "Il primo omicidio" (Harmonia Mundi HMC 901649.50) % Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 10/1998
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