29.08.2011

„Nennen wir es Folk“

Lange galt diese Musik als uncool. Dann kam Laura Marling.
Auf Konzerte geht man nicht unbedingt wegen der Musik. Während sich auf der Bühne die Band abmüht, brabbeln die Menschen vor der Bühne in ihre Handys, schlürfen laut Bier oder schwatzen. Normalerweise. Wer so etwas jedoch bei Laura Marlings Auftritt Ende Juli beim Folk Festival im britischen Cambridge wagte, wurde umgehend ermahnt. Auf jeden unnötigen Laut folgte ein strenges "Pssssssssstt!". Jedes Flüstern wurde mit einem Zischen geahndet. So trat nur Augenblicke nachdem die junge weißblonde Musikerin mit umgehängter Gitarre auf die Bühne gehuscht war, eine andächtige Stille ein. Als ob allen bewusst sei, dass sie da gerade etwas ganz Besonderes erleben. Nur zwischen den Songs wurde es kurz laut, aufgekratzter Beifall war zu hören, danach war es wieder so still wie in der Philharmonie, wenn der Dirigent seinen Taktstock hebt.
"Die Menschen wollen tatsächlich meine Songs hören", sagt Marling nach ihrem Auftritt und guckt höflich amüsiert. "Aber auf der Straße würde mich keiner von denen erkennen." Die Musikerin sitzt in der Abendsonne auf einem Plastikstuhl neben ihrem Tourbus und nippt an einem Weißwein im Wegwerfbecher. In einer Kneipe wäre die 21-Jährige garantiert zuerst nach ihrem Ausweis gefragt worden, bevor man ihr den ausgeschenkt hätte.
Auch im Gespräch gibt sie sich mädchenhaft und behauptet mehrmals, sie sei schüchtern. Dabei wirkt sie in ihrer freundlichen Distanziertheit ziemlich abgeklärt und selbstbewusst. Mit ihrer großen schwarzen Ray-Ban-Sonnenbrille zu weißer Haut und weißem Sommerkleid, schwarzen Turnschuhen und Dauerlächeln sieht sie ungezwungen glamourös aus - wie eine Brontë-Schwester in einem Godard-Film. Ihre Stimme ist überraschend dunkel und kräftig. "Es klingt prätentiös, aber ich staune tatsächlich über jeden Menschen, der sich für meine Art von Musik, nennen wir sie Folk, interessiert", sagt Marling.
Auch andere staunen über das Phänomen, dass Folk plötzlich wieder Musik für junge Menschen ist. Zu Jahresbeginn wurde Marling bei den Brit Awards als beste Solokünstlerin ausgezeichnet. Überraschend setzte sich die stille Außenseiterin, deren Singles noch nie auch nur in die Nähe der Top Ten gelangt waren, dort gegen die hoch gehandelten Chart-Stürmerinnen Rumer, Cheryl Cole und Ellie Goulding durch. "Wow!", entfuhr es dem Achtziger-Jahre-Veteranen Boy George, dem die Aufgabe zufiel, den Umschlag mit dem Namen der Gewinnerin zu öffnen. Mindestens so perplex war die Siegerin selbst, die sich auf der Bühne zur Sicherheit noch mal vorstellte - "Thank you, my name is Laura" -, einige Worte des Dankes murmelte und anmerkte, wie "bizarr" das alles sei, bevor sie schnell wieder verschwand.
Es nützte nichts. Laura Marling steht seitdem im Rampenlicht. Im September erscheint "A Creature I Don't Know", ihr drittes Album. Diesmal könnte es was werden mit den Charts. Ihr Debüt "Alas, I Cannot Swim" verkaufte sich allein aufgrund von Mundpropaganda und jubelnden Kritikern mehr als 100 000-mal. Noch besser lief ihr zweites Album "I Speak Because I Can".
Marling kommt noch immer ohne große PR-Maschinerie aus. Sie ist nicht wild auf Interviews, produziert keine Videoclips, die YouTube in Aufregung versetzen, über große Werbeetats verfügt ihre Plattenfirma schon gar nicht, und mit hippen Hit-Produzenten kann sie auch nicht dienen. Die 21-Jährige beeindruckt ganz altmodisch mit ihrer Musik. Gut, auch sie kreiert ein Image von sich, wenn sie mit ihren eisblauen Augen in die Ferne schaut und dazu Sätze sagt wie: "Ich finde die Idee von Facebook traurig, sie ist so unromantisch." Aber in ihrem Fall scheint das Bild von der weltfremden Außenseiterin mit der realen Person ziemlich identisch zu sein.
Marlings Musik klingt ähnlich aus der Zeit gefallen. Ihre reduzierten, mitunter verschlungenen Folk-Balladen sind unendlich weit entfernt von der Realität großer Radiosender. Raffinierte Songs mit oft düsteren Texten über das ewige Drama der Liebe, von Marling geschrieben, von ihrem Gitarrenspiel getragen und angereichert mit Cellos, Banjos oder Geigen. Songs, die an vergangene Größen des gehobenen Folk-Pop wie Joni Mitchell, Nick Drake oder John Martyn erinnern. Allenfalls Adeles Erfolg ist ähnlich erstaunlich, aber im Gegensatz zu Marling hat sie ein Profiteam hinter sich.
In der Ära von Lady Gaga, Rihanna und Co. verkündet Laura Marling: "Der Wohlklang akustischer Gitarren, Banjos und Fiddeln ist von ewiger Eleganz." Dieses Lob des Analogen und Reduzierten ist eine kleine Revolution im durchdigitalisierten Zeitalter der Popbeat-Gewitter. Eine Sehnsuchtsmode nach alten Werten wie der Drang zu gesünderer Ernährung, zum Gärtnern und überhaupt zu einer nachhaltigeren Existenz. "Ich bin ein analoger Mensch", sagt Marling. "Meine Lieder nehme ich auf Tonbandgeräten auf."
Aber es geht weniger um Haltung als um Talent. Laura Marling hat, und das gelingt nur den Besten, einen eigenen Sound gefunden. Ihre Lieder klingen modern, dabei aber so selbstverständlich und zeitlos, als würden sie seit Generationen weitergereicht. Und das ist es wohl auch, was das Publikum bei ihren Konzerten so tief beeindruckt lauschen lässt.
Marling ist in Eversley aufgewachsen, einem englischen Dorf, in dem die moderne Welt nie wirklich ankam, so dass es keinen Bahnhof, nicht mal eine Bushaltestelle gibt. Entsprechend winzig war die Schule, die Marling "hasste, hasste, hasste". Mit 16 brach sie ab und floh nach London - "Die Stadt meiner Träume!" - zu ihren zwei älteren Schwestern.
Ihr Vater habe sich über ihr großes Interesse an Musik gefreut, sagt Marling. Er hatte in der Abgeschiedenheit der Provinz lange ein kleines, aber renommiertes Aufnahmestudio betrieben. Seiner Tochter brachte er bei, wie Joni Mitchell Gitarre zu spielen: "In der Schule hörten alle Take That, und ich hielt dagegen mit Neil Young und Joni Mitchell." Erste Songs schrieb Marling mit 14, erste Konzerte folgten mit 16. Weil ihr Talent so auffällig war, kam bald ein Independent-Label auf sie zu und bot ihr einen Plattenvertrag an. "Mir flog in meiner Karriere alles zu", sagt sie. Das einzige Problem war anfangs ihr Alter. Es gibt eine vielzitierte Geschichte, dass Marling mal von einem Türsteher in London nicht zu ihrem eigenen Konzert gelassen wurde und dann spontan vor der Tür auftrat. Sie bestätigt: "Das einzige Mal, dass ich etwas Cooles tat."
In London fand Marling andere Folkbegeisterte wie die Band Noah And The Whale, mit der sie bald auftrat. Dazu kamen gleichgesinnte Musiker wie die Jungs von Mumford & Sons oder Johnny Flynn. Marling war erst mit Charlie Fink, dem Sänger von Noah And the Whale, liiert und dann mit Marcus Mumford. Beide Male soll sie die Beziehung beendet und gebrochene Herzen hinterlassen haben. Das blonde Schneewittchen als Eisprinzessin? Marling kommentiert solche Geschichten nicht.
Pubs am Stadtrand boten den jungen Sanften damals die ersten Auftrittsmöglichkeiten, aber sie wurden schnell zu eng. Mit dem großen Publikum kamen Talentjäger und Trend-Journalisten, die eine "West-London Folk Scene" bejubelten. "Das scheint eine Ewigkeit her", sagt Marling. Aus fröhlicher Unbeschwertheit wurden teils steile Karrieren: Auch Noah And The Whale sind längst in den Charts angekommen. Richtig groß raus kamen Mumford & Sons, deren Folkrock-Debüt-Album "Sigh No More" sich beinah zwei Millionen Mal verkaufte und es sogar in den USA bis auf Platz drei der offiziellen Charts brachte. Ein Ufo im Universum von Justin Bieber und Eminem.
Kein Wunder, dass in den Medien mal wieder das "Nu Folk"-Wunder ausgerufen wird und Erfolgsstrategien analysiert werden. Vergeblich. "Wir hatten nie einen Plan: Wer Musik mit Banjos und Ukulelen spielt, kann klaren Kopfes kaum erwarten, davon mal zu leben", sagt Marling. Sie verstehe allerdings nicht, warum alle ihre Freunde mit dem Begriff "Folk" ein Problem haben. "Natürlich sind wir letztlich alle Folk-Musiker", sagt sie und lacht trocken. "Aber ich bin wohl die Einzige, die auch dazu steht. Vielleicht weil ich die Bezeichnung ,Singer-Songwriter' so nichtssagend finde."
Auch auf die große Frage, warum nun ausgerechnet dieses vermeintlich angestaubte Genre so viele Menschen anspricht, hat sie eine Antwort: "Wir sind nicht durchkalkuliert. Wir sind ganz einfach ehrlich. Vielleicht sind wir die letzten Romantiker der Popmusik!" Sehnt sie sich nach der Unschuld der frühen Jahre? "Theoretisch ja, praktisch nein", sagt sie. "Mir macht Erfolg Spaß." Endlich könne sie auf Tourneen im Hotel schlafen. Früher habe sie die Nächte auf den Sofas entfernter Bekannter verbringen müssen. "Und für diese Art von Romantik bin ich längst zu alt."
Laura Marling: "A Creature I Don't Know" (Cooperative Music).
Sie lobt das Analoge im Zeitalter der massiven Popbeat-Gewitter.
Von Christoph Dallach Fotos: Adrian Green
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 9/2011
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