26.10.1998

Neue CDs

POP
UNERHÖRT: Noel Gallagher hat mal behauptet, daß gute Songs ständig um die Erde kreisen und daß es kein Problem sei, sich ab und zu ein paar davon einzufangen. Lange war die Ausbeute des Briten eindrucksvoll, aber seit geraumer Zeit greift der Oasis-Chef ins Leere. Das letzte Album seiner Beatles-Revival-Band war nicht der Rede wert und auch nicht seine Techno-Versuche als Solo-Künstler. Grund genug, die Oasis-B-Seiten-Sammlung "The Masterplan" als Erinnerung an bessere Tage zu veröffentlichen: Rock'n'Roll-Songs, für die jeder Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufgedreht werden sollte, und Melodien, zu denen man ganz schnell jemanden küssen muß - Songs also, wie sie von Oasis lange nicht mehr zu hören waren.
Oasis: "The Masterplan" (Sony Music). Erscheint am 2.11. Tel.
SCHWERMÜTIG: Mit einem gewisperten "Love me, love me, say that you love me" als Soundtrack zum Leinwand-Liebeshit "Romeo und Julia" sind die Cardigans aus Jönköping als niedliche Schweden mit Hang zum Easy Listening weltberühmt geworden. Ihr neues Album "Gran Turismo" beweist, daß sie mehr sind als nur ein One-hit-Wonder, auch wenn diesmal kaum ein Welthit zu erwarten ist. Zu schwermütig sind die Melodien, zu finster die Texte von Sängerin Nina Persson.
Cardigans: "Gran Turismo" (Motor Music) Tel.
DENKWÜRDIG: Die spinnerten Amerikaner Mercury Rev werkeln seit Ewigkeiten an merkwürdiger Popmusik. Mit "Desert Songs" ist ihnen endlich ein denkwürdiges Album geglückt. Auf Instrumenten wie Spinett, Harfen und Flöten spielen sie wohlklingenden Space-Pop im Geiste von David Bowie und Groucho Marx.
Mercury Rev: "Desert Songs" (V2 Records/Rough Trade) Tel.
TEUFLISCH: Durch das Universum amerikanischer Country-Musik schwebt Gillian Welch wie ein Ufo. Auch auf ihrem zweiten Album singt sie mit gewohnter Eleganz und Klasse über die ewigen Geschichten von Whiskey, Teufel und Liebe.
Gillian Welch: "Hell Among The Yarlings" (Universal) Tel.
Christoph Dallach
JAZZ
HANDGEMACHT: Man glaubt es kaum: Auch eine Mandoline kann höllisch swingen. Der inzwischen verstorbene Jerry Garcia, einst Chef der Hippie-Band Grateful Dead und ein faszinierender Gitarrist, hat mit seinem Mandolinen-Kumpel jazzige Standards wie "So What" und "Bag's Groove" eingespielt. Hundert Prozent handgemachte Musik, eigenwillig und schön.
Jerry Garcia/David Grisman: "So What" (acoustic disc/Koch) Tel.
ENTSPANNT: Beneidenswert, wer solche Freunde hat: Dee Dee Bridgewater, Diana Krall, Kevin Mahogany. Ray Brown hat sie eingeladen, ein paar Arrangements geschrieben und die Freunde mit seinem Trio singen lassen. Man hört es: Da hat ein Profi das richtige Gespür gehabt und für entspanntes Vergnügen gesorgt.
Ray Brown: "Some Of My Best Friends ... Are Singers" (Telarc/in-akustik) Tel.
MEISTERHAFT: Sind Monk und Vivaldi kompatibel? Aber ja, sagen vier amerikanische Streichvirtuosen und geigen drauflos, daß mancher vor Schreck vom Stuhl rutscht. Es ist Musik zwischen den Lagern, ein bißchen klassisch, sehr jazzig und leicht verrückt. Da die "Turtles" aber ihre Instrumente meisterhaft zu handhaben verstehen und offensichtlich über Drive mit Humor verfügen, sollten "open minded cats" mindestens einmal reinhören.
Turtle Island String Quartet: "The Hamburg Concert" (CCn'C Records/inakustik) Tel.
TAUFRISCH: Miles ist unvergessen, und seine Musik wirkt auch sieben Jahre nach seinem Tod taufrisch. "Bitches Brew", sein gewaltiges Fusion-Opus, aufgenommen 1969/70, kommt Ende November in neuer Verpackung als Vier-CD-Set, mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen der Sessions. Wer wissen möchte, wie die Musik des Meisters die Jüngeren beflügelt, sollte sich anhören, wie Wallace Roney oder Randy Brecker "Endless Miles" interpretieren, live im "Birdland", Mai 1998.
Miles Davis: "The Complete Bitches Brew Sessions" (Columbia/Sony) Tel.
Diverse: "Endless Miles/A Tribute To Miles Davis" (edel Records) Tel.
Peter Bölke
KLASSIK
ENORM: Die Klaviermusik ist ein riesiger Schatz, den Musikfreunde immer wieder gern heben. Der Harenberg Klaviermusikführer hilft bei der Schatzsuche. 600 Werke der letzten 400 Jahre von 180 Komponisten sind kenntnisreich und verständlich beschrieben. Das Spektrum reicht von Bach bis Beethoven und Liszt, von Johann Jakob Froberger bis Scott Joplin und György Ligeti. Und wer auch noch eine Box mit zwölf CDs kauft, bekommt zusätzlich eine geballte Ladung Klaviermusik mit Spitzenkräften wie Horowitz, Richter, Pollini oder Benedetti-Michelangeli.
Harenberg Klaviermusikführer mit 12-CD-Box (Polygram) Tel.
REKONSTRUIERT: In den Musikarchiven der ehemaligen Sowjetunion gibt es viele Überraschungen. Der Pianist Andrej Hoteev hat in Sachen Tschaikowsky recherchiert und die Quellen für die vier Klavierkonzerte (Nr. 1 bis 3, "Fantaisie de Concert" op. 56) studiert. Jetzt sind die "ungekürzten Urfassungen" mit dem Solisten Hoteev, dem Tschaikowsky Symphony Orchestra Moscow und dem Dirigenten Vladimir Fedoseyev erschienen: 3 CDs, die bei den Tschaikowsky-Fans gewiß für viel Gesprächsstoff sorgen. Als Zugabe gibt's einen kurzen Originalton von 1890: die Stimme Tschaikowskys.
Tschaikowsky: Die vier Klavierkonzerte (Koch 3-6490-2) Tel.
EXZENTRISCH: Vor dem Konzert wendet sich Leonard Bernstein in der Carnegie Hall an die Zuhörer und "warnt" vor Glenn Gould. Der Pianist werde das d-moll-Konzert von Brahms gleich sehr unorthodox interpretieren, und er als Dirigent sei damit nicht einverstanden. Und tatsächlich: Der exzentrische Gould spielt den schwelgerischen Brahms in extrem langsamem Tempo und wie ein barockes Concerto. Dieses legendäre Konzert von 1962 ist jetzt als Mitschnitt erschienen, die Bernstein-Rede inklusive: "Who is the boss? The soloist or the conductor?" Und was sagt Gould: Er sei in einer barocken Stimmung gewesen. Very strange.
Gould, Bernstein: Brahms, Piano Concerto No.1 (Sony ASK 60675) Tel.
Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 11/1998
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KulturSPIEGEL 11/1998
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