24.02.1997

Fußnoten aus dem falschen Leben

Mit ihrem Debütroman „Familienalbum“ hat die britische Autorin Kate Atkinson den Whitbread-Preis gewonnen. Das Buch ist ein unterhaltsames literarisches Trickstück. VON ANNETTE MEYHÖFER
Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit, soll Karl Kraus einmal gesagt haben. Die Familie sei eine "schädliche und tyrannische Institution", urteilte die britische Autorin Kate Atkinson, nachdem sie gerade mit einem der wichtigsten englischen Literaturpreise, dem Whitbread-Preis, ausgezeichnet worden war - für einen Familienroman.
Die Bande ihrer Kritiker jedenfalls brachte sie mit diesen Bemerkungen nur noch mehr auf. Auch einige der Juroren schäumten, die es ohnehin für einen Skandal, eine Verschwörung der Frauen oder allenfalls eine "politisch korrekte Entscheidung" ansahen, daß die Debütantin immerhin Salman Rushdie (mit "Des Mohren letzter Seufzer") und dem ehemaligen Labour-Politiker und Mitgründer der Sozialdemokratischen Partei, Roy Jenkins (mit einer Gladstone-Biographie) vorgezogen worden war. Und weil Kate Atkinson zu keinem literarischen Zirkel je gehörte und eine Unbekannte war, die einmal einen Frauenliteraturwettbewerb gewonnen hatte und auch einen Preis für eine Kurzgeschichte, zitierten auch die ihr Wohlgesinnten landauf, landab die Geschichte: vom "ehemaligen Zimmermädchen" aus der Provinz, aus Edinburgh, das eines Nachts davon geträumt hatte, durch das Castle Museum in York zu wandern, "und plötzlich wurden die Dinge lebendig". Und sie wachte auf und wußte, das ist die Geschichte - "hinter den Kulissen des Museums".
"Behind the Scenes at the Museum" ist, wenngleich der Originaltitel mehr verspricht als die domestizierte deutsche Variante "Familienalbum" (und das Buch dies Versprechen auch hält), zunächst eine nahezu klassische Familiengeschichte: von einer schwierigen Kindheit in den fünfziger Jahren und einer noch schwierigeren Jugend zwischen Elvis- und Beatles-Postern. Und in "Fußnoten", kapitellang und im steten Wechsel zur Hauptgeschichte, wird erzählt, wie es dazu kam, daß es so kommen mußte für Ruby, Bunty, George und all die anderen: die Geschichte hinter den Dingen, von einer Arbeiterfamilie in York, über vier Generationen, von den Frauen zumal, die stets die falschen Männer heiraten, immer nur die "zweite Wahl"; und so versäumen sie ihr Leben oder sind gefangen im falschen, bis eine ausbricht aus den Familienbanden. Und dann geht das meistens auch nicht gut.
Nur beginnt diese ganze Geschichte in jenem Augenblick, da die Heldin und Ich-Erzählerin, Ruby Lennox, gezeugt wird. Ein wenig glamouröses Ereignis, gen Mitternacht, begonnen mit dem ersten Schlag der Uhr und beendet mit dem letzten, als George Lennox von seiner Gattin Berenice, genannt Bunty, herunterrollt, um dank zuvor genossener fünf Pints John Smith's Best Bitter sofort in traumlosen Tiefschlaf zu verfallen. Bunty hat dafür Alpträume von Mülltonnen und von George, was dem soeben gezeugten Wesen kein gutes Omen scheint.
Überhaupt sind die Verhältnisse in der Wohnung "Über dem Laden", einer Tierhandlung, wo Ruby dann aufwachsen soll, wenig glückverheißend, speziell die zwischen dem zum Alkohol und zur Untreue neigenden George und der stets überforderten, nörgelnden Bunty und ihren beiden schon vorhandenen Töchtern Gillian und Patricia. Sogar den Tod Gillians am Weihnachtsabend 1959 sieht Ruby im Mutterbauch voraus. Und dennoch scheint ihr die Zukunft "wie ein Schrank voller Licht; man muß nur den Schlüssel finden, der die Tür öffnet".
Aber aus der fötalen Geschichte kann nur eine fatale werden. Niemals wird es Ruby so recht gelingen, sich aus derart heiklen Anfängen zu befreien. Dafür gelingt der Autorin fast alles, von diesem kühnen Anfang an: immerhin eine Anspielung auf Laurence Sternes "Tristram Shandy" (oder sogar eine Anleihe), worin ja auch alles mit der Zeugung beginnt. Dem Autor erweist Kate Atkinson auch gleich auf der zweiten Seite Reverenz: Denn in der Gegend von York lebte er eine Weile, und dies ganze York, worin die Straßen "vor Geschichte strotzen", und das jahrhundertealte Gebäude, worin der Laden der Lennox untergebracht ist, gleicht einem "mittelalterlichen Illusionshaus", voll der Geister der Vergangenheit, wo man das "Trappeln und Schleifen uralter Füße im Ballsaal" zu hören meint und das "Krz-krz von Reverend Sternes Gänsekielfeder".
Damit sind die Kulissen aufgestellt, die Zeichen gesetzt für Rubys, der Zukunftsprophetin Reise in die Vergangenheit, die eigene und die ihrer Familie. Ganz mühelos bewegt sich die Autorin mit ihrer witzigen und ängstlichen, sarkastischen und manchmal auch sentimentalen Heldin zwischen den Katastrophen der Gegenwart und denen der Vergangenheit hin und her, zwischen den ganz privaten Desastern der Bunty-Familie. Zwischen einem magischen Realismus und der (fast übertrieben) realistischen Darstellung der fünfziger Jahre. Sie scheint fast jeden literarischen Trick zu beherrschen, mehr als einen Coup de théâtre inszeniert sie und bietet dazu jede Menge Symbolik, nur ist das Buch viel zu unterhaltsam, als daß man sie ihrer Tricks überführen wollte.
Und wer ihr dann wenigstens Anleihen bei der eigenen Biographie anhängen wollte, den entwaffnet Kate Atkinson ebenso schnell. Denn natürlich ist sie in York geboren und auch im selben Jahr, 1951, wie ihre Heldin, allerdings ein Einzelkind (wobei Ruby ihre Schwestern nach und nach einbüßt, durch einen Unfall die jungere, durch ungewollte Schwangerschaft und Flucht die ältere). Wie Ruby stammt sie aus wenig verheißungsvollen Verhältnissen, ihre Eltern hatten eine Handlung für Sanitär- und Orthopädiebedarf; den haben auch George und Bunty, nachdem die Tierhandlung abgebrannt ist. Und wie sich die Atkinson in ihrer Jugend dafür stets ein wenig schämte, so blickt auch Ruby nicht gerade froh auf die Glastheke "voll von Suspensorien und Inkontinenzeinlagen, es gibt ein ganzes Regal mit Brustprothesen, die wie kleine kegelförmige Sandsäcke aussehen, und ein anderes mit Bruchbändern, die eher an Gurte erinnern, die man Pferden umschnallt; dann sind da noch die Kolostomie-Beutel, und das Angebot des Monats, ... Gummibetteinlagen, dickes, rotes Zeug, das George von einer schweren Rolle, die nach Autoreifen riecht, herunterschneidet". Damals, lange bevor sie überhaupt ans Schreiben dachte, tröstete sich Kate Atkinson damit, daß sie eines Tages zu ihrem Vorteil würde benutzen können, worunter sie litt.
Aber bis dahin, bis sie aus dem Schreiben einen Beruf machen konnte, hatte sie nach dem Studium zwei Ehen hinter sich zu bringen. Die eine dauerte zwei Jahre, die andere fünf. Sie mußte zwei Töchter durchbringen und arbeitete nicht nur als Zimmermädchen, sondern auch als Haushaltshilfe und Lehrerin.
Davon ist in Rubys Geschichte einiges angedeutet, im letzten Kapitel, "Erlösung", welches fast an die Gegenwart heranführt. 1992 hat Ruby eine Ehe hinter sich und lebt mit ihren Töchtern auf den Shetlands und schreibt Gedichte: "Meine Zukunft ist eine breite Straße, die in ein unbekanntes Land führt - ein Land namens REST MEINES LEBENS." Denn inzwischen hat sie, die entsetzliche kleine Hofferin von ehedem, ein ziemlich düsteres Geheimnis über sich selbst herausfinden müssen und erkannt, daß der "Schrank voller Licht" die Vergangenheit ist; und "die Vergangenheit ist das, was du mit dir nimmst, nichts verschwindet ganz, alles ist irgendwo noch da".
Was war, ist. Und was ist, in Rubys Kindheit und Jugend, das ist entsetzliche Enge, eine Mutter, die Kinder haßt, so wie sie Hausarbeit haßt. Und dennoch backt sie zur Krönung der Königin tagelang Kuchen, die ein wenig ranzig schmecken, weil sie die Butter über Wochen gehortet hat: "Unsere Liebe Frau der Küche", die braungelbe Strickkleider trägt, wie eine "Wespe im Partypelz", und nur einmal wie Vivien Leigh sein wollte oder wenigstens die Große Hure Babylon (was ihr mit einem Nachbarn zeitweise gelingt); die im Tranquilizer-Rausch vergißt, das Bügeleisen abzustellen, und so kommt es zum "Großen Ladenfeuer". Und der ehebrecherische George kommt zu Tode in den Armen einer Kellnerin während der Hochzeit eines Verwandten. Im Fernsehen läuft das Fußballweltmeisterschafts-Endspiel Deutschland - England. Der arme George tut seinen letzten Schuß, und England siegt.
Dieser Slapstick des Scheiterns ist noch bis zu den Nebenfiguren gelungen besetzt: Tante Eliza, deren blonde Haare kohlschwarze Wurzeln haben, oder Kusine Lucy-Vida mit den magischen Füßen, die einfach nicht aufhören kann zu steppen (und am Ende mit vier Kindern dasitzt) - nur daß man sich manchmal im Stammbaum dieser schrecklichen Familie zu verirren droht. Und all diese Figuren, und das ist die düstere Geschichte, die das Buch erzählt, sie sind geworden, was sie sind, weil sie ein Übermaß an Vergangenheit mit sich herumschleppen, an kaum bekannter und nicht durchschauter Vergangenheit. Die Geschichten wiederholen sich von Generation zu Generation.
Und dennoch, wenn das Museum der Erinnerung einmal geöffnet ist, gewinnt jede dieser Personen ihre eigene Geschichte zurück. Da ist ein Foto von der Urgroßmutter, die angeblich jung starb, in Wahrheit ging sie mit dem Fotografen auf und davon, um noch unglücklicher zu werden, als sie es schon war. Da gibt es eine Kaninchenpfote, einen Glücksbringer, doch die ihn hatten, sind allenfalls nicht ganz so unglücklich gewesen wie die anderen, sie haben überlebt, mehr auch nicht. Kate Atkinson erzählt von den Löchern in der Geschichte, den Rändern, von den Zufällen, den verhinderten Begegnungen, von den unerfüllten Träumen und Phantasien, aus denen die Geschichte auch besteht. Und sie erzählt vom Krieg, von zwei Weltkriegen, die für die Frauen beinahe ein Glück bedeuten, weil die Männer leichter zu haben sind, nur damit die Frauen diese Männer, die richtigen, am Ende verlieren. Und die Männer, sie taumeln über das Schlachtfeld an der Somme: "Tot zu sein war im Grunde genau dasselbe, wie wenn man in einem Traum gefangen war."
"Meine Familie war nicht gestörter als andere", sagt Kate Atkinson. "Ich glaube, ich wurde depressiv geboren. Und ich glaube, ich blieb depressiv, bis ich 36 wurde." 1988 hatte sie den Preis für eine Kurzgeschichte in einer Frauenzeitung gewonnen. Und Ruby stellt am Ende fest, "daß Worte letztendlich das einzige Material sind, aus dem sich eine Welt konstruieren läßt, die Sinn ergibt". Am Ende rettet sie und all die anderen ihr Witz. Und die Erkenntnis, "was für ein Riesenblödsinn diese Welt" ist.
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Kate Atkinson: "Familienalbum". Aus dem Englischen von Evelin Sudakowa-Blasberg. Diana Verlag, München; 416 Seiten; 44 Mark.
Von Annette Meyhöfer

KulturSPIEGEL 3/1997
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