28.04.1997

King im Ring

Der Boxkampf dauerte acht Runden, aber 22 Jahre vergingen, bis der Film über den Fight fertig wurde. Jetzt kommt der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm „When we were Kings“ in die Kinos und läßt die Legende Muhammad Ali auferstehen. VON HANS HIELSCHER
Schwarze Boxer schlagen unvergeßliche Ringschlachten. Sie begeistern Hunderttausende, gewinnen Weltmeistertitel. Aber das große Geld im Boxgeschäft machen die Manager und Veranstalter - und die sind alle weiß. Ein schwarzer Impresario muß her!
Mit dieser Utopie nervte Anfang der siebziger Jahre ein Amerikaner mit einer zu Berge stehenden Afro-Mähne seine schwarzen Mitbürger. Der Möchtegernpromoter konnte keinen müden Dollar Kapital vorweisen, dafür aber ein ansehnliches Vorstrafenregister: Don King aus Cleveland in Ohio hatte wegen Totschlags und verbotenen Glücksspiels im Zuchthaus gesessen. Auf Job- und Sinnsuche wollte er nach seiner Entlassung afroamerikanische Fighter unter Vertrag nehmen.
King köderte mit seinem Appell an die schwarze Solidarität und mit versprochenen Traumbörsen von je fünf Millionen Dollar den Schwergewichtsweltmeister George Foreman und seinen Herausforderer Muhammad Ali. Beide Boxer unterschrieben einen Kampfvertrag bei dem Veranstalter-Neuling. Ein Riesenspektakel zeichnete sich ab. Denn mit Ali und Foreman sollten sich ein "schlechter" und ein "guter" Afroamerikaner gegenüberstehen:
Muhammad Ali hatte seinen "Sklavennamen" Cassius Clay abgelegt und war zum Islam konvertiert. Er weigerte sich, als Soldat nach Vietnam zu gehen. Der Boxverband entzog Ali daraufhin den Weltmeistertitel und die Kampflizenz. Ein Gericht verurteilte den Wehrdienstverweigerer zu fünf Jahren Gefängnis. Gegen die Haftstrafe und das Berufsverbot prozessierte Ali erfolgreich. Als er nach dreieinhalb Jahren wieder boxen durfte, wünschte ihm Amerikas weiße Mehrheit nichts sehnlicher als eine vernichtende Niederlage.
George Foreman dagegen gehörten die Sympathien der Weißen. Sie schätzten den riesigen Mann aus Texas als Patrioten, seit er nach seinem Sieg bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko mit dem Sternenbanner durch den Ring marschiert war. "America, the Beautiful". Das war eine herzerfrischende Geste, nachdem andere schwarze Medaillengewinner während der Siegerehrung die Faust zum Black-Power-Salut erhoben.
Nun sollte der bescheiden auftretende Foreman den Weltmeistertitel der Profis verteidigen. Daß er den Champion-Gürtel nicht im Kampf gegen Ali gewonnen hatte, galt als Makel. Um so mehr wollte Foreman im Ring den Beweis nachliefern, er sei wirklich der Beste; der unbesiegte, sieben Jahre jüngere Weltmeister wollte das Großmaul Ali k. o. schlagen, das sich arrogant "The Greatest" nannte.
Über Amerika hinaus faszinierte der geplante Kampf die ganze Welt: Muhammad Ali verkörperte die Bewegung gegen den Vietnamkrieg und das neue Selbstbewußtsein der Farbigen. Ihn haßten oder liebten Menschen in allen Erdteilen. So konnte sich Don King über sein Projekt die Hände reiben. Aber wer würde dem Ex-Knacki zehn Millionen Dollar vorschießen? King beschloß, weiter die schwarze Karte zu spielen - diesmal in Afrika.
Er reiste zum Zaire-Herrscher Mobutu Sese Seko. Der Kampf Ali gegen Foreman würde ihn und sein Land schlagartig weltberühmt machen, redete King dem geltungssüchtigen Diktator ein. Mobutu ließ sich überzeugen und versprach die Finanzierung der Weltmeisterschaft: Ali und Foreman sollten am 25. September 1974 im 100000 Zuschauer fassenden Nationalstadion von Zaires Hauptstadt Kinshasa gegeneinander antreten.
Den Boxkampf jazzten der afrikanische Despot Mobutu und das afroamerikanische Schlitzohr King zur Großtat für die schwarze Rasse hoch.
"Ein Geschenk von Präsident Mobutu an das Volk von Zaire und eine Ehre für den schwarzen Mann", trompeteten Schautafeln mit der Ankündigung des Weltmeisterschaftskampfes in Kinshasa. Boxplakate feierten das Ereignis: "Ein Kampf zwischen zwei Schwarzen in einer schwarzen Nation, organisiert von Schwarzen, damit die ganze Welt ihn erleben kann."
Für den Medienweltmarkt verkaufte King seine Show im Kolonialjargon als "Rumble in the Jungle". Der Neupromoter sah sich als Nachfolger des Zirkus-Impresarios Barnum - und erkannte früher als andere Veranstalter die modernen Kommunikationsmöglichkeiten; King wollte seine Veranstaltung über Satelliten und Kabelnetze vermarkten.
In seinem Bestreben, schon mit seiner ersten Promotion ganz groß herauszukommen, ließ King zu dem Boxkampf noch ein Musikfestival arrangieren: Kinshasa sollte ein schwarzes "Woodstock" mit Stars aus Amerika und Afrika erleben.
So wurde denn die Millionenstadt am Kongo-Fluß 1974 Ziel einer Invasion schwarzer Berühmtheiten: George Foreman und Muhammad Ali reisten mit ihrem Gefolge von Trainern, Sparringspartnern und Mitläufern an. James Brown und B. B. King flogen mit ihren Bands ein, dazu die Jazz Crusaders, The Spinners, Miriam Makeba und etliche Gruppen aus Afrika.
Bald bevölkerte eine von den Einheimischen bestaunte bunte Schar Kinshasas Intercontinental-Hotel. Unter dem Heer von Journalisten und Technikern war der Filmemacher Leon Gast. Insider wußten, daß er an Dokumentarfilmen über die Rockgruppe Grateful Dead und über die Motorrad-Rabauken Hell's Angels arbeitete. Don King war beeindruckt: "Wer mit diesen Typen klarkommt, kann auch für mich tätig werden." Der weiße Leon Gast erhielt die Erlaubnis, das schwarze Großereignis zu filmen.
Es sollte freilich 22 Jahre dauern, bis sein Werk fertig wurde und im März 1997 unter dem Titel "When we were Kings" den Oscar für den besten Dokumentarfilm erhielt. Der Grund: Finanzieren sollte das Musikfest in Kinshasa und den Film über das Ereignis eine auf den Cayman-Inseln registrierte Firma: "International Films and Records" gehörte Stephen Tolbert, dem Finanzminister von Liberia. Der aber verschwand von der Bildfläche, als Soldaten Liberias herrschenden Tolbert-Clan in einem blutigen Putsch entmachteten.
So saß Gast nach dem "Rumble in the Jungle" hoch verschuldet mit 100000 Meter Film und 30000 Meter Musikaufnahmen in seinem Appartement in Manhattan. Über Jahre nutzte er Einkünfte aus anderen Arbeiten, um Teile des Materials entwickeln zu lassen und zu schneiden. Doch erst als der Rock- und Rap-Musik-Produzent David Sonenberg 980000 Dollar beisteuerte -zum Beispiel mußten die Musikrechte gekauft werden - konnte der Film fertiggestellt werden.
Sonenberg, der das Rap-Trio The Fugees und den Sänger Meat Loaf vertritt, hatte mitbekommen, wie der Stoff aus den siebziger Jahren junge Menschen faszinierte. Rapper, die Ali nur als kranken Mann kannten und die nie von Zaire und dem dortigen Musikfest gehört hatten, hockten sich stundenlang an den Schneidetisch, an dem Gast das Material sichtete. Die Kids fragten immer wieder: "Wann kommt der Film raus?"
Der Film ist eine Ode an Ali geworden. Gasts Team hat den Boxer in seiner besten Zeit eingefangen: Ali als Athlet, Ali als Entertainer, Ali als Agitator. "Ich nutze das Boxen, um eine Botschaft zu verbreiten", sagt Ali in einer ruhigen Stunde, "mir geht es nicht um den Ruhm als Fighter, ich möchte viele Dinge ändern."
Im Flugzeug nach Zaire weist Ali stolz auf die Crew, die nur aus Schwarzen besteht: Was für ein Kontrast zu den Wilden in Hollywoods Tarzan-Filmen! Ein Reporter fragt Ali, ob er eine Botschaft für die Kinder in aller Welt habe. "Ja, eßt nicht soviel Süßigkeiten. Ich hab' das leider getan und muß deshalb jetzt zwei Brücken tragen", antwortet Ali und reißt den Mund auf, "hier, seht ihr? Putzt immer eure Zähne. Wir müssen Mister Zahnfäule besiegen."
Ali zeigt sich freundlich oder frech -aber immer schlagfertig. Er habe keine Chance gegen Foreman, denn er sei "nicht mehr, was er vor zehn Jahren war", mäkelt Howard Cosell, damals Amerikas berühmtester Boxreporter. Ali lächelt den Herrn an, der seine Glatze unter einem Toupet verbirgt: "Howard, ich habe mit Ihrer Frau gesprochen. Sie sagt, Sie seien nicht mehr das, was Sie noch vor zwei Jahren waren."
Richtig gemein wird Ali, wenn es um seinen Gegner Foreman geht. Immer wieder äfft er den gefürchtetsten Schläger der Zunft nach: Foreman sei langsam und tolpatschig, kein Boxkünstler, sondern ein biederer Handwerker. Alis Verhalten erklärt der Schriftsteller Norman Mailer, der in Kinshasa am Ring saß und den Kampf im Film noch einmal kommentiert: psychologische Kriegsführung. Indem er den Gegner klein- machte, wollte Ali seine eigene Angst überwinden.
Im Wettstreit um die Sympathien der Zairer vor dem Kampf hilft Ali ein verhängnisvoller Fehler des Weltmeisters. Foreman war dem Flugzeug in Kinshasa mit einem Schäferhund entstiegen und hatte sich später ständig mit dem Tier an der Leine gezeigt. "Das erinnerte uns an die belgischen Kolonialherren", erklärt der afrikanische Schriftsteller Malik Bowens, "die haben uns mit solchen Hunden eingeschüchtert."
Ali beutet die Ressentiments der Menschen gegenüber Foreman schamlos aus. Irgend jemand hatte ihm gesagt, "Ali, bomaye" hieße in der Landessprache Lingala "Ali, töte ihn". Wann immer nun der kontaktfreudige Herausforderer Zairer trifft, animiert er sie zu Sprechchören: "Ali, bomaye! Ali, bomaye!"
Tatsächlich brüllen 100000 Zairer "Ali, bomaye", als der Kampf am 30. Oktober - wegen einer Augenbrauenverletzung von Foreman war er um sechs Wochen verschoben worden -um vier Uhr morgens beginnt. Doch die Fachleute erwarteten Alis Niederlage - und Schlimmeres: Ex-Weltmeister Archie Moore aus Foremans Team gestand später: Inniger als für den Sieg seines Mannes habe er in der Kabine vor dem Kampf dafür gebetet, daß "George Ali nicht töten wird. Ich hielt das wirklich für möglich".
Ali gewinnt aufgrund seiner Schnelligkeit den ersten Gang des auf 15 Runden angesetzten Fights. Doch ihm wird klar, daß seine Treffer den Weltmeister nicht erschüttern können. Da entscheidet sich Ali für etwas Einmaliges in der Boxgeschichte: Er bleibt in den folgenden sieben Runden am Seil stehen und beschränkt sich darauf, Foremans schwere Schläge so gut wie möglich auszupendeln und abzublocken.
Dabei verhöhnt Ali den Weltmeister mit einem Wortschwall: "Kannst du zuschlagen?" "Nein, du kannst es nicht." "Das sind ja nur Tupfer, nichts dahinter." "Du bringst nichts." Wenn der Pausengong ertönt, reißt Ali wie ein Sieger die Arme hoch. Dabei hat er mehr eingesteckt, als je zuvor in seiner Karriere. Foreman gewinnt jede Runde und wirkt dennoch deprimiert.
In der achten Runde passiert, was kein Thrillerautor hätte besser erfinden können. Ali greift plötzlich an. Er hat mit seiner "Rope a Dope"-Taktik erreicht, was er wollte. Foreman hat sich müde geschlagen und ist völlig ausgepumpt. Jetzt mußt der Champion ganze Schlagserien einstecken. Die Massen brüllen: "Ali, bomaye". Foreman taumelt, kassiert eine schwere Rechte, stürzt zu Boden und wird ausgezählt. Muhammad Ali ist erneut Weltmeister.
Sein Hochgefühl, wieder König zu sein, überträgt sich auf die Massen im Stadion von Kinshasa - und überkommt heute Besucher von "When we were Kings", Leon Gasts 90-Minuten-Film.
Denn der Regisseur hat die Spannung bis zu der historischen Ringschlacht geschickt aufgebaut: Wochenschau-Ausschnitte zeigen den Aufstieg des Cassius Clay zum Olympia-Sieger und Weltmeister der Profis. An die Politik jener Zeit erinnern Bilder vom Bürgerrechtskampf in den USA, vom afrikanischen Freiheitshelden Lumumba und vom Krieg in Vietnam.
Kings "Rumble in the Jungle" wird in Gasts Film von James Brown, B. B. King und afrikanischen Bands angeheizt. Musik als Auftakt: Im vor Lebenskraft explodierenden Kinshasa verbrüdern sich die Schwarzen von zwei Kontinenten. "Vom Sklavenschiff zum Siegerkranz", jubiliert Muhammad Ali. "Wir wurden als Sklaven aus Afrika verschleppt, nun kommen wir als Sieger wieder."
"Ali ist der Größte, und das ist der größte Film", urteilt die New Yorker Zeitung newsday über "When we were Kings". Leon Gasts Streifen sei vielleicht "die leidenschaftlichste Ehrung, die einem Volkshelden je in einem Film zuteil wurde".
Von Hans Hielscher

KulturSPIEGEL 5/1997
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