28.04.1997

Neue CDs

POP

MAKELLOS: Eigentlich hätten in den vergangenen sieben Jahren an die 30 neue Prefab-Sprout-Platten erscheinen sollen: Vom Weihnachtsmusical "Total Snow" bis zum Konzeptalbum über Michael Jacksons Leben. Aber Prefab-Sprout-Chef Paddy McAloon, der als genial, aber verschroben gilt, war nie zufrieden. Das Album "Andromeda Heights" hat er fast überraschend herausgebracht, und es ist tatsächlich makellos. Filigran konstruierter Pop für Melancholiker, frei von allen Umtrieben der Gegenwart wie Trip Hop und Brit Pop. Wenn alles glattgeht, könnten in diesem Jahr noch zehn weitere Prefab-Sprout-Platten erscheinen, behauptet McAloon und weiß doch, daß daraus nichts wird.
Prefab Sprout: "Andromeda Heights" (EPIC)
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ENTSPANNT: Nachdem der Gitarrist und Songwriter Mark Olson nach dem letzten Jayhawks-Album den Job aufgab, um seine kranke Frau zu pflegen, kündigten die verbleibenden Musiker radikale Änderungen an: neuer Name, neuer Sound. Alles gelogen - beinahe. Für ihr neues Album haben sich die Jayhawks vom großangelegten Country-Sound verabschiedet. Zwangsläufig, denn dafür war Olson verantwortlich, und Gary Louris, der neue Band-Chef, weiß, daß er nie singen könnte wie George Jones oder Willie Nelson. So ist ein Country-Rock-Album entstanden, das eher REM- als Willie-Nelson-Fans erfreuen wird. Kein Anlaß für weitere Änderungen.
The Jayhawks: "Sound of Lies" (American/BMG)
Christoph Dallach
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FRISCH: Blues ist langweilig - immer nur zwölf Takte, immer nur alte schwarze Männer. Jetzt widerlegt das kleine Label Taxim Records die begründeten Vorurteile mit einer der besten Blues-Kollektionen der letzten Jahrzehnte. Auf zehn CDs dokumentiert "Talking with the Blues", was heute in US-Klubs zwischen Boston und San Francisco, Chicago und New Orleans gespielt wird: frischer, gitarrenorientierter, rockiger Blues, der es locker mit Songs von Stevie Ray Vaughan, Roy Buchanan oder Jimi Hendrix aufnehmen kann. Zum Einstieg empfohlen: Blues aus New Jersey.
"Garden State Blues" (Taxim Records TX 1023-2)
Hans-Dieter Degler
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JAZZ

FEURIG: Der Meister ist tot, aber seine Musik lebt: Ein Count-Basie-Nachfolge-Orchester - das wievielte? - spielt unter der Leitung von Grover Mitchell auf einer Veranstaltung in Manchester. Zu den Sätzen der Bläser und der swingenden Rhythmusgruppe gesellt sich das Gesangsquartett New York Voices. Das Publikum tanzt - warum nicht? Ballhäuser waren Brutstätten des Bigband-Jazz. Musiker und Tänzer feuerten sich wechselseitig an. Zeit für Soli in der Band und auf dem Parkett.
Count Basie Orchestra: "Live at Manchester Craftmen's Guild" (Blue Jackel 1002)
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SINNLICH: "Ein Bolero ist die letzte Chance, sich die Venen mit der Klinge einer Metapher aufzuschneiden, bevor man zum Brotmesser greift", schluchzt die junge spanische Sängerin Mayte Martín. Statt der üblichen Gitarren und Kastagnetten läßt sie sich von Spaniens führendem Jazz-Pianisten Tete Montoliu und dem Bassisten Horacio Fumero begleiten. Sie ummalen ihre gefühlvolle Stimme mit ungewohnten Klangfarben und verleihen der andalusischen Musikform eine neue Sinnlichkeit.
Mayte Martín, Tete Montoliu: "Free Boleros" (K-Industria 20421-2)
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SCHWERMÜTIG: Boubacar Traoré aus Mali sieht aus wie ein Blues-Barde aus den amerikanischen Südstaaten. Wie deren schwermütige Musik klingt sein Titel "Je chanterai pour toi". Manche hören deshalb in seinem Gesang und Gitarrenspiel den "Missing Link zwischen Niger und Mississippi" - afrikanischer Blues. "Wir sterben, aber unser Name stirbt nicht", singt Traoré. Er läßt sich von einem Percussionisten auf der Kalebasse begleiten.
Boubacar Traoré: "Sa Golo" (Indigo-France 20289-2)
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EFFEKTVOLL: Seinen Titel "Dancing with Dolphins" widmet Gato Barbieri dem "ewigen Meer"; den "Menschen der Dritten Welt" ist "Indonesia" zugedacht. Gongs, Vogelgezwitscher und Gamelanklänge gehören zum Background-Teppich für Barberis Tenorsaxophon. Alles etwas angekitscht. Aber weshalb soll ein Supermusiker nicht mit effektvoll aufbereitetem Smooth-Jazz Geld verdienen?
Gato Barbieri: "Qué Pasa" (Columbia CK 67855)
Hans Hielscher
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KLASSIK

GLÄNZEND: Ensembles aus der ehemaligen Sowjetunion haben es schwer, auf dem westeuropäischen Markt zu bestehen. Ganz anders das Russische Nationalorchester, das der Pianist und Dirigent Michail Pletnjow 1990 gegründet und konsequent zu einem Spitzenorchester geformt hat. Der Erfolg bleibt nicht aus. Mit ihrer Strawinski-CD zeigen die russischen Musiker ihre Qualitäten: Die Streicher klingen warm, die Blechbläser glänzen mit makelloser Technik, die Holzbläser mit abgerundetem Klang. Eine moderne, klar konturierte und schlanke Musizierweise.
Igor Strawinski: "Pletnjow/Russian National Orchestra" (Deutsche Grammophon 453 434)
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GESPENSTISCH: Der in China geborene und in die USA ausgewanderte Komponist Tan Dun verbindet chinesische Musiktraditionen mit westlich-modernen Kompositionstechniken: In seiner "Ghost Opera" kombiniert er den Klang von Becken und einer chinesischen Laute (Pipa) mit abendländischen Streichquartett-Tönen. Tan Dun liefert keine softe Ost-trifft-West-Weltmusik, sondern entfacht ein fesselndes Spiel mit Klängen aus Vergangenheit und Gegenwart. Das Kronos Quartet und der Pipa-Spieler Wu Man interpretieren die "Geister-Oper" mit Bravour.
Tan Dun: "Ghost Opera" (Nonesuch 7559 79445)
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HEISS: Beim Instrumentenbau sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Es gibt sogar einen Bastler, der Gas durch Orgelpfeifen abfackelt und sein "Pyrophone" heiße Klänge zischen läßt. Wer schon immer wissen wollte, wie rotierende Schläuche, "Crystallophone" oder "Bamboo Saxophone" klingen, wird auf einer CD voller Kuriositäten fündig: "Gravikords, Whirlies & Pyrophones". Das (englischsprachige) Begleitbuch zeigt und erklärt einige der schönsten Erfindungen. Eine Fundgrube für Freigeister, Tüftler und unkonventionelle Neutöner. (Infos für Instrumentenbauer im Internet: http://www.windworld.com/emi).
"Gravikords, Whirlies & Pyrophones" Ellipsis Arts (Elli 3530)
Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 5/1997
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