26.05.1997

Neue CDs

POP

SCHNIEKE: Bei Take That hatte es Gary Barlow nicht einfach. Sicher, er sang makellos und schrieb klasse Hits wie "Back For Good", aber weil sein Körper gedrungen war, liebten die Teenager ihn nicht so doll wie seine Kollegen Robbie Williams oder Mark Owen. Deshalb macht er jetzt schnieken Designer-Pop für Menschen über 20. Trotzdem ist sein Debüt-Album gelungen. Es enthält den feinen Madonna-Song "Love Won't Wait" und einen Batzen schöner Lieder von Gary. Aber weil er zuviel für die Produktion ausgeben durfte, klingt er in unglücklichen Momenten wie George Michael für Arme. So gut schreiben wie der kann Gary eigentlich auch - ihm fehlt nur noch der Sex. Genau wie früher.
Gary Barlow: "Open Road" (RCA/BMG)
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AUFREGEND: Die Band Yo La Tengo aus Hoboken/New Jersey schrammelt sich seit über zehn Jahren durch den amerikanischen Underground. "Indie Rock" nennt man das, und oft ist es gut gemeint, aber lausig anzuhören. Yo La Tengo sind da eine Ausnahme. Ihr neues, achtes Album "I Can Hear The Heart Beating As One" enthält über 70 aufregende Minuten Pop und Psychedelia, Lärm und Stille und immer wieder Melodien, die Herzen zum Schwingen bringen. Letztes Jahr sind Yo La Tengo in dem Film "I Shot Andy Warhol" als Velvet Underground zu sehen gewesen. Sehr passend besetzt.
Yo La Tengo: "I Can Hear The Heart Beating as One" (Matador/Rough Trade)
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VERLÄSSLICH: Techno, Electro und überhaupt alle modernen und tanzbaren Beats verwirren selbst Interessierte immer mehr. Orientierungshilfe im Chaos der Stile bieten da bewährte Namen von Plattenfirmen. Auf Produkte aus dem Hause Wall Of Sound ist zum Beispiel Verlaß: Was die Geschmackspolizisten dort zum Pressen freigeben, ist immer klasse - egal wie der Künstler auch heißen mag. Auf der CD "The Second XI" sind elf Singles gesammelt, die normalen Menschen stets durch die Finger schlüpfen: Techno, Electro, Hip-Hop, Funk, alles wild gemixt, alles fabelhaft. Da werden viele dankbar sein.
"The Second XI" (Wall of Sound/Pias) Christoph Dallach
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JAZZ

DIE ERSTE JAZZPLATTE wurde im März 1917 veröffentlicht: Die Original Dixieland Jass Band verewigte sich mit dem "Livery Stable Blues" und dem "One-Step". Victor Record, Ableger eines Grammophon-Herstellers mit dem schönen Namen Victor Talking Machine Company, verkaufte zwei Millionen der schwarzen Scheiben; es war der Anfang eines Geschäfts, mit dem die Firma - seit den zwanziger Jahren mit RCA verbunden - acht Jahrzehnte lang die Entwicklung und Verbreitung des Jazz förderte.
Zum Jubiläum hat Rolf Enoch, Marketingberater in Sachen Jazz, für die BMG Ariola, die heute das Jazz-Label RCA Victor fortführt, das Beste aus seinem Archiv herausgesucht. Auf 20 CDs präsentiert er die Geschichte des Jazz, von New Orleans bis zu Jazz-Rock und Fusion. Der Einsteiger findet die vielleicht verwirrende Vielfalt wohlgeordnet, der gewitzte Fan entdeckt Kostbarkeiten, die er schon immer mal wieder hören wollte.
Der ganz frühe Armstrong ist dabei, aber auch der aus den vierziger Jahren, Gillespie in seiner wildesten Zeit, Desmond ganz cool, Rollins mal bluesig, mal schräg, Basie und Ellington mit einigen ihrer schönsten Nummern. Jazz-Fan Enoch hat eine Wunderkiste aufgemacht.
"Das Problem war allein der verfügbare Katalog", sagt er. Nicht alle Musiker, die in den acht Jahrzehnten den Jazz vorangebracht haben, sind in seinem CD-Paket vertreten - RCA Victor hat eben vieles gar nicht aufgenommen. John Coltrane sucht der Fan vergeblich, Charlie Parker macht nur bei zwei Stücken mit. Kleinere Labels wie Blue Note, Prestige oder Riverside haben damals mit ihrem Engagement die Großen oft beschämt.
Richtig schwierig wurde es für den JazzKenner Enoch, als er die CD mit Jazz-Rock und Fusion zusammenstellte. Da war bei RCA Victor nicht viel zu holen. Statt Michel Legrand hätte er vielleicht lieber Herbie Mann gehabt, und den "Sidewinder" bringt Lee Morgan wahrscheinlich besser als Hilton Ruiz. Das Hörvergnügen wird dadurch kaum beeinträchtigt: Es ist, je nach Geschmack, bei fast allen der 20 CDs garantiert - und die sind einzeln zu haben, Preis um 27 Mark.
Victor Jazz History (BMG Ariola)
Peter Bölke
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KLASSIK

MONDÄN: Komponisten sind manchmal merkwürdige Menschen. Da tobt der Erste Weltkrieg, und Giacomo Puccini komponiert eine Oper voll von schmachtenden Klängen. "La Rondine" (Die Schwalbe), 1917 in Monte Carlo uraufgeführt, handelt von Kurtisanen, Lebemännern, mondänen Salons und einem Nachtlokal - der Traum von der schönen, alten Zeit. Magda verliebt sich in Ruggero, flieht mit ihm aufs Land, kann ihre anrüchige Vergangenheit jedoch nicht abschütteln. So sentimental das Werk, so gelungen die Einspielung mit den schönen Stimmen von Angela Gheorghiu und Roberto Alagna. Der Dirigent Antonio Pappano und das London Symphony Orchestra knüpfen einen feinen Klangteppich. Eine Oper, die auch für Operettenfreunde interessant ist.
Giacomo Puccini: "La Rondine" (EMI 556 33 82)
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KLAR: Johannes Ockeghem gehört zu den wichtigsten Komponisten der Vokalmusik des 15. Jahrhunderts. Er hat fast mathematisch ausgeklügelte Musik von überwältigender Schönheit hinterlassen: reich verzierte Melodien, die subtil rhythmisiert und mit anderen Stimmen virtuos - "polyphon" - verzahnt werden. Die vier Sänger des Orlando Consort singen seine Messe "De plus en plus" und einige Chansons mit kristallklarer Intonation. Gesangskunst auf dem Gipfel.
Ockeghem: "Missa de plus en plus" (Archiv Produktion 453 419)
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EINZIGARTIG: Zu den wichtigsten Musikentdeckungen der vergangenen Jahre gehört jüdische Folklore. Joel Rubin ist einer der herausragenden "Klezmer"-Interpreten. Er spielt auf seiner Klarinette mit vielen Schattierungen Melodien, die von Freud und Leid berichten. Jetzt hat er mit seinem "Jewish Music Ensemble" Hochzeitsmusik aus der Ukraine eingespielt, die der Musikethnologe Moische Beregowski gesammelt hat. Zwar beginnt manches Lied traurig, doch dann verwandelt es sich meist in ausgelassene Tanzmusik. Dokumente einer einzigartigen Tradition.
Joel Rubin Jewish Music Ensemble: "Beregovski's Khasene" (Weltmusik SM 1614-2/Vertrieb: Schott Wergo)
Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 6/1997
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