30.07.2012

Verdammt anziehend

Auf der Jagd nach wilden Tieren oder erotischen Abenteuern - es gibt dafür nur ein passendes Kleidungsstück: die Lederjacke.
Das Wetter ist schuld. Normalerweise kommt im Frühjahr irgendwann der Tag, an dem man die Wintergarderobe im Schrank nach unten sortiert und die Sommerklamotten in das Fach auf Augenhöhe legt. Nur: Dieses Jahr gab es diesen Tag nicht. Stattdessen sieben Monate April-Wetter. T-Shirt-Tage rotieren mit Pullover-Tagen. Ein Kleidungsstück aber scheint bei fast jedem ganz vorn an der Stange zu hängen: die Lederjacke. Statt frischer Sommermode begegnet man also jenem guten Stück, das zwar ein sehr prominenter, aber doch uralter Schöpfer kreiert hat: "Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen, und zog sie ihnen an", heißt es schon in der Bibel.
Wollte man Kleidung tierische Eigenschaften zuordnen, dann wäre die Lederjacke eine Riesenschildkröte. In einer Welt, in der Altkleidersammler nicht mit dem Sammeln hinterherkommen, ist sie die Konstante. Sie zieht sich in ihren Panzer zurück und lässt die Chinos und Indoor-Mäntel, Neonfarben und Schlangenmuster, also alle wie Laubfrösche hüpfenden Modetrends, an sich vorbeiziehen.
Warum zeigen sich Rapper Bushido und Popsänger Bruno Mars in Leder, was fanden der Schauspieler Marlon Brando und der Studentenführer Rudi Dutschke an ihr? Die Frage hat auch den Kulturwissenschaftler Wolf-Eike Galle, 29, beschäftigt. Er hat festgestellt, dass schon vor der Geburt Jesu Menschen Lederjacken anzogen, um Wind und Kälte zu trotzen. Damit sind wir auch schon beim ersten - zugegeben noch etwas naheliegenderen - Grund, sie zu tragen: der Schutzfunktion. Mit einer Lederjacke macht man sich weniger angreifbar, egal, ob gegen Eckzähne, Lanzen, Rollsplitt oder Wasserwerfer.
Aber wäre die Lederjacke nur ein guter Panzer, hätte sie sich niemals behauptet. Der Trend dieses Sommers wären viel eher Polyester-Regenmäntel. Als simple Funktionskleidung hat die Pariser Berufs-Celebrity Caroline de Maigret ihre schwarze Rocker-Jacke sicher nicht verstanden, die sie bei der diesjährigen Haute-Couture-Show von Chanel zum langen, weißen Abendkleid trug. Eine Kombination maximaler Kontraste - auf der einen Seite ein unschuldiges Weiß, auf der anderen jene Eigenschaften, die das Image des Leders bestimmen und Grund zwei für seinen Dauererfolg sind: Härte, Kampfbereitschaft, Männlichkeit. Eine Lederjacke zu tragen hat, historisch gesehen, ein Überlegenheitsgefühl erweckt. "Dadurch, dass für die Lederjacke Tiere getötet und ihre Häute gegerbt, zugeschnitten und genäht werden müssen, symbolisiert sie den Triumph des Menschen über die Natur", sagt Galle.
Klar, heute fühlt man sich irgendwie "fashionable" mit einer Lederjacke. Aber: Niemand trägt irgendetwas nur so. Indirekt wirkten die archaischen Motive immer noch, sagt Galle. In den vergangenen 20 Jahren seien keine Modelle mehr entstanden, die ihr weitere Charakterzüge verliehen hätten. Auch neue Entwürfe beziehen sich auf Zeiten, in denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen ihr Image über sie definierten. Die ersten Motorradfahrer. Die Kampfpiloten im Ersten Weltkrieg. Die Proletarier der Weimarer Republik. Auch die Nazis. Die rebellischen Halbstarken in den Fünfzigern und Sechzigern mit ihren Idolen Marlon Brando und James Dean. Punks, Gothics, Metal-Heads.
Jetzt könnte man jammern, dass die Lederjacke ein anachronistisches Macho-Accessoire sei, welches die Schlechtwetterwolken dieses Sommers noch finsterer erscheinen lasse. Aber das wäre unzutreffend. Schließlich schmücken sich heute Frauen wie Keira Knightley, Gwen Stefani oder Salma Hayek mit ihr. Frauen also, die als selbstbewusst gelten. Zu verdanken haben wir diese Offenheit androgynen Künstlern wie Grace Jones: Durch sie wurde die Lederjacke in den Achtzigern auch für Frauen tragbar, die nicht mehr nur neben ihrem Gatten im Beiwagen sitzen wollten.
Eine Frau war es auch, die 1968 eine dritte Eigenschaft des Leders salonfähiger machte: seine Erotik. In dem Film "Nackt unter Leder" knattert Marianne Faithfull auf einem Motorrad über die Landstraße, bekleidet mit nichts als einem Lederanzug. "Ich bin der Meinung, dass jeder es unbewusst ein bisschen erotisch findet, eine Lederjacke zu tragen", sagt Galle. Durch das Gefühl, über der eigenen Haut eine zweite Haut zu tragen, entstehe unwillkürlich eine erregende Nähe. So banal es klingt, aber vielleicht ist dieser letzte Grund am Ende der wichtigste, warum die Lederjacke anders als ihre tierische Seelenverwandte, die Riesenschildkröte, nicht vom Aussterben bedroht ist: Sie macht geil. Und das bei jedem Wetter.
Von Johan Dehoust

KulturSPIEGEL 8/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 8/2012
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.