28.07.1997

Neue Bücher

BELLETRISTIK

OSCAR WILDE & CO.: Für sein Debüt "Der Prinz der West End Avenue" wurde der 63jährige Literaturwissenschaftler Alan Isler im vergangenen Jahr fast einhellig gelobt - ein Geschichts- und Gesellschaftsroman, ein Jahrhundert umfassend und kunstvoll Literatur und Leben verschränkend: nämlich eine Hamlet-Inszenierung in einem Altersheim mit den unglücklichen Selbstinszenierungen des Helden. Auch in den vier kurzen Erzählungen aus "Op.non cit." geht es um jenes Wechselspiel, für das einer der Helden dieser Novellen, Oscar Wilde, die Formel fand, daß das Leben die Kunst imitiere. Hier werden nun literarische Figuren dem Leben ausgesetzt bzw. der Kunst des Autors, ihnen ein neues Leben zu erfinden, Shylock und Antonio oder der Dichter Coleridge. In einer Geschichte geht es um die Dreyfus-Affäre und ein Musical und in allen im Grunde um Außenseitertum und Isolation - nur daß die Figuren so recht nicht lebendig werden, mehr Marionetten einer literarischen Spielerei, manchmal verläppert.
Alan Isler: "Op. non cit.". Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Berlin Verlag, Berlin; 252 Seiten; 38 Mark. Erscheint am 11.8. Annette Meyhöfer
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DIE EINSIEDLERIN: Kann es sein, daß zur Zeit, weil es Mode ist, zu viele Frauen zu viele putzmuntere, plauderlustige Romane über Frauen schreiben, die alle Miseren des Daseins mit Schwung und Witz meistern? Zu viele Siegerinnen? Mit ihnen hat die sanfte, norddeutschspröde Hanna, die in "Das Regenhaus" ihr Leben erzählt, nichts gemein. Die Schattenzonen sind ihre Sphäre, die bedeckten Himmel: Sie habe noch "nie irgendwo gelebt, wo es soviel regnet", sagt sie über die Kleinstadt in den südfranzösischen Cevennen, wo sie, zufällig hängengeblieben, seit fünf Jahren als graue Büromaus ihr Auskommen findet, allein in einem Häuschen mit einem zugelaufenen Kater. Unmerklich gewinnt die knappe, fast verschwiegene Darstellung des Alltäglichen atmosphärische Dichte, die scheinbar glanzlose Heldin entfaltet ihren Zauber. Heide Koehne erzählt in ihrem dritten Roman leise, aber so intensiv von einer Verliererin, daß die Niederlage fast als das Bessere und als Befreiung erscheint.
Heide Koehne: "Das Regenhaus". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 144 Seiten; 12,90 Mark. Urs Jenny
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EWIGER SONNTAG: Der Weg ins absolute Bewußtsein beginnt mit Fühllosigkeit - im Unterarm. Eine Welt medialer "in Mode gekommener Probleme" und tiergleiches Robotern am Bildschirm-Arbeitsplatz lassen Arndt nur eine Möglichkeit: konsequentes logisches Denken - sonntags, bei Spaziergängen und Käsekuchen. Doch die Jagd nach persönlicher Autonomie führt in die Spaltung seiner Person, den allmählichen Ausfall seines Körpers, den Overkill des Bewußtseins. Den Strudel in den ewigen Sonntag beschreibt Alban Nikolai Herbst in elf Novellen, die er "Ausfälle" nennt. Im Vorbeischießen fertigt er Fragen nach Medienrealität und Chaostheorie so souverän ab, daß am Ende ein Held der Neunziger steht - in einer Sprache, so ironisch-logisch wie dieser Arndt selbst, so barock wie sein Vorhaben.
Alban Nikolai Herbst: "Der Arndt-Komplex". Rowohlt Verlag, Reinbek; 125 Seiten; 29,80 Mark.
Daniel-Dylan Böhmer
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ZAUBER: Lucie ist wie ihre Mutter eine Hexe und versucht, ihre magischen Fähigkeiten an ihre Zwillingstöchter weiterzugeben. Leider ist es mit ihrer Begabung nicht weit her: Sie ist zu menschenfreundlich, möchte eine gute Frau und Mutter sein und ihre geschiedenen Eltern miteinander versöhnen. Eine gute Hexe ist eine schlechte Hexe. Ihre Töchter fliegen als kaltäugige Krähen auf und davon, ihr Mann haut ab, um mit einer anderen in eine Kleinbürgeridylle abzutauchen. Von allen verlassen, irrt Lucie durch öde französische Provinzstädte und trifft überall auf Ablehnung und kalten Geschäftssinn. Ihre Zauberkünste reichen nicht aus, um damit Geld zu verdienen, und so landet sie im Gefängnis; die Lunte, die ein Polizist nach ihr wirft, zündet nicht - selbst für eine Hexenverbrennung reicht es nicht. Marie Ndiaye erzählt Lucies trauriges Schicksal als eisige Parabel vom Unsinn der Güte in einer gnadenlosen Welt.
Marie Ndiaye: "Die Hexe". Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Verlag Antje Kunstmann, München; 149 Seiten; 32 Mark. Martina Gollhardt
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JENSEITS PUR: Kaum ein literarisches Werk hat deutsche Nachdichter so gereizt wie das große Epos von der Jenseitsfahrt, in dem Dante Alighieri das Weltbild des Hochmittelalters aus Sicht der Ewigkeit summiert hat. Poetische Übersetzungen seiner Reise von der Hölle bis ins Paradies gibt es gleich dutzendfach. Doch dem häufig vertrackten Gehalt kommt Prosa näher. Darum hat der Schweizer Pädagoge Georg Peter Landmann für die Übertragung, die er kurz vor seinem Tod 1994 beenden konnte, auf Verse verzichtet. Stilistisch respektvoll dem großen Vorbild Stefan George verbunden, begleitet er das Weltgedicht mit sparsam-kundigen Erläuterungen. Das Ergebnis: Ein akkurater, ballastfreier Dante für Leser, die mehr als Unterhaltung suchen.
Dante Alighieri: "Die Divina Commedia". Übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg; 342 Seiten; 48 Mark. Johannes Saltzwedel
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SACHBÜCHER

DER SINN IM UNSINN: Als Karl Marx 1969 in der ersten Folge von "Monty Python's Flying Circus" in einer Game-Show um eine schnieke Polstergarnitur spielte, hatte er den einschlägigen Jargon drauf, aber von den tatsächlichen Interessen der werktätigen Massen wenig Ahnung: Wer das 1949er Cup-Finale gewonnen hatte, wußte er nicht. Die Pythons sind die Nuggets im Komikschlamm - da konnte sich auch im Unsinn ein Stück historische Wahrheit konkretisieren. Andreas Pittler ist zwar keine große Monographie über Cleese, Palin & Co. gelungen, aber sein ordentliches Handbuch verschafft Orientierung für die 45 TV-Folgen und diversen Kinofilme. Ein "guter Beipackzettel", wie er selbst schreibt. Und was für eine großartige krampflösende Arznei ist das! Wunderbar, wie der lustigste Witz der Weltgeschichte von den Engländern im Krieg eingesetzt wird, damit sich die Deutschen totlachen. Der deutsche Gegenwitz (the V-Joke) verfehlt seine Wirkung völlig: "Der ver zwei peanuts, valking down der strasse, and von vas ... assaulted! peanut." Stupid Krauts, sett iss not fanni!
Andreas Pittler: "Monty Python". Wilhelm Heyne Verlag, München; 256 Seiten; 16,90 Mark.
Sven Boedecker
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INFORMATIONS-TYCOON: Wer sind die Schulzen in McLuhans "globalem Dorf", was gehört ihnen und was stellen sie damit an? Das Autorenteam Kotteder/Ruge beantwortet diese Fragen anhand kundig recherchierter Porträts der Medientycoons Silvio Berlusconi, Leo Kirch, Rupert Murdoch, Sumner Redstone, Ted Turner und der Firmenprofile von Bertelsmann, Disney und Time Warner. Dabei zeigt sich, wie sehr diese Konzerne miteinander verflochten sind. Das läßt die Autoren dieses ansonsten sehr instruktiven Bandes bisweilen in Hugenberg-Phobie abkippen. Doch nicht Manipulation ist die Gefahr, sondern Verblödung, an deren Ende eine Gruppe mächtiger Schulzen und ein Heer von ihnen abhängiger Dorftrottel steht, betrunken von und ertrunken in der Informationsflut und verhungert auf der Suche nach Sinn.
Franz Kotteder/Clarissa Ruge: "Medienmoguln Meinungsmacher Marktbeherrscher". Wilhelm Heyne Verlag, München; 352 Seiten; 16,90 Mark. Wolfgang Limmer
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KRIMIS

DER MAIGRET VON CHICAGO: Einbrecher beobachtet Mord und muß bald vor Mörder und Polizei flüchten - das hatten wir doch schon mal. Aber bevor ein David Baldacci diese Idee vergeigte, gab es schon den vierten Chicago-Krimi mit Abe Lieberman. Inmitten der WASPs, Juden, Iren, Hispanics, Schwarzen und Chinesen, zwischen Uptown und South Side bringt Stuart Kaminsky gleich ein halbes Dutzend Plots unter. Meist steht der 62jährige Detective Lieberman dabei im Zentrum, mit grauen Haaren, viel zu hohen Cholesterinwerten und weiser Gelassenheit. Die Lieberman-Reihe darf man eine kleine Entdeckung nennen: Der Krimiveteran Kaminsky erzählt spannend, angenehm klischee-resistent, mit Gespür für Figuren, Atmosphäre und feinsinnigem Humor. Ein völlig durchgedrehter Rabbi etwa will Abe zum Verkauf seines Hauses zwingen. ",Der spinnt', sagte Lieberman. - ,Unorthodox', sagte Bess und gab ihrem Mann den Scheck des Rabbis - ,Reformiert', verbesserte Lieberman."
Stuart Kaminsky: "Liebermans Juwel". Aus dem Amerikanischen von Siegfried Wevering. Ullstein Verlag, Berlin; 256 Seiten; 12,90 Mark.
Sven Boedecker
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WONNEN DES UNGEWÖHNLICHEN: Zumindest die Heldin ist ungewöhnlich, eine farbenblinde Fotografin, die zwangsläufig (infolge ihrer Lichtempfindlichkeit) die Nacht dem Tag vorzieht und sich ebenso zwangsläufig für deren Geschöpfe interessiert, die Strichjungen und ihre Freier in einem entsprechend düsteren Viertel von San Francisco. Und weil dies - wie soll so ein Buch in der Fülle der Thriller sonst noch auffallen? - nicht genug scheint, werden da auch weiterhin die Wonnen des Ungewöhnlichen zelebriert, deren man so leicht müde wird. Um mörderische Obsessionen und Zauberei geht es in der sprunghaften Handlung und dazwischen auch noch um die sexuellen Aktivitäten der Heldin. Warum müssen Thriller nun auch noch immer erotisch sein? David Hunt soll ein Pseudonym sein; viel darüber rätseln wird man nicht - und ist ganz ungefährdet, es bei Lektüre der Heldin nach- und die Nacht zum Tag zu machen.
David Hunt: "Farben der Nacht". Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner. Wilhelm Heyne Verlag, München; 423 Seiten; 44 Mark. Erscheint am 15.8.
Annette Meyhöfer
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ERLAHMENDER PARKER-PUNCH: Der Witz fehlt immer öfter, Spenser ist in seinen Posen erstarrt, und die Plots waren schon packender: Robert B. Parkers Serie wird leider stetig schlechter, wenn auch auf vergleichsweise hohem Niveau. Im 23. Roman um den "gebildeten Schläger" aus Boston tut Spenser, inzwischen im Rentenalter, das, was er meistens macht: eine vermißte Person suchen - hier den ungeliebten Schwiegersohn eines Mafioso. Doch erst nach einem Schauplatzwechsel findet der Roman im Las-Vegas-Feeling seinen Rhythmus. Bei unermüdlich im gleißenden Sonnenschein blinkender Neonreklame müssen sich Spenser und Hawk mit den Machtphantasien eines Anabolika-verseuchten Killers herumschlagen. Trotz einiger Lichtblicke durchweht den Krimi aber ein US-Sprichwort als ständige Mahnung: "When the horse dies, get off!"
Robert B. Parker: "Letzte Chance in Las Vegas". Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Rowohlt Verlag, Reinbek; 252 Seiten; 12,90 Mark.
Sven Boedecker
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BILDBAND

FLUSSGÖTTER: Wem gehört fließendes Wasser? Die Fotografien des Schweizers Daniel Schwartz lassen den Eindruck aufkommen, als gehöre es den Menschen am Fluß, die durch das Auf und Ab der Gezeiten unmittelbar vom Segen und Fluch des Wassers, von Überschwemmungen und Dürre abhängig sind. Liest man dann aber den einleitenden Text des passionierten Südostasienkenners Tim Page, so erfährt und begreift man, daß die Wasser des Mekong, des Brahmaputra, des Irrawaddy, des Ganges und des Roten Flusses allein den Göttern zu eigen sein können. So wird beim Lesen und Betrachten der ausufernden Fotostrecken klar, daß Bangladescher, Burmesen, Khmer, Vietnamesen und Chinesen trotz unterschiedlicher Glaubensrichtungen eines gemeinsam ist: der Respekt vor den alten Gottheiten in den Wassern der Flüsse.
Daniel Schwartz: "Delta". Scalo Verlag, Zürich; 192 Seiten; 163 Abb.; 78 Mark.
Christiane Gehner

KulturSPIEGEL 8/1997
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