25.08.1997

DJ und Dieb

Der Theaterregisseur Stefan Pucher mixt aus Kulturmüll und Pop-Mythen neue Gesch ichten - und ist damit zur documenta X eingeladen.
VON GEORG DIEZ, FOTOS: KATHARINA BOSSE
Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Eine Worthülse für Sinnstreber und Tiefenbohrer, die in verstaubten Regalen nach der einzig gültigen Glaubensmaxime kramen; oder ein schönes Wort für Lumpensammler, Leichenfledderer und andere Herumtreiber, die lustvoll in dem Kulturmüll stöbern, der eben so umherschwirrt, für stilbewußte Langfinger, die sich aus dem Mythenfundus die Wahrheiten zusammenklauben, die ihnen gerade gefallen.
Eine Wohnung, irgendwo in Berlin, an einem Sommerabend. Dunkel wabern elektronische Klänge, punktiert von hellem Pochen. Über den Fernseher flimmert ein armer Android aus einer Star-Trek-Folge: Ausgerechnet Shakespeare will er spielen, und das auch noch nach der Stanislawski-Methode; aber die funktioniert nun mal nicht ohne Einfühlung. Da hilft dem kalten Kunstwesen auch das Argument nicht weiter, wenn schon er nicht dazu in der Lage sei, dann solle wenigstens das Publikum fühlen. "Ein schöner Kommentar auf Stanislawski", sagt Stefan Pucher vergnügt, als er den Videorekorder ausschaltet - eine Wahrheit ganz nach seinem Geschmack.
Nicht, daß Pucher mit dem russischen Theatertheoretiker auch nur irgend etwas am Hut hätte. Im Gegenteil, er wird im Theater ziemlich fuchsig, wenn da ein schlechtgelaunter Kerl auf der Bühne nach fünf Minuten immer noch behauptet, er sei der tragische Held Hamlet. "Das Theater spielt viel zuwenig mit dem Bild des Darstellers, mit den Selbstbildern, mit Präsenz, Rolle, Person", sprudelt es aus dem 32jährigen, der mit seinen grellgefärbten Stoppelhaaren aussieht wie der kleine Bruder von Rainald Goetz.
Auch Stefan Pucher macht Theater. Nur andersherum: Er sucht nicht die Welt im Text, den Menschen hinter den Worten; Pucher filtert den Alltag, scannt die Medienwelt, sammelt, klaut, kopiert, um daraus einen schnellen Performance-Remix zu produzieren. Der Theatermacher als DJ und Dieb.
"Sturzlangweilig" fand er früher Theater, legte lieber in Frankfurter Clubs Platten auf und ging ins Kino - bis er bei der Performance seines Mitbewohners einmal auf der Bühne stand. "Mich hat die Frage nicht mehr losgelassen, warum es so schrecklich war, dort zu stehen. Ich bin nicht ich, aber was bin ich dann?" In Frankfurts Theatern ist er danach mit Einar Schleef, der Wooster Group und all den anderen groß geworden und hat sein eigenes Theater-Fanzine "Fake" herausgegeben.
Seit er schließlich 1995 im Theater am Turm (TAT) "Zombie", einen "Horrortrip durch drei Jahrzehnte Kulturmasse", in Szene setzte, hat der damalige TAT-Leiter und jetzige Expo-Kulturchef Tom Stromberg ein wohlwollendes Auge auf ihn. Beim von Stromberg organisierten Theater-Marathon auf der Kasseler documen-ta X steht Pucher nun plötzlich für "zeitgenössische Energie" auf dem Theater - in einer Reihe mit Kollegen wie Christoph Marthaler, Michael Simon, Meg Stuart oder Jan Lauwers.
Zwei Plattenspieler, Mischpult, Sampler, Mikrofone und diverse andere elektronische Schachteln - Puchers Spielzeug und Arbeitsgerät, mit dem er mixt, verzerrt, beschleunigt, mit dem er Gehörtes und Gesagtes neu kombiniert und verändert. Aus dem Dunkel dringt die Stimme des toten Pop-Poeten Rolf Dieter Brinkmann: "Straßen, in poröses Grau versunken, leere Kreuzungen, schwärzlich abgeschattete Häuserfronten. Niemand ist mehr da." Dazu dröhnen die Trip-Hop-Beats der Dust Brothers.
Wenn die Welt auf ein einzelnes Hirn prallt: Brinkmanns Beobachtungen bei seinen Stadtgängen durch Köln, London oder Rom, authentisch, assoziierend und sehr wach, sind Puchers Leitmotiv - sich einklinken in den Strom der Bilder, Zeichen und Zustände, sich vom rhythmischen Sog der Sprache forttreiben lassen.
"Cultural Studies" nennt Pucher seine theatralischen Streifzüge durch den Mythendschungel des Pop - ein ironischer Verweis auf den hippen amerikanischen Forschungsansatz, der sich mit kulturellen Identitäten beschäftigt. Körper, Texte, Licht, Sound, Filmschnipsel auf Super 8, Realpartikel - daraus entwickelt Pucher das milchige Polaroid seiner Generation. Mit einer, wie er sagt, "perversen Lust" greift er sich sein Material, von Schubert bis zu den Pet Shop Boys, von den Splatter-Filmen George Romeros bis zu den kalten Texten eines Bret Easton Ellis, um es zum Schattenbild einer Sehnsucht zu verdichten.
"Ganz nah dran" nannte er 1996 seine einstündige Performance im Frankfurter TAT. Eine trendige Nacht im Club als Theater-Stück, mit dem DJ an einer weißen Flokati-Konsole als Impulsgeber, bei der Pucher doch keine andere Geschichte erzählte als damals Anton Tschechow über seine melancholischen Landflüchtlinge: Warum geht man jeden Abend aus und findet doch nicht, was man sucht; warum ist das Leben immer in Moskau und verdammt noch mal nie hier?
Puchers mal tanzende, mal torkelnde Figuren sind dabei im wahrsten Sinn Projektionsflächen, Körper, getrieben von fremden Geschichten, virtuelle Wanderer, solange die Musik spielt. Zu fahlen, nachgestellten Kindheitsclips auf Super 8 hört man die vertraute Stimme des 85jährigen Märchenerzählers Hans Paetsch, und die Figuren auf der Bühne singen leicht debile Cover-Versionen von Pop-Songs - die ernsten Hymnen einer Jugend, deren Tage im Morgengrauen enden und die ihre Erfahrungen aus Filmen und Büchern saugt. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal nüchtern Sex hatte." Und plötzlich wird dieser Satz von Bret Easton Ellis bewegliches Eigentum.
Pucher versteht es, auf der Klaviatur der Erinnerungen zu spielen und dabei den Sound der Gegenwart zu treffen. "Wir erinnern uns doch eher an die Filme, die wir gesehen haben", sagt er, "als an die Dinge, die wir mit unseren Eltern gemacht haben." Und so werden Ellis, Douglas Coupland oder Christian Kracht in "Ganz nah dran" zu Ersatzschreibern der eigenen Geschichte, liefern Erfahrungen aus zweiter Hand, die man so lange mit sich herumträgt, bis man nicht mehr weiß, ob Nigel und Nadja nun "Faserland" bewohnen oder nicht doch eher gute alte Bekannte sind. Irgendwann verschwinden die Texte, und was bleibt, ist die Traurigkeit: Willkommen im "Copy Club".
Unter diesem Namen präsentierte Stefan Pucher zusammen mit Berit Stumpf im Frühjahr 1997 in Hamburg auf Kampnagel und im Berliner Podewil das Projekt "Dreamcity - Die Stadt in Worten", das nun auch beim Zürcher Theater Spektakel zu sehen sein wird - eine trashige Gameshow über junge Stadtmenschen auf der Suche nach dem Glück. "My own private pop video" soll daraus entstehen, vor der Kulisse einer virtuellen Müllstadt aus Ziegelsteinen, Eierkartons und Tetra-Packs.
Mehr noch als in "Ganz nah dran" greift Pucher in "Dreamcity" nach der Welt dort draußen, überschreibt fremde Texte mit eigenen Geschichten - biographische Blitzlichter im Wortnebel der Städte. Und es ist völlig egal, ob die eigene Geschichte, die die nachtschwärmerischen Untoten erzählen, nun wahr ist oder nicht: Hauptsache ist, daß sie wahr sein könnte.
Wie sein heimlicher Weggefährte Brinkmann, der Pop-Zombie, hat Stefan Pucher die "Tendenz, zu gebrauchen, was mir gefällt". Aber das geschieht nicht wahllos, und Pucher wehrt sich auch dagegen, sein Theater auf "dieses Pop-Phänomen" reduzieren zu lassen. Sein Besuch im Pop-Fundus hat einen klaren Grund: Puchers Blick zurück ist nach vorn gerichtet. Und damit ist er auf einmal ganz nah bei der Kasseler documenta-Chefin Catherine David und deren etwas schwammigem Gerede von der Retroperspektive. Kein autonomes Kunstwerk also, sondern eine Kunst, die sich von ihrem Kontext her bestimmt. Oder in Puchers Worten: "Gucken, was da war und was man daraus machen kann."
Nach dieser Maxime wird er auch in Kassel, wo er zusammen mit der deutsch-englischen Gruppe "Gob Squad" eine unterirdische Straßenbahnhaltestelle bespielen wird, an die Sache herangehen. Ein Tunnel, zwei Gleise, Rolltreppen, Säulen, Plakatwände: ein, wie Pucher findet, "komischer Durchgangsraum", der schon die Richtung für die 15-Minuten-Performance vorgibt. Eine extrem öffentliche Situation, wo sich die Leute auf die Füße treten, nicht bleiben, ausgespuckt werden. Und trotzdem die Frage: Was würde ich machen mit diesen 15 Pop-Minuten, die Andy Warhol jedem von uns zugestanden hat?
So genau weiß das Stefan Pucher alles noch nicht an diesem Sommerabend in Berlin. Er ist müde und erkältet - aber anstatt sich ins Bett zu legen, geht er noch aus.
***
"Dreamcity" von Stefan Pucher & Copy Club: 26.-28.8. beim Zürcher Theater Spektakel, Tel. 0041/1/216 30 30.
"Theaterskizzen" von Stefan Pucher und anderen: 5.-7.9. auf der Kasseler documenta, Tel. 0561/70 72 70.
Von Georg Diez

KulturSPIEGEL 9/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie