24.09.2012

Verdrängen ist falsch

Darf man dem Attentäter Anders Behring Breivik eine Bühne bieten? Der Regisseur Milo Rau tut es - und er hat gute Argumente.
W ie viel Raum soll der Täter bekommen? Die Frage, die schon während des Osloer Prozesses gegen Anders Behring Breivik diskutiert wurde, steht jetzt erneut im Raum: Europaweit beginnen Theatermacher, sich mit dem rechtsextremen Terroristen auseinanderzusetzen. Auch der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau hält das Theater für ein ideales Medium, um "die beklemmende, zwingende Unlogik" von Breiviks Argumentation offenzulegen und so "Verdrängtes sicht- und diskutierbar" zu machen. Der 35-Jährige, der mit großem Erfolg das "Reenactment" - die künstlerische Rekonstruktion realer historischer Ereignisse - als politisches Theaterformat etabliert hat, bringt mit "Breiviks Statement" in Weimar und Berlin die Rede auf die Bühne, die der Attentäter am 17. April dieses Jahres vor dem Gericht hielt. Die Anhörung war für die Öffentlichkeit gesperrt. Auch der Text ist nicht frei verfügbar; er basiert auf der Steno-Mitschrift einer Gerichtsreporterin. Der Regisseur versucht gar nicht erst, den Terroristen zu inszenieren oder dessen krudes Manifest zu dramatisieren: "Breivik als Person ist für mich total uninteressant." Rau lässt den Text deshalb von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan sprechen. Die nüchterne Analyse bringe zutage, sagt Rau, wie erschreckend anschlussfähig Breiviks Äußerungen an einen allgemein anerkannten rechtsnationalen Diskurs seien: Etliches davon würden "in Deutschland bis zu 80 und in der Schweiz bis zu 90 Prozent der Bevölkerung unterschreiben".
Breiviks Statement.
Weimar, 19.10., www.national theater-weimar. de; Berlin, 27.10., www. theaterdis counter.de
Von Christine Wahl

KulturSPIEGEL 10/2012
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