29.01.1996

Die Schmiede

An der Düsseldorfer Akademie werden Stars der Kunstbranche gemacht. Im Februar sind Professoren, Studenten und ihre Werke zu besichtigen. Von Claudia Voigt
In der Klasse des Malers Markus Lüpertz herrscht dicke Luft. Schuld ist nicht der Terpentingeruch, sondern der Meister selbst: Seine Schüler sollen an Selbstporträts arbeiten - so die Anordnung des Kunstprofessors. Nun machen die Studenten muffige Mienen und malen ernste Gesichter - die Zwangsarbeit paßt ihnen nicht ins Konzept.
Der Unmut ist verständlich: Anfang Februar werden Ateliers und Treppenhaus der Düsseldorfer Kunstakademie zum riesigen Ausstellungsraum, und ausgerechnet die Klasse des Rektors wird sich dann mit unfreiwillig entstandenen Selbstbildnissen präsentieren müssen. Alle, alle werden schließlich da sein zur großen Jahresausstellung, dem sogenannten Akademie-Rundgang: Galeristen auf Talentsuche, Kunstsammler in Schnäppchenlaune und Düsseldorfer, die eher wegen der vielen Künstler als der Werke kommen.
Vergangenes Jahr waren es rund 12000 Besucher. Viele handeln den Rundgang als Mini-Documenta - die Düsseldorfer Bildungsstätte gilt als besonders fruchtbares Biotop für künftige Stars: Keine andere deutsche Akademie hat so viele Documenta-Teilnehmer hervorgebracht.
Die Auslese ist hart - für Lehrer wie für Schüler. In Düsseldorf erhalten nur international anerkannte Künstler eine Professur und von 1000 Bewerbern pro Semester wird nur jeder 20. zum Studium zugelassen.
Wer durch die langen kahlen Gänge des 200 Jahre alten Gebäudes schlendert, wird fast ein wenig ehrfürchtig. An den stets geschlossenen grauen Türen hängen die Namensschilder von A. R. Penck und Jannis Kounellis, von Bernhard Becher und Tony Cragg. Weniger berühmt, dafür aber erfolgreich als Lehrer künftiger Kunststars ist Fritz Schwegler, der während seiner 20 Jahre an der Akademie beispielsweise Katharina Fritsch und Martin Honert - die auf der vergangenen Biennale den deutschen Pavillion gestalteten - und fünf Teilnehmer der Documenta '92 ausgebildet hat.
Wie ein Karriereschmied wirkt der 60jährige allerdings nicht, eher väterlich und äußerst zurückhaltend. "Ich möchte, daß meine Studenten über mich hinauswachsen", sagt er vorsichtig. "Ich bin nur eine Durchgangsstation, und das ist gut so."
Seine jetzigen Schüler schätzen ihn, "weil er sich wirklich kümmert". Mehrmals in der Woche schaut er ihnen bei der Arbeit über die * Schulter, ohne sich in den Entstehungsprozeß mit mehr als einem Halbsatz einzumischen. "Kein Ketch-
up, nur Salz", rät er etwa seiner Schülerin Judith Samen, die beim Rundgang einen Holztisch zeigt, auf dem sich ein Berg Pommes frites türmt.
Neben Tips verteilt der Professor an seine Studenten auch selbstgemachtes Trockenobst und israelischen Kaffee. Und anders als viele seiner Kollegen kennt er sogar den Weg in die Gips- und Holzwerkstätten. Dort beratschlagt er mit Sonja Alhäuser, welche Süßwarenfabrik das Material für ihre 150 Kilo schwere Schokoladenpferd-Skulptur spendieren könnte. "Lindt wäre natürlich lecker, aber Stollwerck ist stabiler."
Schwegler stärke das Selbstvertrauen in die eigene Arbeit, sagen seine Schüler - ein mächtiges Kompliment. Und eine von vielen Antworten auf die Frage, was man an einer Kunstakademie eigentlich lernen kann. Denn in einem Punkt sind sich Professoren und Studenten einig: Kunst an sich ist nicht lehrbar.
"Man kann hier in Ruhe herausfinden, was einen bildnerisch interessiert und warum man eigentlich malt", sagt Hans Beversdorff. Er ist Tutor in der Klasse von Professor Konrad Klapheck, der mit seinen monumentalen Schreibmaschinen als neuer Realist bekannt wurde. Klapheck ist für seine Studenten so etwas wie ein Entertainer - eine Rolle, mit der er keine Probleme hat. "Wenn wir über die Arbeiten sprechen, bin ich dafür verantwortlich, daß es nicht zu langweilig wird." Die Gefahr besteht allerdings selten. Bei den Gruppendiskussionen kommen die Studenten richtig zur Sache. Der Kommentar "Das Bild halte ich nicht aus" gilt noch als qualifizierte Kritik, und manche erholen sich tagelang nicht von den vernichtenden Urteilen ihrer Mitschüler. Dennoch meinen alle, daß diese Form der Auseinandersetzung nötig sei - "schließlich soll einen das Studium auf den Existenzkampf danach vorbereiten".
Das Härtetraining zahlt sich allerdings nur für etwa vier Prozent der Absolventen aus, die übrigen können erfahrungsgemäß von der Kunst allein nicht leben. Und so stellen sich schon jetzt einige darauf ein, ihr späteres Leben als Raumausstatter oder Nachtportier, als Grafiker oder Taxifahrer zu finanzieren.
Ein Grund zu gelegentlicher Schwermut, die aber zwei Wochen vor dem Rundgang von Arbeitselan überlagert wird. In Klaphecks Klasse entstehen dann naive oder altmeisterliche Gemälde, wilde oder monochrome Bilder. Beversdorff etwa malt an mehreren Leinwänden gleichzeitig, in der Ecke stapeln sich seine fertigen Werke. Noch weiß er nicht, was er bei der Jahresausstellung zeigen wird und scheint die Entscheidung hinauszuzögern: "Sobald ich ein Bild ausstelle, schließe ich damit ab, und das ist immer auch ein bißchen traurig."
Das Semester über arbeitet jede Klasse für sich, verschanzt im eigenen Atelier. So birgt der Rundgang auch für die Studenten Überraschungen - erst in dieser einwöchigen Arbeits-
pause lernen sie die Werke der anderen richtig kennen.
Die Bildhauerklasse von Tony Cragg nutzt die Öffnung fürs Publikum vor allem als Zäsur: "Endlich fliegt der ganze Schrott raus." Einen Tag lang setzen die Jungkünstler den Boden ihres Arbeitsraums unter Wasser, um den festgetretenen Gips und Ton aufzuweichen. Dann wird geschrubbt und gestrichen, und nach einer Woche Plackerei ist der Arbeitsraum eine Ausstellunghalle, in der sich die Jahreswerke behaupten müssen. Manche Skulptur wirkt dann plötzlich nicht mehr weiß, sondern blaß.
Cragg würde am liebsten jede Öffentlichkeit vom Rundgang verbannen: Es sei "ein großer Blödsinn", Arbeiten auszubildender Künstler in einer so vielbeachteten Ausstellung zu präsentieren, "schließlich sind wir eine Akademie und keine Kirmes".
Solcher Hochmut ist nicht selten an der Kunstschmiede. Vor allem Lüpertz schürt heute als Rektor den Ruf der elitären und unnahbaren Akademie. Die Zulassungskriterien waren aber schon immer streng, selbst Joseph Beuys konnte daran nichts ändern. Beuys ("Jeder Mensch ist ein Künstler") öffnete Anfang der siebziger Jahre seine Klasse auch für Bewerber, welche die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatten. Unterstützt von 54 nicht zugelassenen Studenten, besetzte er im Herbst '72 das Akademie-Sekretariat, um für alle einen Platz zu erkämpfen.
Es wurde ein kurzer Sitzstreik: Nach 20 Stunden erhielt der Professor * vom Wissenschaftsminister seine Kündigung. Und die Düsseldorfer Akademie erlangte zweifelhaften Weltruhm als jene Kunstschule, die einen Beuys ziehen ließ.
"Das waren die Zeiten des politischen Vergnügens", sagt Lüpertz, "die haben wir glücklicherweise hinter uns. Heute leben wir in einer Zeit der Arbeit."
Das ist besonders in der Klasse von Gerhard Merz zu spüren. 138 Stufen muß man steigen, um zum höchsten Ort der Akademie zu gelangen. Und dann strahlt von den kahlen Wänden nur makelloses Weiß, nichts Buntes ist zu entdecken außer dem Lippenstiftroten Mund einer unglücklich dreinschauenden Studentin. In der Mitte des Raums, auf einem Holztisch, steht eine beigefarbene Plastik, die an einen schnörkellosen Tannenbaumständer erinnert. Es ist eines von zwei Objekten, die beim Rundgang ausgestellt werden - ohne Nennung eines Künstlers, denn in den beiden Werken soll sich die Kunstauffassung der ganzen Klasse widerspiegeln. "Wir wollen nichts erzeugen, das vorübergehend kunstwürdig erscheint", erklärt Merz. Der Studentin mit den roten Lippen steigen die Tränen in die Augen. Ihre Arbeit konnte den strengen Maßstäben nicht standhalten und wurde ausgemustert. In der Merz-Klasse herrschen kluge Gedanken - und ein kühles Klima.
Wer dann am Ende für die Anstrengungen und Enttäuschungen der letzten Monate nicht damit entschädigt wird, daß ein Besucher beim Rundgang besonders lange vor seinem Werk verweilt, den tröstet vielleicht ein Spruch von Ad Reinhardt: "Eine Hochschulausbildung", schrieb der amerikanische Maler, sei für einen Künstler "absolut notwendig, damit er lernt, daß sie nicht absolut notwendig ist".
Von Claudia Voigt

KulturSPIEGEL 2/1996
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