29.04.1996

SCHLUSS MIT DEM SCHWEIGEN IM WALDE

Ein kunstsinniger Bauunternehmer als Mäzen, ein eigensinniger junger Mann als Direktor und ein berühmter Ausstellungsmacher als Mentor - gemeinsam wollen die drei in Zeiten überall gekürzter Kulturetats inmitten der voralpenländischen Provinz ein kleines Kunstwunder herbeizaubern.
Der Stuhl sieht ziemlich ramponiert aus. Bekümmert blickt Boris von Brauchitsch auf den tiefen Kratzer in der hölzernen Sitzfläche. "Das ist mir peinlich", sagt er. Den Stuhl hatte er sich nur geliehen, um auszuprobieren, ob er sich als Möbelstück für sein Museumscafé eignet. Arbeiter hatten das neue Stück dann achtlos in den Hof geworfen, vermutlich, weil er ihnen im Weg stand, als sie Leitungen verlegen wollten oder so etwas.
Jetzt will von Brauchitsch ihn neu lackieren. Oder vielleicht doch besser erst abschmirgeln? Er ist inzwischen gewohnt, alles selber zu machen, ob er nun "zu fünf Ämtern laufen muß, um ein Hinweisschild zu beantragen", oder ob er Briefpapier bestellt oder eben Caféstühle aussucht.
Aber dafür ist das Museum auch sein Projekt, zum großen Teil zumindest. Es handelt sich um ein verdammt ehrgeiziges Vorhaben: Der Kunsthistoriker von Brauchitsch, 32, ist Leiter des Kunsthauses Kaufbeuren, das in ein paar Wochen eröffnet. Von diesem Tag an soll die Kleinstadt im Allgäu wenigstens kulturell nicht mehr Provinz sein.
"Zwischen Augsburg, München und dem Bodensee gab es bisher keine Kunsthalle, die sich mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzt", sagt von Brauchitsch. Nun aber ist da Kaufbeuren. Und jetzt soll nicht mehr München eine Stunde von Kaufbeuren entfernt liegen, sondern die Münchner sollen in einer Stunde in Kaufbeuren sein. Ein Fall von kulturbegeistertem Größenwahn mitten in der voralpenländischen Pampa?
Hans Dobler, 76, hatte jedenfalls immer Bedeutendes im Sinn, seit er die kühne Idee in die Welt setzte, der Stadt ein Museum zu spendieren. Daß nur mal hier und da irgendeine Ausstellung stattfand und daß es keine Räume für die Horst-Janssen-Sammlung seines verstorbenen Bruders gab, das hatte Dobler schon lange geärgert. Und als irgend jemand davon gesprochen hatte, daß eine Kunsthalle her müsse, aber leider kein Geld da sei, hatte er spontan gesagt: "Ich bezahle das." Und dann konnte er natürlich nicht mehr zurück.
Als größter Bauunternehmer weit und breit hatte der diplomierte Architekt Dobler mit Haus- und Straßenbauten jahrzehntelang gut an Kaufbeuren verdient; nun hat er seiner Heimatstadt einiges davon zurückgegeben. 3 Millionen sollte der Neubau zunächst kosten, 3,7 Millionen Mark wurden es dann doch, aber das kannte er schon aus eigener Erfahrung. Weitere 3 Millionen hat Dobler einer neu gegründeten Stiftung geschenkt, aus der ein Teil des jährlichen Kunsthaus-Etats finanziert wird.
Außer Henri Nannen, der 1986 in Emden für mehr als 10 Millionen Mark ein Museum baute und ausstattete, gebärdete sich in Deutschland kaum ein Mäzen großzügiger.
Das Kunsthaus war schon die dritte Spende des Ruheständlers: Vor ein paar Jahren ließ er ein Seniorenheim errichten, wo einige Altstadthäuser erbärmlich vor sich hin rotteten. Und dann hat er der Stadt noch ein Bild des Renaissance-Malers Hans Has geschenkt. "Aber jetzt reicht's mit dem Spenden", erklärt Dobler, als er in Turnschuhen und Trainingshose durch den fast fertigen Kunsthaus-Bau flaniert, "meine Frau hat auch gesagt, nun ist Schluß." Außerdem habe er ohnehin kein Geld mehr. "Da ist noch genug übrig", sagt hingegen der Oberbürgermeister Andreas Knie. Und lacht. Aber nur kurz. Schließlich will er nicht unhöflich sein.
Nein, Dankbarkeit ist offensichtlich passender, denn Doblers Spende kommt zu einer Zeit, da es der bayerischen Stadt nicht besonders gutgeht. "2000 Arbeitsplätze hat Kaufbeuren in den vergangenen vier Jahren verloren", sagt Knie. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über zehn Prozent; beim Kulturetat mußte - wie in anderen Städten auch - kräftig gespart werden.
Für die Gemütslage der Einwohner sei das Kunsthaus endlich ein positiver Impuls, sagt der Oberbürgermeister. Der Stolz der Stadt soll das Ding werden. Auch wenn es den Arbeitslosen vielleicht mehr genützt hätte, wenn Dobler sieben Millionen in einen neuen Betrieb investiert hätte, anstatt drei Stellen im Kunsthaus zu schaffen.
Doch vielleicht hilft das Kunsthaus der Allgäuer Wirtschaft oder der Gastwirtschaft wenigstens - wenn nämlich die Tagestouristen nicht immer nur Richtung Füssen zu den Königsschlössern fahren, sondern auch mal einen Abstecher nach Kaufbeuren machen, um dort eine Ausstellung zu besuchen. Zumindest ein großes Vorbild gibt es: Jedes Jahr reisen Hunderttausende nach Tübingen, um Schiele oder Degas oder Toulouse-Lautrec zu sehen. Zwar ist das eine metropolennahe Universitätsstadt, und auch die Ausstellungsfläche ist fast doppelt so groß wie die des Kunsthauses. Doch ein paar zehntausend, so das Kaufbeurer Kalkül, könnten es pro Jahr auch ins Allgäu schaffen.
Es hat nicht viele Gegenstimmen gegeben, als der Plan für die Bebauung des alten Spitalhofes verkündet wurde. "Nur die üblichen Querulanten", sagt Dobler und winkt ab. Egal. Und auch der Entwurf für das schlanke, große Gebäude mit 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche kam in der Stadt gut an: Historisierend und modern zugleich ist die Architektur des langgestreckten, weiß verputzten Kunsthauses mit angeschlossenem Glasturm. Das leicht gerundete Blechdach ist den mittelalterlichen Nachbarhäusern nachempfunden, die früher kreuz und quer errichtet wurden.
Der Architekt des Hauses, Klaus Kehrbaum, habe früher mal in seiner Baufirma gearbeitet, sagt Dobler stolz. So ein bißchen Übervater möchte er doch sein, obwohl er betont - und dabei den erhobenen Zeigefinger schwingt -, daß er nur im Beirat des Kunsthauses sitze und nicht stimmberechtigt sei. Ursprünglich hatte er das Kunsthaus mehr oder weniger um die Horst-Janssen-Sammlung seines Bruders herum- bauen wollen, aber das hat ihm der Leiter des Hauses der Kunst in München, Christoph Vitali, dann ausgeredet.
Ein bißchen Janssen sei in Ordnung, doch auf Dauer seien Besucher nur mit wechselnden Ausstellungen anzulocken. "Dobler hat schon so etwas Autoritäres", erinnert sich Vitali amüsiert. Der Schweizer Vitali, einer der profiliertesten Ausstellungsmacher der Republik, hat den Mäzen aber schließlich doch überzeugt.
Der Architekt Kehrbaum war es, der Vitali zunächst um fachmännischen Rat gebeten hatte, als die Bauplanung begann. Später half Vitali dann, den Leiter für das Kunsthaus auszuwählen. Er fuhr nach Kaufbeuren und sah sich fünf Kandidaten an. Von Brauchitsch leitete damals eine Galerie in Frankfurt und ragte, so Vitali, aus seinen Mitbewerbern heraus, "weil er gewandt, locker, sicher und ideenreich war".
Von Brauchitsch habe sich vor dem Vorstellungsgespräch mit der Lokalgeschichte Kaufbeurens befaßt und ein Ausstellungsprojekt zum Thema Heimat vorgeschlagen. Den Titel "Das Schweigen im Walde" hatte er von einem Werk Ludwig Ganghofers übernommen, der in Kaufbeuren geboren wurde. Da haben die Kaufbeurer Jurymitglieder erst mal schlucken müssen. Ihr Kunsthaus soll doch überregionale oder besser noch nationale Bedeutung haben. Von Brauchitsch hat sie beruhigt: Wenn die Ausstellung im Sommer eröffnet wird, dann werden auch Werke internationaler Künstler zu sehen sein.
Auf monumentale populäre Retrospektiven, die Tübingens Erfolgsrezept sind, wollen die Kaufbeurer verzichten. Bei einem Etat von 150 000 Mark in diesem Jahr, den von Brauchitsch mit Eintrittsgeldern und Sponsorenspenden aufbessern muß, sind Ausstellungen mit dem klassischen Kunstkommerz von Degas bis Renoir finanziell ohnehin nicht drin. "Ein kleines Museum kann aber neue Impulse geben", sagt von Brauchitsch, "wenn man wenig bekannte Künstler nimmt und eine Konfrontation herstellt." Außerdem sei er "nicht so ein geleckter Kunstmakler", sondern jemand, der "die Sache etwas unkonventioneller angehen läßt".
Und so werden bei der Eröffnungsausstellung Holzmasken aus Burkina Faso neben abstrakten, farbstarken Ikonen des - auf dem Kunstmarkt derzeit extrem teuer gehandelten - russischen Malers Alexej von Jawlensky hängen. "Ein klassischer, versöhnlicher Einstand", sagt von Brauchitsch, und Mentor Vitali spricht von einer "guten Idee" - auch wenn er diese Kombination zwischen klassischer Moderne und primitiver Kunst "ein bißchen zu naheliegend" findet.
Den meisten Kaufbeurern sind von Brauchitschs Ideen eher ein bißchen zu gewagt. Eigenwillig und eigensinnig sei der junge Mann, sagt der Oberbürgermeister und lächelt wohlwollend. Aber das sei auch notwendig, wenn von Brauchitsch seine Linie gegen alle möglichen Einmischungsversuche durchsetzen wolle. Schwierigkeiten hatte von Brauchitsch beispielsweise mit dem Kulturring, der seit jeher Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen in Kaufbeuren veranstaltet. Die Organisatoren hatten sich bereits auf ihr neues Kunsthaus gefreut. Daß dann aber ein junger Mann aus Frankfurt die Leitung übernahm, das sei für die Leute vom Kulturring, berichtet er, doch "ein bißchen bitter" gewesen.
In Münchner U-Bahn-Stationen sind mittlerweile die ersten, ziemlich rätselhaften Plakate geklebt. Ein paar Gesichter sind darauf zu sehen. Fotos der Handwerker, die das Kunsthaus gebaut haben, und auch ein Bild des Direktors. Ansonsten steht nur "17. Mai 1996. Kunsthaus Kaufbeuren" auf den Plakaten. An diesem Tag ist Eröffnung - und dann soll das Kunstwunder in der Provinz ganz schnell Wirklichkeit werden.
MARIANNE WELLERSHOFF
Von Marianne Wellershoff

KulturSPIEGEL 5/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 5/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle