29.10.2012

Die Künstlerin Marina Abramovi#263, 65, über Schmerz, Kinder und ihre eigene Beerdigung

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Marina Abramović An meinen 17. Geburtstag erinnere ich mich gut, weil ich nur geweint habe. An diesem Tag ist mir bewusst geworden, dass ich sterblich bin.
Warum ausgerechnet an diesem Tag?
Das weiß ich nicht. Aber durch die Erkenntnis, dass mein Leben begrenzt ist, ist mir klar geworden, dass ich, wenn ich etwas erreichen will, keine Zeit verschwenden darf. Ich wollte unbedingt Künstlerin werden, ich habe gemalt und Gedichte geschrieben. Mit 17 hatte ich dann auch schon meine erste Ausstellung.
Durch Ihre Mutter hatten Sie eine gewisse Vorstellung davon, wie das Leben eines Künstlers aussieht.
Meine Mutter war die Direktorin des Revolutionsmuseums in Belgrad. Schon als kleines Kind nahm sie mich mit in Ateliers und Museen.
Was hat sie zu Ihren Arbeiten gesagt?
Sie hat mir Mut gemacht, solange ich gemalt habe. Aber als ich mit den Performances anfing, war das vorbei. Als meine Mutter vor ein paar Jahren gestorben ist, habe ich ihr Haus ausgeräumt und dabei auch die Bücher über mich gefunden, die ich ihr geschickt habe. Sie waren merkwürdig dünn und zerfleddert. Meine Mutter hat die Bücher ihren Nachbarn und Freunden gezeigt, aber vorher alle Fotos rausgerissen, auf denen ich nackt war. Es war nicht viel übrig von meinem Werk in diesen zensierten Ausgaben.
Sie haben Belgrad 1975 verlassen und sind heute auf der ganzen Welt bekannt.
Neben meinem Traum, eine große Künstlerin zu werden, habe ich immer davon geträumt, einmal um die Welt zu fahren - das habe ich getan, buchstäblich.
Haben Sie je von einem normalen Familienleben geträumt?
Ja, natürlich. Mit Ulay habe ich zwölf Jahre zusammengelebt, und mit Paolo Canevari war ich sogar verheiratet. Aber es ist tragisch. Meine Arbeit kommt immer an erster Stelle, das ist für jeden Mann schwierig. Im Moment gibt es niemanden in meinem Leben, nicht einmal eine Schildkröte. Ich glaube, dass Frauen bis heute nicht die gleiche Stellung in der Kunst haben wie Männer, liegt daran, dass sie nicht bereit sind, so viel zu opfern. Sie wollen nicht auf die Erfahrung verzichten, Kinder zu bekommen, Leben zu schaffen. Sorry, bad news: Du kannst nicht alles haben. Louise Bourgeois ist erst zur großen Künstlerin geworden, als ihr Mann tot war. Da war sie über sechzig.
Was war der schmerzhafteste Moment in Ihrem Leben?
Oh. Da gab es viele. Das schmerzhafteste Erlebnis ist immer das, das einem zuletzt weh getan hat. Das war die Trennung von Paolo. Es sind immer solche privaten Sachen; was die Arbeit betrifft, habe ich keine schmerzhaften Erfahrungen gemacht.
Das klingt seltsam, wenn man Ihre Arbeit kennt: Zu Ihren berühmtesten Performances zählen Aktionen, bei denen Sie fast im Feuer erstickt wären oder sich blutig schlugen.
Das ist nur körperlicher Schmerz. Das ist mein Werk, damit geht es mir gut. Wirklich schmerzlich sind die privaten Sachen. Aber Schmerz ist wichtig, durch Schmerz wächst man und transzendiert.
Für Ihre Beerdigung haben Sie festgelegt, dass in Belgrad, Amsterdam und New York, den drei Städten, in denen Sie am längsten gelebt haben, jeweils ein Sarg aufgebahrt werden soll. In welchem wird Ihr echter Leichnam liegen?
Das soll nie jemand erfahren, nur mein Anwalt weiß Bescheid.
Die meisten Menschen wollen spätestens bei ihrem Tod zurück in ihre Heimat.
Nach Belgrad, meinen Sie? Ich finde, meine Stadt hat mich nicht verdient. Ich wurde dort nie gefördert, man hat mir meinen Erfolg im Ausland nicht gegönnt. Das ist einfach nur traurig.
Marina Abramović ist eine weltweit gefeierte PerformanceKünstlerin; sie lebt in New York. Am 29.11. kommt der Dokumentarfilm "The Artist Is Present" über ihre jüngste Aktion in die Kinos.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 26. November 2012.
Von Anke Dürr

KulturSPIEGEL 11/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Sibiriens ungewöhnlichster Strand: Gletscher im Grünen
  • Deutscher Neu-Astronaut: Der China-Mann
  • Weltrekord: Die Welt hat eine neue steilste Straße