24.06.1996

Beach Boy

Er spielt hart und laut und rangiert in den USA gleich hinter Elvis: Dick Dale, der Erfinder des Surf-Sounds.
Spiegel Extra: Mr. Dale, Sie werden als ein König der Popmusik gefeiert.
Dick Dale: Richtig. Es gibt im Rock'n'Roll nur zwei Menschen, die diesen Titel tragen dürfen. Das war natürlich Elvis - "The King" -, und dann komme ich, Dick Dale - "The King of the Surf Guitar".
Spiegel Extra: Sie gelten zwar als Erfinder der Surf-Musik; trotzdem denken die meisten bei Surf-Musik erst mal an die Beach Boys.
Dick Dale: Nur in Europa. Surf-Musik sollte Dick-Dale-Musik heißen, das wäre gerecht, und außerdem wäre dann alles klar.
Spiegel Extra: Tolerieren Sie die Beach Boys als Prinzen im Königreich Surf?
Dick Dale: Ich mag die Beach Boys. Nette Jungs, keine Frage. Sie haben früher für zehn Dollar meine Konzerte eröffnet. Ich habe Brian Wilson erklärt, wie er seine Gitarre halten muß. Aber er und seine Boys waren Kinder, als ich schon ein Star war.
Spiegel Extra: Kalifornien gilt in Europa als mystischer Ort: ein endloser Strand, an dem schöne Menschen tagaus, tagein surfen und in der Sonne liegen.
Dick Dale: Genauso war es. Ich bin in Boston geboren, aber erst, als meine Eltern 1954 nach Kalifornien zogen, begann mein Leben. Ich war 16, sah zum erstenmal ein Surfbrett und riesige Wellen und dachte mir Woooooooow! Bald führte ich eine Gang von 17 Jungs an. Wir nannten uns "The Sultans of South West California", fuhren Motorrad und surften. Abends saßen wir am Strand, und ich spielte Gitarre.
Spiegel Extra: Klingt verdammt romantisch.
Dick Dale: Im Gegenteil. Es war wüst, ich habe so schnell gespielt wie ich nur konnte, und das war rasant.
Spiegel Extra: Was hat Sie so wild gemacht?
Dick Dale: Die Wellen, Junge, die Wellen. Die haben mir alles vorgesungen.
Spiegel Extra: Was sangen sie?
Dick Dale: So was wie: Dicca da dicca da dicca da dic ...
Spiegel Extra: Waren Sie der einzige, der das Meer verstanden hat?
Dick Dale: Offensichtlich. Wellenreiten ist wie Magie. Wenn du über den Wellen schwebst, allein mit dem Meer, gelangst du in eine andere Welt. Da hörst du nichts außer den Liedern von Mutter Natur. Leider können die meisten nicht zuhören.
Spiegel Extra: Aber Sie haben's ihnen beigebracht.
Dick Dale: Rock'n'Roll galt damals noch als "Teufelsmusik". Entsprechend öde ging es in den Ballrooms am Strand zu. Eines Abends flehten meine Jungs deshalb: "Bitte Dick, zeig allen, wie eine Gitarre klingen muß." Das tat ich. Und hatte schnell eine Menge Fans.
Spiegel Extra: Zu denen gehörte auch der Gitarrenbauer Leo Fender.
Dick Dale: Leo hörte mich eines Nachts spielen und sagte: "So was Unglaubliches habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört." Ich antwortete: "Das war gar nichts. Wenn ich eine anständige Gitarre besäße, könnte ich jederzeit den Himmel herunterreißen." "Dann tu das", sagte er und kam einige Tage danach mit einer Gitarre an, die er gerade entwickelt hatte: der Fender Stratocaster.
Spiegel Extra: Was war an der so besonders?
Dick Dale: Alles. Sie hat eine unglaubliche Energie. Vielleicht, weil ich sie mit Metall beschlagen ließ und Saiten aufzog, die so fest wie Stahlseile waren. Wenn ich sie berühre, faucht sie wie ein gewaltiger Löwe. Deshalb habe ich sie "The Beast" getauft, und deshalb spiele ich darauf bis heute.
Spiegel Extra: Wie hat das Instrument über drei Jahrzehnte Ihrer Hochgeschwindigkeit standgehalten?
Dick Dale: Weil ich mit ihr besser umgegangen bin als die Menschen mit dem Meer. Deswegen kann ich heute noch auf ihr spielen, aber nicht mehr surfen.
Spiegel Extra: Sie haben pro Song bis zu acht Plektrons verschlissen. Wie kommt es, daß Sie noch alle Fingerkuppen haben?
Dick Dale: Keine Ahnung. Die Saiten haben sich immer wieder in meine Finger gefräst. Zzzzzzzzzzzz, oft bis in die Knochen. Tut verdammt weh. Auch wenn ich heute auf der Bühne das Gesicht verzerre, ist das der nackte Schmerz. Aber ich bin ein harter Junge mit verdammt harten Fingern.
Spiegel Extra: Ist Gitarrespielen gefährlicher als Surfen?
Dick Dale: Surfen ist wie guter Rock'n'Roll: schnell und gefährlich. Nach riskanten Wellenritten bin ich oft bewußtlos an den Strand gespült worden. Mein Körper hat 'ne Menge Narben - vom Surfen und Gitarrespielen.
Spiegel Extra: Ihre ersten Platten waren sehr erfolgreich.
Dick Dale: Mein Debüt-Album "Surfers Choice" hat sich schon damals fast hunderttausendmal verkauft. Ich bekam darauf sogar einen Vertrag mit einem Vorschuß von 50000 Dollar. Das war mehr, als Elvis zuvor bekommen hatte. Aber er hat mir gratuliert.
Spiegel Extra: Der "King" soll zu Ihren größten Fans gehört haben.
Dick Dale: Wir waren Freunde. Wir haben jahrelang gemeinsam Karate trainiert, und ich habe ihm einige Tricks an der Gitarre beigebracht. Er lud mich unentwegt nach Graceland ein, wo wir eine Menge Spaß hatten.
Spiegel Extra: Wie amüsiert man sich mit Elvis?
Dick Dale: Wir haben uns am Kamin unterhalten und mit seinen Bodyguards Karate-Filme geschaut.
Spiegel Extra: Aber ein Weltstar sind Sie nicht geworden. Was lief falsch?
Dick Dale: Jedesmal wenn ich eine neue Platte fertig hatte, legte ich sie zuerst auf den Plattenspieler, und nachdem ich sie gehört hatte, zerschlug ich sie wutentbrannt an der Wand. Sie klangen immer grauenhaft. Ich schrie die Toningenieure an: Warum macht ihr aus einer kraftvollen Gitarre, die Digga da digga da digg klingt, ein elendes Didididi? Aber weil das damals wohl nicht zu ändern war, habe ich das Interesse am Schallplattenmachen verloren.
Spiegel Extra: Was haben Sie seit den sechziger Jahren getrieben?
Dick Dale: Ich habe Löwen, Tiger und andere Raubtiere gezüchtet. Die haben ein gutes Herz, und wenn sie brüllen, hat das die gleiche Kraft wie eine mächtige Welle. Ansonsten habe ich am Strand gesessen und verfolgt, wie meine Legende gedeiht.
Spiegel Extra: Ihr Fan Quentin Tarantino hat Sie einer neuen Generation vorgestellt, als er den Anfang seines Films "Pulp Fiction" mit Ihrem Song "Misirlou" unterlegte.
Dick Dale: Ich war bereits vorher ins Geschäft zurückgekehrt. Als mein Sohn vor drei Jahren geboren wurde, fuhr ein Energiestrahl direkt aus dem Meer in meinen Körper, und ich machte mich wieder an die Arbeit. Aber ich hätte nicht geglaubt, was für eine gewaltige Welle Quentin auslösen würde.
Spiegel Extra: Sie wagen sich auch wieder in Studios und nehmen Schallplatten auf. Ihre neue "Calling Up Spirits" ist gerade erschienen und klingt so kraftvoll wie Ihre Gitarre.
Dick Dale: Das ist die Digitaltechnik. Ein tolles Ding. Wenn ich jetzt ein Digga da digga da dagg spiele, klingt es endlich auch auf der Platte wie Digga da digga da dagg. Mehr wollte ich doch nicht.
Spiegel Extra: Mit 59 Jahren treten Sie in diesem Sommer mit jungen Grunge- und Metalbands auf. Fühlen Sie sich da wohl?
Dick Dale: Ganz wunderbar. Ich kenne diese Bands kaum, aber alle kennen mich. Bands wie Metallica und Pearl Jam haben mir gesagt, wie sehr sie meine Platten lieben. Sie haben gehört, wie schnell und laut ich früher gespielt habe, und sie haben mit Erstaunen festgestellt, daß ich es immer noch kann. Deshalb haben sie wohl auch beschlossen, mir einen zweiten Königstitel zu verleihen. Denn jetzt heißt es, daß ich sogar der erste Speed-Metal-Gitarrist war.
Spiegel Extra: Und wie soll man Sie jetzt ansprechen?
Dick Dale: Ganz einfach: Dick Dale - King of the Speed Metal Surf Guitar.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
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CD: Dick Dale "Calling Up Spirits" (Beggar's Banquet/
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 7/1996
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