30.12.1995

Der Buchmacher

Henryk M. Broder über den Berliner Verleger Wilhelm Ruprecht Frieling, bei dem fast jeder Autor werden kann
Keines seiner Bücher ist je von der Frankfurter Allgemeinen besprochen worden, und daß mal eines im "Literarischen Quartett" gewürdigt werden könnte, ist so unwahrscheinlich wie die Einführung des kyrillischen Alphabets in die deutsche Sprache. Dennoch scheint der Verleger Wilhelm Ruprecht Frieling, 43, mit sich und seinem Werk zufrieden: Er bringt 250 Bücher pro Jahr auf den Markt, setzt damit Millionen um und beschäftigt 18 feste Mitarbeiter. Er hat 2400 Autoren unter Vertrag, von denen er fast 500 persönlich kennt, und bietet über 1000 lieferbare Titel an.
Unter den kleinen Verlagen ist er ein großer, und manch ein bekannter Verlag würde sich seine Bilanz wünschen - Frielings Unternehmen schreibt schwarze Zahlen. Frieling, in Bielefeld als Sohn eines Fabrikbesitzers geboren, hat eine verlegerische Marktnische entdeckt und sich darin eingerichtet: "Zu uns kommen Autoren, die es leid sind, daß sie ihre Manuskripte nicht wiedererkennen, wenn sie in Buchform vorliegen. Es kommen Menschen zu uns, die von 30, 40 Verlagen abgewiesen wurden, die ihre Manuskripte von den Verlagen nicht einmal zurückbekommen."
Der typische Frieling-Autor, sagt Frieling, sei ein Professor, "der 20, 30 Fachbücher veröffentlicht hat und in seinem Spätwerk zur Lyrik findet". Was soll der Mann machen? "Er macht sich zum Kasper, wenn er zu seinem Verlag geht. Da sagt man ihm: Schreiben Sie keine Gedichte, schreiben Sie was über Gen-Technologie."
Doch Frielings Firma nimmt den Mann ernst. Sein Manuskript wird geprüft, und wenn es angenommen wird, dann kann er sich darauf verlassen, daß es sorgfältig gesetzt, genau korrekturgelesen und sauber gedruckt wird. Dafür freilich muß der Autor zahlen, je nach Umfang und Verarbeitung des Werks zwischen 5000 und 20000 Mark, manchmal weniger, manchmal auch mehr.
"Unsere Autoren sind Menschen, die zum Schreiben finden, weil sie etwas erlebt haben, die das Bedürfnis haben, mitzuteilen, wie es war, die ihren Kindern etwas sagen, die Spuren hinterlassen möchten. Bücher hinterlassen Spuren: Wer schreibt, der bleibt."
Frielings Urgroßvater gründete 1871 im westfälischen Oelde ein Emaillierwerk. Nach fast 100 Jahren wurde das Familienunternehmen mit zuletzt 360 Beschäftigten "in der Krise der sechziger Jahre" liquidiert. Zu erben gab es nix. Frieling rannte mit 15 von zu Hause weg, trampte ein Jahr durch Europa und kam 1968 nach Berlin, "um etwas zu erleben". Berlin "war die Stadt von Dutschke, war einfach die Stadt, da war was los". Er machte das Abitur nach, studierte Jura, Publizistik und Ethnologie und wollte, wie der Urgroßvater, "mein eigenes Ding machen". 1971 verlegte er sein erstes Buch, den Katalog eines damals in Berlin lebenden holländischen Malers namens Jan Bouman. "Wenn wir davon 200 Stück verkauft haben, dann war es viel."
Damals wurde dem Jungverleger klar: "Wenn du so weitermachst, gehst du kaputt!" Das nächste Buch wurde ein Bestseller: "Berlin okkult - Der erste esoterische Stadtführer der Welt", es folgte "Rock-City-Berlin", ein Führer durch die Berliner Musikszene. Der Frieling Verlag hatte sich etabliert.
Täglich gehen im Verlag 15 bis 20 Manuskripte ein. Zu jedem Skript wird, "wenn es sich nicht als vollkommen verrückt erweist", ein kurzes Gutachten geschrieben. Von zehn Skripten, die als druckfähig übrig- bleiben, verwandelt sich eines in ein Buch. Dann macht Frieling seinen Autoren die Rechnung auf: bei der ersten Auflage eine Beteiligung von 70 bis 80 Prozent an den Gesamtkosten und 20 Prozent vom Ladenpreis als Honorar für jedes verkaufte Buch. Oder kein Honorar und eine entsprechend niedrigere Kostenbeteiligung. Von der zweiten Auflage an muß der Autor nichts dazuzahlen und bekommt 20 Prozent Honorar vom Ladenpreis. "Dafür machen wir alles, Vertrieb über Buchhandel und Direktvertrieb, Werbung, Marketing."
Vor allem das Marketing entscheidet über den Erfolg. "Wo habe ich eine Chance für ein Buch, wo könnte ich eine Zielgruppe finden?" Das Buch eines homosexuellen Autors wird über Versandgeschäfte für Schwule und schwule Buchläden angeboten, die Reflexionen eines kritischen Jägers ("Im Zweifel für die Jagd") wurden von einem Haus für Jägerbedarf in größerer Anzahl gekauft. Zu Frielings Bestsellern zählen die Ratgeber "Abenteuer Ehe", "Wie senkt man die Baukosten" und Humorbücher wie "Medi-Zynisches - Aus der Sprechstunde von Dr. med. Pointer". Der unter einem Pseudonym schreibende Internist freut sich über 17000 verkaufte Exemplare und stiftet sein Honorar für gemeinnützige Zwecke.
So finden bei Frieling Menschen zueinander, die sich sonst kaum in der U-Bahn begegnen würden: die Hausfrau, die sich auf über 600 Seiten ihr Leben von der Seele schreibt; der Arzt, der historische Romane aus der Zeit des Jesus von Nazareth, aus dem 8., dem 13. Jahrhundert, aus dem Dreißigjährigen Krieg und aus der napoleonischen Zeit fabuliert; ein Sozialwirt, der "über die Entstehung von Normen" Klärendes "Zum Ursprung des Menschen" liefern möchte. Es ist das schrägste, originellste und individuellste Verlagsprogramm weit und breit. Und kein anderer Verleger hat so viele Autoren glücklich gemacht. "Schreiben ist eine Freizeitbeschäftigung wie Malen, wie Tanzen, wie Töpfern, wie Ikebana. Es wird enorm viel geschrieben, es ist * ein Aufbäumen gegen die Verdummung, die Vermassung, die Gleichmacherei. Ich finde es toll."
Schwierig wird es nur, "wenn die Autoren sich nix sagen lassen, wenn sie in Träumen schweben und sich wundern, daß ihre Auflagen nicht in einer Woche vergriffen sind". Manche glauben auch, "sie bekommen den Pulitzer-Preis und sind schrecklich enttäuscht, daß sie ihn nicht bekommen". Und manche glauben offenbar, sie könnten bei Frieling alles loswerden. "Wir haben klare Grenzen: Völkisches, Nationalistisches, Antisemitisches, Frauenfeindliches nehmen wir nicht."
Vor kurzem wurde ein Mann abgewiesen, der von seiner Frau verlassen wurde und sich mit einem Buch über "Die Frau, eine Schöpfung des Satans" an ihr rächen wollte. Es trauen sich auch "immer mehr Leute, braunes Zeug zu schreiben, alte Nazis outen sich, das hat in den letzten zwei, drei Jahren gewaltig zugenommen". Ein ehemaliger U-Boot-Kommandant hat für die Veröffentlichung seiner Erinnerungen 150000 Mark geboten - vergebens. "Leute, denen der rechte Arm steif geblieben ist, kommen bei uns nicht rein."
Stolz ist Wilhelm Ruprecht Frieling auf einen Autor, der schon bei Suhrkamp gedruckt wurde und nun bei Frieling erscheint, "weil er nicht zensiert werden möchte". Nur über einen Erfolgstitel spricht der Verleger mit einer gewissen Verlegenheit, obwohl er über 70000mal verkauft wurde: "Autor sucht Verleger - Der direkte Weg zum eigenen Buch". In dem Fall hat der Autor den idealen Verleger gefunden. Beide heißen Wilhelm Ruprecht Frieling.
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KLAUS KÜHL, 67, sagt: "Ich schreibe seit meiner Schulzeit." Er besuchte das Conradinum in Danzig, Günter Grass drückte in der Parallelklasse die Schulbank. Bei Kriegsende geriet Kühl als Gefangener nach Kasachstan. Dort schrieb er Texte auf Packpapier, mit angespitzten Holzstäbchen und Tinte, die aus Erde gemacht wurde. Nach seiner Rückkehr ließ er sich als Buchhändler in Köln nieder. Von 1965 an arbeitete Kühl 29 Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst, etwa als Projektleiter in Kamerun und Botswana. 1971 erschien im Erdmann Verlag sein erstes Buch. "Was wollt ihr von uns?" - die Frage wurde ihm von den Einheimischen in Afrika immer wieder gestellt. Er veröffentlichte Gedichte in kleinen Zeitschriften, Prosastücke in Anthologien. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand 1994 hat Kühl bei Frieling drei Bücher herausgebracht: den Lyrikband "Wenn du auf Reisen gehst...", die gesammelten Erzählungen "Aus dem Tagebuch eines häßlichen Mädchens" und zuletzt "Pointe noire", eine Sammlung erotischer Gedichte. Das Buch hat ihn gut 6000 Mark gekostet, doch das ist ihm der Spaß wert. "Im Selbstverlag wäre es noch teurer, und außerdem hätte es was Anrüchiges." Kühls viertes Buch soll nächstes Jahr erscheinen: "Unsterblich sind die Liebenden", Gedichte über Leben und Sterben.
PETER HORNUNG, 46, arbeitet als Anästhesist am Krankenhaus in Aichach. "Sirenen der Stille - Roman einer alpTraumnacht" ist sein "erster literarischer Versuch". Hornung hat im "Almanach deutscher Schriftstellerärzte" kleine Prosastücke veröffentlicht und im Juni 1994 angefangen, einen längeren Text zu schreiben, den er im Oktober abschloß. Dann begann "die Ochsentour des Suchens bei rund 20 Verlagen, großen und kleinen". Suhrkamp war an dem Manuskript interessiert, es gab auch ein positives Gutachten, doch die meisten Verlage schickten den Text kommentarlos zurück, einer - es war Wagenbach - verlangte Porto für die Rücksendung - "da hab' ich ihm das Manu geschenkt". Eines Tages fiel Hornungs Frau eine Anzeige auf: "Verlag sucht Autoren". Hornung schickte seinen "Kindheits- und Greisenroman" an den Frieling Verlag in Berlin. Zur Frankfurter Buchmesse war aus dem Manuskript ein Buch geworden. Hornungs Ärzte-Kollegen "reagierten positiv, vielen hat es imponiert". Daß er sich mit rund 10000 Mark an den Produktionskosten seines literarischen Erstlings beteiligen mußte, stört den schreibenden Arzt nicht. "Nach einer angemessenen Pause werde ich weiter schreiben." Vorerst liest er, am liebsten Franz Kafka, Thomas Bernhard, Peter Handke und Robert Walser.
ILSE URBAN, 69, zeigt stolz ihr erstes Buch vor, das eben in zweiter Auflage erschienen ist: "Damals im Sudetenland - Schicksal einer Vertriebenen". Die gelernte Lehrerin wurde Anfang der neunziger Jahre pensioniert. "Da hab' ich angefangen zu schreiben, ich wollte aufzeichnen, was wir 1945 erlebt hatten, hatte aber nie Zeit dazu, das hab' ich die ganzen Jahre mit mir herumgetragen." Ilse Urban schickte ihr Manuskript an zwei Verlage und bekam es "mit lieben Worten zurück". Dann hörte sie "im Fernsehen zufällig vom Frieling Verlag". Der Berliner Verleger nahm das Skript an und veröffentlichte das Werk - die erste Auflage war in einem halben Jahr vergriffen. Als das Buch vor ihr lag, konnte sie es nicht fassen. "Das soll etwas sein, das ich geschrieben habe? Dann kamen Anrufe und Briefe, und das war ganz, ganz toll, ich denke, daß ich vielen Menschen aus meiner Heimat eine Freude gemacht habe."
Das Sudetenbuch erschien 1992, 1994 folgten "Impressionen aus Nordeuropa - von der Lust zu reisen"; im Januar legt Ilse Urban ein Buch über "Namibia - Land, Leute und Leben auf einer Farm" vor. Das vierte Buch ist schon in Arbeit: Es handelt von den Erfahrungen einer Lehrerin im Schuldienst und hat natürlich autobiographische Züge.
Von Henryk M. Broder

KulturSPIEGEL 1/1996
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