30.12.1995

OBDACHLOSE IM CYBERSPACE

Eigentlich ist der Mann gar nicht existent - physisch zumindest. Wer 500000 Kilometer im Jahr im Flugzeug verbringt, keinen Schreibtisch mehr hat und mit der Außenwelt fast nur noch per elektronischer Post kommuniziert, ist kein Wissenschaftler, kein Manager, sondern ein Geist im Cyberspace. Wenn da nicht die Auftritte wären, 90 Minuten lange Predigten zum Thema neue, vernetzte Welt: Willkommen in der Welt des Nicholas Negroponte, 52, Chef des amerikanischen Forschungslabors Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sein Thinktank in Boston gilt als weltweit führende Forschungseinrichtung für Kommunikationstechnologie.
SPIEGEL EXTRA: Ein Leben im Flugzeug wünscht man niemandem. Aber Sie scheinen sich als digitaler Nomade wohlzufühlen.
NEGROPONTE: Schöne Formulierung, und sie paßt. Denn digital fühle ich mich ja beheimatet.
SPIEGEL EXTRA: Ihre permanente Erreichbarkeit ist schon Legende; es heißt, daß Sie noch nicht mal ein eigenes Büro im Media Lab haben.
NEGROPONTE: Ich habe wirklich keines, und ich beabsichtige auch nicht, eines zu haben. Mein Arbeitsplatz ist eigentlich der Sessel und der Klapptisch im Flugzeug, 10000 Meter über der Erde. Ich habe immer meine beiden Powerbooks und jede Menge Batterien dabei.
SPIEGEL EXTRA: Eines ihrer Lieblingsthemen ist der Paradigmenwechsel von der Welt der Atome zur Welt der Bits. Was meinen Sie damit?
NEGROPONTE: Nehmen Sie ein Buch in einer Bibliothek, das Sie gerne ausleihen möchten. Sie müssen hingehen, das Buch mitnehmen, es zu Hause lesen und dann zurückbringen. In dieser Zeit konnte niemand anderes das Buch ausleihen. Das ist die "atomare Bibliothek". In der "digitalen Bibliothek" rufen Sie das Buch mit ihrem PC auf. Sie müssen nicht körperlich in eine Bibliothek. Sie können es beliebig lange lesen und müssen es nicht zurückbringen. Und: Es können beliebig viele Menschen das Buch ausleihen, nicht nur Sie, und so an seinem Inhalt teilhaben.
SPIEGEL EXTRA: Wird es eines Tages keine Bücher mehr geben?
NEGROPONTE: Das wohl nicht, aber viele Bücher werden überflüssig sein. Ein gutes Beispiel sind die "Gelben Seiten". Die sind schon veraltet, bevor Sie sie in den Händen halten. Sie kosten Rohstoffe, sie sind dick, schwer und unhandlich, und nach ein paar Monaten werfen Sie sie sowieso wieder weg. Es würde vollkommen ausreichen, diese Informationen online zur Verfügung zu stellen.
SPIEGEL EXTRA: Warum sind immer noch viele Menschen so distanziert gegenüber dem neuen Medium Netz?
NEGROPONTE: Schon heute wandern 75 Prozent der Personal Computer (PC), die in Amerika verkauft werden, in private Haushalte. Ich glaube, daß es schon sehr viel mehr PCs in den Wohnungen gibt, da viele ihren Laptop mit nach Hause nehmen. Die Frage ist aber: Wer beschäftigt sich wirklich mit dem Netz? In Amerika sind es die jungen Menschen, so zwischen 10 und 25 Jahren, und die älteren, so ab 50 Jahren.
SPIEGEL EXTRA: Warum?
NEGROPONTE: Weil diese beiden Gruppen Zeit haben. Aber diejenigen, die die Digitalisierung der Gesellschaft vorantreiben könnten, das ganze mittlere bis obere Management, hat keine Zeit. Wenn es also um das Netz geht, haben diese Leute keine Ahnung, weil ihnen eigene Erfahrungen fehlen. Das Management, die Entscheider sind die Obdachlosen im Cyberspace.
SPIEGEL EXTRA: Wie bringt man diese Leute ans Netz?
NEGROPONTE: Meine Hoffnung sind die Kinder. Sie nehmen die Eltern an die Hand und erklären ihnen das Internet. Letztes Jahr zu Weihnachten hatten wir bei unserer Zeitschrift Wired eine überraschende Steigerung der Abonnentenzahl. Die meisten Abonnements wurden von Kindern als Weihnachtsgeschenk für ihre Eltern gekauft. Damit wollten sie Papa und Mama sagen: Hiermit müßt ihr euch beschäftigen, hier könnt ihr lesen, wie das Internet die Welt verändert, das ist die Zukunft. Heute hat "digital zu sein" nichts mehr mit Computern zu tun. "Digital zu sein" ist ein Lebensstil.
SPIEGEL EXTRA: Was bedeutet das Internet für die anderen Medien?
NEGROPONTE: Alle Medien, die es heute gibt, verkaufen Informationen. Künftig geht es mehr um Auswahlprogramme, die den Kunden helfen, sich in der Informationsflut zurechtzufinden. So etwas ist beispielsweise denkbar mit "intelligenten Agenten", die das Netz auf meine persönlichen Interessen hin absuchen. Sie stellen mir dann nur die Informationen zur Verfügung, die ich haben möchte. Das hat natürlich nichts mehr mit einer Zeitung zu tun, wie wir sie heute kennen. Das verlegerische Geschäft wird sich verändern. Die Verleger könnten zum Beispiel auch anbieten, diese "intelligenten Agenten" für mich zu trainieren. Wörter und Bilder werden dabei sicherlich nicht verschwinden, aber der Weg, den sie zukünftig gehen oder sich suchen werden, der wird ein anderer sein.
SPIEGEL EXTRA: Was wird mit der Werbung geschehen?
NEGROPONTE: Sie wird sicherlich informationsorientierter werden müssen, damit sie überhaupt beachtet wird. Werbung könnte zum Beispiel aber auch ganz unscheinbar sein. Ein Beispiel: Wenn jemand auf meiner elektronischen Post sein Firmen-Logo einklinken darf und dafür die Kosten für den Transfer meiner Post übernimmt. Wenn ich etwa meiner Oma elektronische Post sende, kann dabei eine Werbung für Corega Tabs sein, weil ihr Gebiß wackelt.
SPIEGEL EXTRA: Das Internet ist ein globales Medium. Wieso entwickelt es sich in Europa, Japan und den USA so unterschiedlich?
NEGROPONTE: Japan ist sehr homogen, die Kultur und die Gesellschaft haben beide eine lange, sehr starke Tradition, die Dinge ändern sich dort sehr langsam. Zu meiner großen Überraschung sind es in Japan gerade die jungen Menschen, die sehr schnell in die vorgegebenen Pfade, in ihre Tradition zurückfallen. Europa ist sehr heterogen, uneinheitlich. Mir scheint, als ob der größte Hemmschuh die Geschichte ist. Viele Europäer sagen: Wir haben es doch schon immer so und so gemacht, wozu brauchen wir etwas Neues? Aber das ist nicht der Weg, um "digital zu werden".
SPIEGEL EXTRA: Warum tun sich Amerikaner damit leichter?
NEGROPONTE: Amerika ist der Schmelztiegel der Nationen und Rassen, der Reichen und Armen. Da haben Sie eine richtiggehende Bubblegum-, eine Kaugummigesellschaft, die sich ständig sehr schnell verändert. In Europa haben die Menschen bis zu sechs Wochen Urlaub, in Amerika durchschnittlich nur zehn Tage. Einen Amerikaner bekommen sie viel eher dazu, einen Laptop zu benutzen, weil er sich damit jederzeit von seinem Arbeitsplatz entfernen kann. Damit wird er "digital", und vielleicht schafft er es, sich noch mal zwei, drei Tage Ferien zu laptopen. Wenn Sie aber 25 Tage Ferien haben, haben Sie doch gar keine Motivation, ihren Laptop mit sich rumzutragen. Sie werden nicht "digital".
SPIEGEL EXTRA: Wir haben gehört, Sie machen niemals Ferien.
NEGROPONTE: Ich mag Ferien nicht. Ich habe meine Rechner immer dabei, aber ich mache niemals Urlaub. Trotzdem lebe ich immer an wunderschönen Orten.
SPIEGEL EXTRA: Lediglich ein Drittel der Menschheit verfügt überhaupt über eine Telefonleitung und hat Zugang zum Netz. Was ist mit den anderen zwei Dritteln?
NEGROPONTE: Ich denke, die nächsten Schritte in Afrika, Brasilien und anderen Ländern werden in der drahtlosen Kommunikation bestehen. Danach wird verkabelt.
SPIEGEL EXTRA: Fernsehen wird immer teurer, man braucht demnächst Set-Top-Boxen, um bestimmte Programme zu empfangen. Können wir dafür nicht das Internet benutzen?
NEGROPONTE: Ja sicher, das ist gar keine Frage. Das alte Medium Fernsehen wird im neuen Medium aufgehen. Das ist wohl auch der Grund dafür, daß die Leute vom Fernsehen heute nicht mehr mit mir sprechen. Die sind mir wohl böse, aber ich werde recht behalten. Unternehmen wie Microsoft und NBC haben das verstanden und verbinden sich nun.
SPIEGEL EXTRA: Vor zehn Jahren haben Sie am Media Lab Projekte begonnen, die heute Realität geworden sind. Woran arbeitet das Media Lab heute für morgen?
NEGROPONTE: "Things that think" (Dinge, die denken) sind ein großer Forschungsbereich. Wir müssen den Computer an unser Verhalten anpassen, ihm Hören und Sehen beibringen. Daneben interessiert uns besonders der gesunde Menschenverstand, den ein fünfjähriges Kind an den Tag legt. Wo kommt der her? Wie lernt man etwas, ohne daß es einem jemand schon gesagt hat? Diese Fähigkeit sollen Computer zukünftig haben.
Das Interview führten Stefan Becht und Markus Friedrich.
Von Nicholas Negroponte

KulturSPIEGEL 1/1996
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