30.09.1996

DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGENErst Stöhnen, dann Dialoge

In Florenz treffen sich Modemacher und Künstler zur Biennale, und zumindest in Sachen PR haben die Couturiers die Nase vorn - bergeweise lassen sie Hochglanz-Pressemappen, üppiges Fotomaterial und Einladungen zu den diversen ultimativen Cocktailpartys verteilen. Frechheit siegt, dachte sich da offenbar Owen J. Davidson, 26, der Public Relations Director des Designerlabels MATSUDA, als er GIANNI VERSACE auf dessen eigener Party eine Broschüre der neuesten Matsuda-Mode als Fächer-Ersatz in die Hand drückte. Der von den Cocktailgästen bedrängte Meister, schweißbeperlt und derangiert, griff dankbar zu und fächelte sich mit dem von Nan Goldin fotografierten Katalog Luft zu - korrekterweise und ganz im Sinne des PR-Profis hielt Versace dabei die Titelseite der Matsuda-Broschüre in die zahlreich klickenden und surrenden Kameras.
Nachdem Mr.-Nice-Guy TOM HANKS ohne Angabe von Gründen darauf verzichtet hat, in der Verfilmung von "Primary Colors", dem bösen Buch zum Clinton-Wahlkampf 1992, den Präsidentschaftskandidaten zu mimen, hat nun Scientology-Jünger JOHN TRAVOLTA den Part übernommen. Bauchansatz und Knollennase bringt er für die Rolle ebenso mit wie den etwa in "Pulp Fiction" unter Beweis gestellten Mut zu moralisch nicht ganz einwandfreien Charakteren. Tom Hanks indessen dürfte ziemlich egal sein, wer mit der ambitionierten Hillary (voraussichtlich gespielt von EMMA THOMPSON) ins Weiße Haus einziehen darf. Der zweifach Oscar-Dekorierte widmet sich zur Zeit lieber seinem Debüt als Regisseur und Drehbuchautor von "That Thing You Do". Auf dem Internationalen Film-Festival in Toronto stellte er eine der für den Film verpflichteten Schauspielerinnen als Frau vor, "die mit dem Regisseur ins Bett gehen mußte, um die Rolle zu kriegen". Die Rede war von RITA WILSON, Hanks Ehefrau, die sich mit der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten immerhin einen Part als Kellnerin in "That Thing You Do" ergattert hat.
DAVID BOWIE tritt immer noch gern als der Mann auf, der einst vom Himmel fiel. Ärgerlich nur, daß seine Platten seit Jahren immer schneller aus den Hitparaden stürzen - so sie es überhaupt hineinschaffen. Um sich dem irdischen Erfolgsdruck zu entziehen, hat Space-Boy Bowie seine neue Single "Telling Lies" exklusiv im Internet veröffentlicht - unter http://www.davidbowie.com gratis runterzuladen. Wer das Stück eher unterirdisch als himmlisch findet, darf den Meister auf dessen Web-Seite zur Hölle wünschen.
Die Klage ist so alt wie das Gewerbe: Es gibt keine guten jungen Autoren mehr, weil ihnen die guten Stoffe fehlen. Erleben einfach nichts mehr, die Jungs und Mädels, in unserer schönen heilen Welt. Das Schauspielhaus Zürich schafft endlich Abhilfe: Nachwuchsschriftsteller werden dort knallhart mit dem wahren Leben konfrontiert. Autor MORITZ RINKE, 29, dessen erstes Stück "Der graue Engel" in Zürich zur Uraufführung anstand, wurde vom Schauspielhaus in einem Stundenhotel untergebracht. Rinke zeigte sich angetan: "Wenn man drei Tage in einem Stundenhotel verbringt, kommt schnell eine Systematik ins Leben: erst Stöhnen, dann Dialoge - oder andersherum, erst Dialoge, dann Stöhnen."
Um JEFF KOONS, den amerikanischen Kunst-Großmeister, ist es seit seiner Trennung von Schnuckelchen Cicciolina ruhig geworden. Sein Renommee in den Kunstmarkt-Charts ist ramponiert, und schon seit zwei Jahren wird in New York vom Comeback geflüstert - es sollte dieser Tage im Guggenheim-Museum und im Oktober im Kunstmuseum Wolfsburg stattfinden. Noch vor ein paar Monaten verkündete Koons-Dealer Jeffrey Deitch, die neuen Arbeiten würden alles in den Schatten stellen - selbst die zerschnittenen Skandal-Kühe von Damien Hirst. Davon ist nun keine Rede mehr: Jeff Koons konnte die Termine nicht einhalten, die Sensationsschau ist verschoben - Materialschwierigkeiten, so die offizielle Erklärung. Das Guggenheim-Museum ist mittlerweile abgesprungen, Koons wird jetzt im November 1997 in Wolfsburg eröffnen. Dort immerhin ist man stolz, und über einen Ankauf wird ebenfalls schon gemunkelt.

KulturSPIEGEL 10/1996
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KulturSPIEGEL 10/1996
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