28.10.1996

Jens Harzer

Talentiert, ausdauernd und unbeirrbar: Der 24jährige Ex-Läufer macht als Schauspieler seinen Weg.
Die Prüfungskommission der Otto-Falckenberg-Schule war nicht überzeugt. Zu sanft, zu zurückhaltend wirkte der 19jährige Bursche - nicht vielseitig genug, um ein erstklassiger Schauspieler zu werden. Aber es gab es eine gewichtige Stimme, die ihn verteidigte: Jörg Hube, damals Chef der renommierten Münchner Schauspielschule, setzte nicht nur durch, daß Harzer in die letzte Runde durfte, er probte mit ihm auch den entscheidenden Monolog - die Rede des eiskalten St. Just aus Büchners "Dantons Tod".
Harzer wurde genommen, und Hube behielt recht: Der Bursche hat das Talent, ein ganz Großer zu werden. Noch vor Ende der Ausbildung wechselte er an die benachbarten Kammerspiele; zehn Rollen hat er dort inzwischen gespielt. In den Kritiken ist fast immer von seinem traumverlorenen Blick die Rede, aber auch von seiner traumwandlerischen Sicherheit. Dazu strahlt Harzer einen wunderlichen Eigensinn aus.
Vielleicht reißen sich gerade deshalb alle um ihn; der Dichter Herbert Achternbusch schrieb gar die Rolle des jungen Seth in seinem jüngsten Stück "Meine Grabinschrift" explizit für ihn. Tatsächlich haftet Harzer, 24, nicht nur auf der Bühne, sondern auch privat etwas Jenseitiges an, als sei die leicht entrückte Welt eines Achternbusch-Stücks für ihn viel logischer als die reale. "Manchmal wünschte ich mir, so eine Theaterfigur könnte für Sekunden aus dem Stück heraustreten", sagt er etwa, und es ist ihm klar, daß solche Sätze fast niemand versteht. Aber das ist ihm egal.
Früher war er Mittelstreckenläufer, und man kann sich gut vorstellen, wie er Runde um Runde gedreht und nichts mehr wahrgenommen hat außer seinem Atem und seinem Herzschlag. Mit der gleichen Unbeirrbarkeit erarbeitet er nun seine Rollen; wenn es sein muß auch zwei auf einmal - wie im Frühjahr diesen Jahres: Unter der Regie von Jens-Daniel Herzog begannen gerade die Proben für "Das Gleichgewicht", als Harzer von Intendant Dieter Dorn gebeten wurde, auch in Dorns Botho-Strauß-Inszenierung "Ithaka" einzuspringen. Trotz des Stresses war er "sehr, sehr glücklich darüber", denn er war der Sohn des Odysseus, und der wurde gespielt von Bruno Ganz, seinem Idol.
Bei Achternbusch steht er nun wieder mit einem großen Haudegen auf der Bühne: Rolf Boysen spielt in dem Zwei-Personen-Stück den alten Amenhotep, der dem jungen Schreiber Seth seine letzten Worte in die Feder diktiert. Achternbusch hat Harzer dafür noch mal in die Schule geschickt: Er soll sich in einem Stenographiekurs den Rhythmus der Schreiber abschauen. Zum Glück braucht er dafür keine Aufnahmeprüfung.
Anke Dürr
Von Anke Dürr

KulturSPIEGEL 11/1996
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