29.07.1996

Neue CDs

POP
GEISTREICH: "Es sind viele Geister auf unseren Straßen unterwegs", hat Vic Chesnutt, der amerikanische Sänger und Songwriter, in einem Lied geschrieben. Wie Geister im Verborgenen leben auch viele Musiker; um einige kümmert sich die Organisation Sweet Relief. Sie organisierte ein Benefiz-Album für Victoria Williams, die an multipler Sklerose erkrankt ist. Dem querschnittgelähmten Chesnutt kommt nun das zweite Album zugute. Prominenten wie den Smashing Pumpkins, Soul Asylum, Cracker und Madonna im Duett mit ihrem hochbegabten Schwager Joe Henry sind eindrucksvolle Interpretationen der melancholischen Original-Chesnutts geglückt. Gute Geister werden's ihnen danken.
Sweet Relief II: "Gravity Of The Situation - The Songs Of Vic Chesnutt" (Sony)
+++
LAUT: Der Fall Pete Droge erfordert etwas Aufmerksamkeit. Flüchtig betrachtet wirkt der Junge aus Seattle wie ein Langweiler mit so verschnarchten Verehrerinnen wie Melissa Etheridge und Sheryl Crow. Dabei schreibt der Junge laute Popsongs mit euphorischen Melodien und Titeln wie "If You Don't Love Me (I'll Kill Myself)". Seine neue CD enthält wieder ein paar Hits, die dann doch keine werden - wenn dem Jungen nicht endlich etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.
Pete Droge & The Sinners: "Find A Door" (RCA)
+++
OBERSCHLAU: Weil es der elektronischen Tanzmusik immer noch an Respekt mangelt, wird einzelnen Musikern gern besondere Intelligenz bescheinigt. Alex Reece beispielsweise. Seine Kompositionen sind aufwendig und sexy. Der aber schreit: "Zum Teufel mit der Klugheit!" Der Londoner ist nur stolz, daß er der Drum'n'Bass-Musik Jazz und sein Trompetenspiel beigefügt hat. Sein Debüt-Album enthält Klubklassiker wie "Pulp Fiction" und seinen neuen Hit "Feel The Sunshine". Neulich bat U2 ihn um einen Remix. Abgelehnt: Der 23jährige ist zu klug, um sich für jeden Mist herzugeben.
Alex Reece: "So Far" (Mercury)
Christoph Dallach
KLASSIK
WITZIG: Es gibt Musikfans, die machen einen Bogen um die Musik des 20. Jahrhunderts. Das muß nicht sein, denn es gibt ein Stück, das nicht mal 50 Jahre alt ist und nach Händel und Mozart klingt: Igor Strawinski prescht mit seiner Oper "The Rake's Progress" durch die Musikgeschichte und nimmt mit, was ihm gefällt: Rezitative und Arien, barocke Formeln und Floskeln. Ein fein gewirkter Flickenteppich, auf dem der Teufel den Tunichtgut zu einem Leben in Saus und Braus verführt. Kent Nagano dirigiert dieses neoklassizistische Werk mit Witz, Drive und Härte. Auch die Solisten sind fabelhaft: Jerry Hadley, Samuel Ramey, Dawn Upshaw und Grace Bumbry.
Strawinski: "The Rake's Progress". Upshaw, Hadley, Ramey, Bumbry, Opéra de Lyon, Dir. Kent Nagano (Erato 0630-12715)
+++
SCHRULLIG: Das Schlagzeug stampft, das Piano hämmert, und darüber spielt ein Cello eine lange Melodie in höchsten Registern. Neue Töne. Das gesampelte Keyboard klingt wie eine Mixtur aus Westernklavier und Gamelanorchester, die Baßklarinette grunzt und ploppt. Zarte Töne, schrullige Töne. Die sechs New Yorker Szenemusiker Bang On A Can All-Stars spielen Musik jenseits aller Schubladen und kreuzen Techno und E-Kammermusik, Avantgarde-Jazz und Minimal-Manie. Alles echt und ohne falsche Sentimentalität.
Bang On A Can: "Cheating, Lying, Stealing" (Sony SK 62254)
+++
FLINK: Wenn Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott zusammentreffen, müssen die fünf Bläser versuchen, eine Klangbalance zu finden. Das Albert Schweizer Quintett schafft den Spagat: Es kann den Klang mischen und, wenn nötig, auch aufspalten. Mit welcher Flinkheit dies möglich ist, demonstrieren die jungen Musiker mit Werken von Ligeti, Kurtág und Veress: virtuose Stücke, die manchmal nicht einmal eine Minute dauern und reaktionsschnelles Spiel erfordern. Das Quintett zeigt sich voll in Form.
Albert Schweitzer Quintett spielt Ligeti, Kurtág und Veress (cpo 999 315)
Eckhard Roelcke
JAZZ
GERADEAUS: Auf jeder CD bedankt sich der Musiker heute bei allen möglichen Leuten: dem lieben Gott, der Gattin, dem Produzenten. Michael Brecker macht das auch, aber er nennt wenigstens ein paar ganz wichtige Namen an erster Stelle - John Coltrane, Joe Henderson, Sonny Rollins. Er handhabt sein Tenor in bester Tradition. Hervorragende Sidemen wie Drummer Jack DeJohnette und Bassist Dave Holland schaffen eine gelöste Stimmung, die dem modernen Geradeaus-Jazz gut bekommt. McCoy Tyner, der bei zwei Stücken in die Tasten fetzt, hat das auch hörbar Spaß gemacht.
Michael Brecker: "Tales From The Hudson" (Impulse!)
+++
HINTERGRÜNDIG: Alles, was ein Bassist macht, sagt der Bassist Joris Teepe, beeinflusse die Stimmung eines Stückes, die Farbe der Musik. Aber nun wollte er eben mal hören, wie das klingt, wenn der Mann aus dem Hintergrund - oder vom "bottom" - die Führung übernimmt. Klingt gut und swingt gut: Teepe hat für die klassische Rhythmusgruppe Piano und Schlagzeug dazugenommen und sich mit dem Trompeter Tom Harrell und dem Saxophonisten Don Braden zusammengetan. Die Bottom Line ist top.
Joris Teepe: "Bottom Line" (Mons Records)
+++
GEFÜHLVOLL: Natürlich hat sie mal im Kirchenchor gesungen und später dann in einer Rhythm-and-Blues-Gruppe. Von beidem ist ein bißchen geblieben, und das ist gut so. Dee Daniels singt Standards ("Sweet Georgia Brown") und schöne Schnulzen wie Gershwins "Love Is Here To Stay" mit so viel Jazzfeeling, daß selbst das begleitende Metropole Orchestra wie eine Band klingt.
Dee Daniels: "Wish Me Love" (Mons)
+++
NOSTALGISCH: Der Mann, der schon mit seiner Teufelsgeige den Hot Club de France zum Kochen brachte, schafft es auch im Blue Note. Modisch-Neues darf niemand erwarten. Aber wer Django mochte und ein wenig die Nostalgie pflegt, wird sich wieder jung fühlen.
Stéphane Grappelli: "Live At The Blue Note" (Telarc Jazz)
Peter Bölke

KulturSPIEGEL 8/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 8/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.