27.11.1995

DER PIRAT

VON CLAUDIA VOIGT
Herbert Fritsch hat eine verteufelt ruhige Hand. Die Asche seiner Davidoff ragt schon mindestens vier Zentimeter in die Luft und schwebt noch immer unbeschadet an der Zigarre. Er sitzt da im dunkelblauen Romeo-Gigli-Anzug und spricht über Kultur, die den Staat Geld kosten müsse, und daß der Airbus schließlich auch subventioniert werde. Also, er würde lieber im Theater als im Flugzeug Platz nehmen, aber das sei sicher Geschmackssache. Währenddessen wird das graue Ende immer länger. Kurz bevor es zu fallen droht, streift er die Zigarre am Rand des Aschenbechers entlang. Souverän.
Dieser Mann muß einen Doppelgänger haben. Einen Schauspieler, in dessen Auge Wahnwitz blitzt. Der splitternackt nur mit zwei Riesenschlangen bekleidet über die Bühne stolziert. Der sich rohe Heringe in die Hose steckt und einen Heiratsantrag mit so penetranter Langsamkeit vorzutragen vermag, daß die Zuschauer schließlich losbrüllen und ihn mit Zwischenrufen zum Schnellsprechen antreiben. Aber der Schauspieler Herbert Fritsch kennt kein Pardon. Er redet einfach noch langsamer und strapaziert die Nerven des Publikums noch ein wenig mehr - ein Ein-Mann-Nervensägenmassaker.
Sobald er die Bühne betritt, fühlt Fritsch sich wie ein Matador. Er will das Publikum reizen, bis es wild wird, um ihm dann - im Moment der Erschöpfung - einen letzten Stoß zu versetzen. "Eigentlich ist Theaterspielen nicht anders als Stierkampf", sagt der 44jährige. Und doch überfalle ihn vor jeder Vorstellung Angst, ob er es auch diesmal schaffen wird, seine Hemmungen abzulegen und den richtigen Kanal zu finden in die Sphäre der Selbstvergessenheit. Denn nur wenn er wie im Rausch spiele, könne jener Funkenregen zwischen ihm und dem Publikum entstehen, der im besten Fall einen ganzen Abend erleuchtet. "Im Theater ergebe ich mich dem Wahnsinn", sagt Fritsch, "aber dann ziehe ich meinen Anzug an, kämme mich und geh'' ordentlich und brav die Straße lang. Man kann sagen: Ich führe ein Doppelleben."
Eines, das viele Parallelen zu der Rolle aufweist, die Herbert Fritsch demnächst an der Berliner Volksbühne spielen wird. Unter der Regie von Michael Simon probt er "Dr. Jekyll & Mr. Hyde". Eine Figur, die zwei Wesen zugleich ist: der wohlangesehene Dr. Jekyll und der mordende Mr. Hyde. Durch ein Elixier gelingt es dem Wissenschaftler, sich in einen Wahnsinnigen zu verwandeln. "Ich hab'' schon Schiß vor der Rolle", sagt Fritsch, "weil sie mir so nah kommt."
Es ist nicht Mr. Hyde, der dem Schauspieler Sorgen macht, denn der Irrsinn ist sein Fach. Flau im Magen wird ihm, wenn er an Dr. Jekyll denkt. "Die bürgerliche Existenz ist der Wahnsinn. Diese Disziplin und das Gesicht, das man aufsetzt, das ist doch alles viel anstrengender, als verrückt zu sein."
Privat hat sich Fritsch den Part des Bürgerlichen schon vor Jahren erarbeitet. Aber es kostet ihn allerhand Kraft, nicht dem Hyde in sich nachzugeben. "Früher war ich den ganzen Tag durchgedreht." Ein irrer Typ, der die piekfeinen Gäste auf Premierenfeiern damit in Stimmung brachte, daß er die Blumendekoration fraß oder in sein Weinglas pinkelte, einen Schluck nahm ("Soll ja gesund sein") und das Glas an den ahnungslosen Kellner weiterreichte.
Enorm unterhaltsam für alle Unbeteiligten, aber Fritsch wäre beinahe daran krepiert - denn irgendwann lief ohne den richtigen Alkoholpegel überhaupt nichts mehr. Als er begriff, daß er nicht nur im Leben, sondern auch auf der Bühne immer tonloser und trauriger wurde, versuchte er Zugang zur Welt der Jekylls zu finden.
Anzug, Zigarre und gesittete Konversation sind heute der äußere Rahmen seiner bürgerlichen Existenz. "Ich führe ein ganz gewöhnliches Leben und genieße das sogar", behauptet Fritsch. In der Berliner Altbauwohnung, in der er mit Frau und Kind lebt, sind die Legosteine seines dreijährigen Sohnes Simon über alle Räume verteilt. Ein Rückzugsort, der ihm hilft, die Balance in seinem Leben zu halten.
Die exzessive Schlagseite ist seit Jahren dem Theater vorbehalten - zuletzt vor allem Frank Castorfs Inszenierungen an der Berliner Volksbühne. In Castorf, dem Regisseur Ost, entdeckte der Schauspieler West einen Seelenverwandten. Die beiden Brandstifter und Biedermänner donnerten ein paar kühne Theaterabende auf die Bühne, in denen Fritsch seinem Vorbild Jerry Lewis nacheifert und keinen noch so grotesken Gag unversucht läßt (zu bewundern in "Pension Schöller" und "Die Frau vom Meer"). Aber manchmal funkt es auch gar nicht, sondern bleierne Langeweile macht sich breit, wenn Fritsch völlig losgelöst von Stück und wohldosierter Komik durch die Szenerie kaspert (zu beobachten in "Die Nibelungen").
"Er ist ein Verrückter, anstrengend, besessen und einmalig", sagt der Regisseur David Mouchtar-Samorai. Sein Kollege Jossi Wieler hält Fritsch für einen "hochbegabten Egozentriker". Mit diesen beiden arbeitet der Schauspieler Fritsch neben Castorf am liebsten. Und doch kultiviert er während gemeinsamer Probenphasen eine Art manischer Haßliebe gegen jeden seiner Regisseure. Vielleicht, weil er sich am liebsten selbst inszenieren würde. Sicher, weil es ihn ärgert, daß seine Ideen am Ende womöglich auf ihr Konto verbucht werden.
Für Mouchtar-Samorai führte Fritsch während der ersten gemeinsamen Arbeit ein Haßtagebuch, in das er jeden Morgen vor Probenbeginn säuberlich eintrug, wie er den Regisseur an diesem Tag wieder zur Weißglut bringen wollte. Mouchtar-Samorai aber lachte nur - und triezte zurück: "Wir haben uns gegenseitig geärgert", berichtet Fritsch, "das war toll."
Hin und wieder hat der Schauspieler vom Stadt- und Staatstheater die Nase voll. Dann wird es höchste Zeit für eine seiner gefürchteten Null-Shows auf wackeligen Off-Theaterbühnen, in denen er die Tugend trainiert, "in Würde schlecht zu sein". Ohne vorher einen Gedanken daran zu verschwenden, wie er den Abend gestalten will, mutet Fritsch dem Publikum seine spontanen Einfälle zu. Manchmal starrt er eine halbe Stunde lang nur die Wand an oder schneidet Grimassen im Schnelldurchlauf. Einmal leckte er Zentimeter für Zentimeter den Bühnenboden mit der Zunge ab. Einzige Bedingung dieser Shows, die ihm das Fundament liefern für alles, was er im Staatstheater veranstaltet: Über seine Lippen darf kein einziges artikuliertes Wort kommen.
Er sei ein Pirat, sagt Fritsch. Er müsse alles erobern: das Zentrum der Bühne, die Aufmerksamkeit des Publikums, den Blick des Regisseurs. Und er müsse sich frei fühlen, "jederzeit verduften zu können" - die Chancen, daß er bleibt, sind dann am größten. Einen festen Vertrag hält er nicht aus. Auch an der Volksbühne wird er für jede Inszenierung neu engagiert. Schließlich ist er nicht nur Schauspieler, sondern auch noch Erfinder: Beim Europäischen Patentamt in München hat er sich einen Fotoapparat patentieren lassen, der Objekte perspektivisch verzerren kann.
Selbst als Filmregisseur hat sich Fritsch bereits versucht: Sein in Cinemascope und Dolby-Stereo gedrehter Kurzfilm "Der Zitterchor" hätte ihn finanziell fast ruiniert, weil er von den Möglichkeiten des Tonstudios so fasziniert war, daß er darüber die horrende Miete vergaß. Fritsch muß nun mal seine Visionen verwirklichen - auch wenn das 5000 Mark pro Tag kostet.
Seine größte Leidenschaft aber bleibt die Bühne, genauer gesagt der Mittelpunkt der Bühne. Es gibt Kollegen, die beschimpfen ihn als Rampensau: zu Recht. "Ich bin nicht ans Theater gegangen, um mich zu verstecken", sagt Fritsch, "ich bin unbescheiden und größenwahnsinnig."
Das Spielen ist sein allabendlicher Stoff. Eine Sucht, in der er Dr. Jekyll so ähnlich ist, daß er sich manchmal vor dem Schicksal der Figur fürchtet: Anfangs kann der Wissenschaftler die Verwandlung in sein zweites Ich noch kontrollieren. Doch dann muß er die Dosis ständig erhöhen, um den Hyde in sich wieder loszuwerden und in sein normales Leben zurückzukehren - in Herbert Fritschs Fall würde das bedeuten, daß er eines Abends aus dem Bühnenwahnwitz nicht mehr in seinen Anzug und nach Hause findet.
Premiere von "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" am 19. Dezember an der Berliner Volksbühne. Weitere Vorstellungen am 21., 26. und 29.12.95 sowie am 3.1.96. Tel. 030/247 67 72.
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HERBERT FRITSCH, 44, ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur, Performer, Fotokünstler und Filmemacher. Bekannt machten ihn aber vor allem die Theaterrollen, bei denen er "die Sau rauslassen" durfte: als Mellefont in Lessings "Miss Sara Sampson" zum Beispiel (Regie Frank Castorf) oder als "Räuber" Spiegelberg unter der Regie von Andras Fricsay Kali Son; beide Inszenierungen waren 1989 am Bayerischen Staatsschauspiel zu sehen. Bei David Mouchtar-Samorai spielte er in Düsseldorf unter anderem den "Peer Gynt" und den Puck im "Sommernachtstraum"; unter der Regie von Jossi Wieler lief er in Heidelberg als Bleichenwang in "Was ihr wollt" zu großer Form auf. Seit 1993 ist Fritsch an der Berliner Volksbühne und übernahm dort vor allem Rollen in Inszenierungen von Frank Castorf, so etwa als Alex in "Clockwork Orange" (1993), als Arnholm in "Die Frau vom Meer" (1993), als Bernhardy in "Pension Schöller/Die Schlacht" (1994) und als Hagen in "Die Nibelungen - Born Bad" (1995). Der SPIEGEL beschrieb ihn als "manngewordene Strapaze" und einen der "hinreißendsten Schauspieler".
* Aufgenommen mit der von Fritsch erfundenen Zerrbild-Kamera. FOTOS: D. BALTZER/SEQUENZ
Von Claudia Voigt

KulturSPIEGEL 12/1995
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