29.04.2013

Haimspiel

Eigentlich wollten schon die Eltern Rockstars werden. Nun übernehmen die drei Töchter diesen Job.
In einer Londoner Hotelbar sitzen die drei amerikanischen Schwestern der Band Haim vor Tassen mit grünem Tee und lauschen konzentriert dem Lärm aus dem Nebenraum. Durch eine geschlossene schwarze Lacktür dringt das Gebrüll Tausender aus einem Fernseher herüber und mischt sich mit lautstarken Kommentaren einiger Zuschauer nebenan: "FA Cup. Chelsea gegen Manchester City. Wir sollten uns beeilen, damit wir davon noch etwas mitbekommen", sagt Alana Haim, 22, die Jüngste des Familien-Trios, und schaut auf die Uhr. "Wir sind natürlich für Chelsea", setzt Danielle Haim, 24, nach. "Aber auch immer für Tottenham", ruft Alana. "Wir wissen, dass es uncool ist, Chelsea zu mögen, aber unser Vater ist Chelsea-Fan seit den frühen Siebzigern, und das ist dann doch wieder lässig, oder?", fragt Este Haim, 27, herausfordernd, die Älteste und unausgesprochene Tonangeberin der Band.
Junge Amerikanerinnen, die sich für britischen Fußball begeistern? "Ja, in den USA gilt Fußball immer noch als Exotensport, aber mit Basketball kann man uns jagen, und bei uns in der Familie liefen die Dinge sowieso immer etwas anders", sagt Este Haim.
Vor einigen Stunden sind Haim aus Los Angeles eingeflogen, nur um in der TV-Musiksendung von Jools Holland aufzutreten. Eine Einladung in diese sehr einflussreiche Show ist so bedeutsam für die Reputation, dass man als Debütant schon mal aus Kalifornien anreist, auch wenn es einem überhaupt nicht passt. Haim haben nämlich gar keine Zeit für diesen Kurzausflug ins britische Inselkönigreich, weil sie dringend eine Platte fertigstellen müssen. Und weil diese so aufgeregt erwartet wird wie kaum ein anderes Album in dieser Saison.
Haim wurden zum quasi offiziellen Pop-Hype, als das Trio überraschend bei der Talentprognose der BBC "Sound of 2013" auf der Pole-Position landete - auf der Basis von lediglich drei Singles. Der Preis ist eine Art Vorschussruhm, den prominente britische Musikkritiker verleihen. Dass die damit oft ziemlich gut lagen, belegen die Sieger der vergangenen Jahre: Michael Kiwanuka, Jessie J, Ellie Goulding und, ja klar, Adele.
"Als die ersten Gratulations-Mails kamen, hielten wir das noch für einen Scherz. Aber dieser Sieg hat unser Leben verändert. Sieben Jahre haben wir für diese Chance gearbeitet, und jetzt müssen wir beweisen, was wir tatsächlich können", sagt Este Haim. Wie gefährlich Hypes sind, ist den Schwestern klar. Denn ebenso schnell, wie man im Rampenlicht landet, wird man auch wieder hinausexpediert, wenn die Bestseller ausbleiben. Kritikerlob allein garantiert keine Karriere. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an The Bravery? Das waren die letzten Amerikaner, die diesen BBC-Kritiker-Poll gewannen, damals, 2005. Auf den üblichen medialen Zirkus folgte ein Halbhit ("An Honest Mistake"), seitdem verliert sich die Spur von The Bravery im Kleingedruckten der Musikmagazine.
"Wir wissen, wie wichtig dieses Album für uns ist", beteuert Alana. "Zum ersten Mal in unserem Leben haben wir richtig Druck", sagt Danielle, die wortkarge Lead-Sängerin der Band, leise.
Haim revolutionieren nicht die Musik, sie verstehen sich aber auf Songs der beschwingten Art, wie ihre Singles "Forever", "Don't Save Me", "Falling" und ihre Konzerte belegen. Vergnügt kreuzen die drei Schwestern Folk-Pop der siebziger Jahre, der an Fleetwood Mac und Cat Stevens erinnert, mit R&B-Beats und Rhythmen aus der Welt des Electro. Ihre luftigen Melodien vermitteln die zeitlose Vorstellung eines dauersonnigen, tiefenentspannten Kaliforniens: eines hellen Orts, an dem langhaarige, hübsche und etwas wilde Mädchen so wie Haim rund um die Uhr das Leben zu genießen scheinen.
Als einen ähnlich paradiesischen Ort muss man sich wohl das Eigenheim der Familie Haim im malerischen San Fernando Valley am Rand von Los Angeles vorstellen. Mordechai Haim und seine Frau Donna waren als Immobilienmakler erfolgreich, wären aber lieber Rockstars geworden. Solange sich die Töchter erinnern können, stand im Wohnzimmer ein großes Schlagzeug, das Lieblingsinstrument ihres Vaters. "Jeder durfte es benutzen, deshalb können wir drei es alle ziemlich gut spielen", sagt Alana. "Vor allem aber hatten wir Spaß an wilder, ungezügelter Musik. Deshalb wollten wir Rockstars werden", ergänzt Danielle. Und Este analysiert: "Wir leben jetzt wohl die Träume unserer Eltern aus."
Das Haus der Haims war voll mit Instrumenten, die allen uneingeschränkt zur Verfügung standen, weshalb die drei Schwestern ungewöhnlich viele davon beherrschen - nicht nur Schlagzeug, Gitarre und Bass, sondern auch und Percussion-Instrumente. Ergänzt wurde das durch Gesang und Klavierunterricht. "Unsere Eltern arbeiteten sehr viel, so dass wir nach der Schule mit den Instrumenten allein zu Hause waren", sagt Alana. Um sich vom Stress der Maklerei zu entspannen, musizierten aber auch die Haim-Eltern in jeder freien Minute. Zeitweilig lärmten sie mit einem befreundeten Paar, aber nachdem das im Streit endete, machten sie einfach mit ihren drei kleinen Töchtern weiter. Das Programm war simpel: alle Lieblingssongs von Daddy Haim, insbesondere die Gassenhauer von Billy Joel, Tom Petty, Joni Mitchell, von den Rolling Stones und immer wieder und wieder Santana: "Oye Como Va", stöhnen die Schwestern im Chor. "Oh Gott ...! Und ,Black Magic Woman'", jammert Este. ",Supernatural' ist von allen der schlimmste", ächzt Danielle. "Es gibt wirklich keinen einzigen Song von Santana, den wir mögen. Leider liebt Daddy ihn so sehr", sagt Alana leise. Sie wirkt peinlich berührt dabei.
Weil es Mommy und Daddy glücklich machte, trat die Sippe jahrelang fast jede Woche unter dem Namen Rockinhaim als Familienband in der Nachbarschaft auf. "Wir spielten in Delis", sagt Alana. "Und waren bei jedem Schulfest am Start. Manchmal hörte keiner zu, das war dann wirklich erniedrigend", erinnert sich Este. "Und einmal traten wir sogar auf dem Parkplatz von Moms und Dads Firma auf. Wir haben uns irre geschämt", sagt Danielle. Rückblickend finden die drei das natürlich lustig.
Denn meistens, stellen sie klar, machte es ihnen vor allem großen Spaß. "Lange fühlte es sich nicht seltsam an, in einer Band mit den eigenen Eltern zu sein. Im Gegenteil, bis ich acht war, dachte ich, dass jede Familie eine eigene Band hat", sagt Alana, die Plaudertasche des Trios. "Jackson 5 war auch eine tolle Geschwister-Band", sagt Danielle. "Und die Carpenters!", findet Alana.
"Die Coolsten waren sowieso The Breeders", behauptet Este.
Rebellion war eher kein Thema bei Familie Haim. Dass die Kinder Rockstars werden wollten, fanden ihre Eltern herrlich, dass ihnen die Schule ziemlich egal war, störte Mommy und Daddy auch nicht weiter. Wie soll man gegen solche Eltern auf die Barrikaden gehen?, fragen die Schwestern im Chor. Meinungsverschiedenheiten gab es nur bei einem Thema: "Sie warnten uns eindringlich vor der großen, bösen Stadt L.A. So war es immer wieder ein Streitthema, wenn wir abends ausgehen wollten", erzählt Este. Dazu passt, dass die drei Haim-Schwestern nach wie vor im Haus ihrer Eltern wohnen, Rock'n'Roll hin oder her. Gut, Danielle war mal ausgezogen: "Ich hatte einen Freund und wollte mal sehen, wie es so ist zusammenzuleben. Na ja, nach einer Weile kehrte ich allein zurück nach Hause." Für Jungs ist derzeit kein Platz bei den Haims. "Was dieses Thema betrifft, sind wir gar nicht wild", sagt Este, das liefe eher so: "Hey, du siehst nett aus, ruf in einem Jahr wieder an." "Es ist wichtiger, dass unsere Platte fertig wird", stellt Danielle klar.
Vor sieben Jahren beschlossen die Schwestern, allein Musik zu machen und eigene Songs zu spielen, die weit, weit weg von Santana waren. Den kurzzeitig erwogenen Bandnamen Bagel Bitches verwarfen sie. Als Haim begannen sie, Songs zu schreiben - immer zu dritt - und so oft wie möglich aufzutreten. Aber viel kam dabei nicht rum. Mal abgesehen davon, dass die älteren beiden Haim-Schwestern Este und Danielle für eine Retorten-Band namens Valli Girls gecastet wurden. Da spielten sie mit drei gleichaltrigen Mädchen unaufgeregten Mainstream-Rock, landeten auf einigen Soundtracks, machten grelle Videos (die zu ihrem Schrecken noch bei YouTube zu finden sind) und kamen doch nicht so weit, wie von den Strippenziehern erhofft, so dass die wieder den Stecker zogen.
Immerhin wurde Danielle von prominenten Kollegen wie Jenny Lewis, Cee-Lo Green und Julian Casablancas als Tourmusikerin gebucht. Dem Strokes-Sänger Casablancas ist es letztlich wohl zu verdanken, dass Haim nicht einfach aufgaben. Denn Danielle klagte Casablancas frustriert ihr Leid, dass ihre eigene Band nicht vorankäme und dass sie mittlerweile ihre Freunde anflehen müssten, zu ihren Shows zu kommen. "Julian beruhigte mich, dass es die Strokes auch lange schwer hatten und erst entdeckt wurden, nachdem sie eine erste gute Single fertig hatten, und dass wir uns ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren sollten."
So legten die Schwestern ein Jahr Pause ein, in dem sie nur an Songs arbeiteten und keine Auftritte mehr absolvierten. Im vergangenen Herbst erschien ihre erste Single "Forever" und sorgte tatsächlich für die ersehnte mediale Aufmerksamkeit. Es folgten zwei weitere Singles. Aber nun müssen sie ein Album nachlegen. Nicht irgendeines, sondern sie müssen beweisen, dass sie für mehr taugen als für ein kurz aufflackerndes Medienfeuer.
"Manchmal wünsche ich mir, wir hätten die Platte vor einem Jahr aufgenommen, als alles noch so ruhig war", sagt Danielle. Im Juni soll das Werk endlich herauskommen. Vielleicht auch im Juli. Oder doch im August? Und dann sind da noch ihre Eltern, mit denen Haim im Mai beim alljährlichen Kirchenfest der Gemeinde auftreten müssen. Da müssen sie auch noch durch. "Das sind wir ihnen schuldig", sagt Alana. "Aber trotzdem sind wir jetzt auch erwachsen", ergänzt Este. "Und das bedeutet vor allem: nie wieder Santana!"
Haim Konzerttermine: 25.6. Köln, 14.8. Berlin. Infos: www.mlk.com
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 5/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


KulturSPIEGEL 5/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Neue Kommissionspräsidentin: EU-Parlament stimmt für von der Leyen
  • So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle
  • Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: "Diese Leute hassen unser Land"
  • Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not